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Josef Bulva : Kämpfernatur am Flügel

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Dabei geht Bulva Risiken nicht generell aus dem Weg. Doch der Pianist mit einer Passion für Mathematik und Astrophysik will Risiken analysieren können und dann mit aller Entschlossenheit seine Entscheidungen treffen. Umso vernichtender muss die Winternacht vom 22. März 1996 gewesen sein, als Bulva auf spiegelglatter Straße in seiner alten Heimat ausrutschte und mit der linken Hand in die Glasscherben einer Bierflasche fiel, die unter dem Schnee verborgen waren. Nie mehr würde er mit dieser Hand Klavier spielen können, lautete die Diagnose - die größtmögliche Katastrophe für einen Künstler. Bulva trennte sich anschließend sogar von seinen geliebten Steinway-Flügeln.

„Ich wollte allein sein und dem Mitleid entkommen“

Seine nächste Emigration, dieses Mal nach Monaco, wo er schon eine Wohnung besaß und einen Teil seines Vermögens angelegt hatte, folgte wieder einer strengen Logik. „Ich wollte allein sein und dem Mitleid entkommen“, sagt er. Angebote, als Hochschullehrer zu arbeiten, lehnte er ab; es wäre zu schmerzlich gewesen. Doch zugleich wollte der aufwendige Lebensstil finanziert werden. Zudem lebte in Luxemburg noch die damals 75 Jahre alte Mutter, von der Bulva erzählt, sie sei völlig von ihm abhängig gewesen. „Monaco war eine befriedigende Lösung für eine Menge von Kategorien.“

Mit seinem scharfen Verstand bemerkte er rasch, wie sich auf dem Börsenparkett im Derivatehandel ein gutes Auskommen sichern ließ. „Ich lag mit meinen Anweisungen an meinen Broker meist richtig.“ Als seine Bank dann von einer französischen Großbank übernommen wurde, beschloss Bulva, die Sache ganz in die eigenen Hände zu nehmen, und erhielt die Börsenmaklerlizenz. „Am septischsten kann man Geld mit Geld machen“ - das ist einer dieser Sätze, die Bulva immer wieder sagt. Weil sie eine für ihn zentrale Erkenntnis beinhalten, aber wohl auch, weil er damit weitere Fragen, zum Beispiel, wie viel Geld er an der Börse verdient hat, abblocken kann.

Der Drang zum Klavier war stärker

Sicher ist nur, dass sein Drang zum Klavier stärker war als alles andere. Deshalb ließ er die Hand mehrfach operieren und übte neun Jahre lang heimlich, bis die Finger endlich wieder die nötige Kraft und Beweglichkeit hatten. Die monegassische Börsenmaklerlizenz gab Bulva Anfang 2010 zurück. „Und ich bekomme sie auch nicht wieder zurück“, betont er. Dass er nach 14 Jahren Zwangspause wieder Konzerte bestehen würde, daran hat Bulva nie gezweifelt. Ein Virtuose, der sich einst sogar von Ärzten bescheinigen ließ, keinerlei Lampenfieber zu verspüren, kommt erst dann wieder auf die Bühne, wenn er sich seiner selbst völlig sicher ist. Aber Bulva weiß auch, dass die Euphorie über seine Rückkehr nun abklingt und er sich den gnadenlosen Regeln des Konzertgeschäfts stellen muss. Nur die Besten kommen auf die großen Bühnen. Gehört er noch dazu?

“Ich spiele die schnellsten Oktaven der Welt“, sagt er mit einer über Jahrzehnte erworbenen Selbstsicherheit. Doch anders als früher gehe es ihm jetzt nicht mehr nur um die technische Virtuosität. In der letzten Phase seiner Karriere denkt Bulva auch an Risiken der Interpretation. Und dann spricht er lange über Chopins Trauermarsch, den er immer schnell gespielt hat, und nun plötzlich darüber grübelt, ob er eine bestimmte Passage doch besser langsamer spielen sollte. Und wenn er sein Spiel hier veränderte, würde er damit verstanden? „Das ist das ganze Drama eines Interpreten, das ist eine ganz große Entscheidung“, sagt er.

„Das Dienstpersonal der Komponisten“

Wer glaubt, Bulva würde Chopin gerne selbst befragen, irrt. Die großen Komponisten von damals hätten mit anderen Instrumenten und viel kleineren Orchestern gespielt, die heute mögliche Klangfülle sei für sie nicht vorstellbar gewesen. Und überhaupt: Interpreten seien zwar nur „das Dienstpersonal der Komponisten“ - noch so ein Satz, den Bulva immer wieder betont -, aber auf diesem Terrain hätten sie dann auch zu bestimmen. „Komponisten sollen komponieren und nicht spielen.“

In dem Moment, in dem Josef Bulva über die richtige Interpretation einer einzelnen Note nachdenkt, da wirkt es so, als ob er ganz bei sich angekommen ist, versunken in einer Welt aus Musik. So versunken sitzt er mitunter stundenlang an seinem Steinway, auf dem Hofgut nahe Augsburg, wo er regelmäßig übt, aber mit Vorliebe auch im Konzertsaal des Bayerischen Rundfunks in München. „Dort in der Nacht allein zu spielen“, sagt er, „das ist das wahre Glück.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... der Aufarbeitung der Inspiration aus der zuvorigen Nacht.

Die Zeit vergesse ich, ...

... wenn ich in der Virtuosität des Klavierspiels laboriere.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss Talent und Disziplin besitzen, aber auch Glück und Geld haben.

Erfolge feiere ich ...

... nie. Für das Innere des Künstlers gibt es niemals einen Erfolg.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn Vorgänge wegen Unkonzentriertheit, Oberflächlichkeit oder Dumheit kollabieren.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... weiter Virtuose bleiben.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... das Tragen von Geheimnissen auf mich nehmen.

Geld macht mich ...

... frei.

Rat suche ich ...

... bei wissenden, forschenden und profunden Menschen.

Familie und Beruf sind ...

... in meinem Beruf kaum zu verschmelzen.

Den Kindern rate ich, ...

... den Chinesen dankbar zu sein.

Mein Weg führt mich ...

... wie jeden anderen auch in den Tod.

Zur Person

  • Josef Bulva wird 1943 im tschechischen Brünn geboren.
  • Mit neun Jahren beginnt er das Klavierspielen, mit zwölf gibt er erste Mozart-Klavierkonzerte, mit 21 wird er zum Staatssolisten der CSSR ernannt.
  • 1972 emigriert Bulva in den Westen und wird als „Pianist für das wissenschaftliche Zeitalter“ gefeiert.
  • Eine schwere Handverletzung beendet seine Karriere 1996, und Bulva beginnt, erfolgreich an der Börse zu spekulieren. 2009 kehrt er nach mühsamer Rekonvaleszenz auf die Bühne zurück.

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