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Johanna Hey : Allein unter Männern

Steuerfrau mit Sendungsbewusstsein: Johanna Hey Bild: Michael Kretzer

Mit 38 Jahren hat sie ihr Karriereziel schon erreicht: Johanna Hey zählt zu den renommiertesten Steuerrechtlern des Landes. Und auch zu den telegensten.

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          Johanna Hey gehört zu jenen Frauen, die bereits zu hören sind, bevor sie auf der Bildfläche erscheinen. Die Absätze ihrer Schuhe hallen durch das lichte Haus im Kölner Stadtteil Braunsfeld, nicht weit entfernt vom Stadtwald. Hektisch klacken sie, kommen näher, entfernen sich wieder, bis sie schließlich die weiße geschwungene Holztreppe zum Knarren bringen und immer lauter werden. Dann steht sie vor einem: eine zierliche Person in einem geblümten Sommerkleid und auf hochhackigen Pumps. Auch wer sie zum ersten Mal trifft, dem kommt ihr Anblick vertraut vor. Die Frau mit der blonden Mähne ist so etwas wie die Miss Steuern der deutschen Wissenschafts-, Politik- und Fernsehwelt.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Johanna Hey zählt zu den bekanntesten Steuerrechtlern des Landes. Im Hauptberuf leitet sie das Institut für Steuerrecht der Universität Köln, im Nebenberuf sitzt sie in diversen Gremien, unter anderem im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums. Und gerne auch in einer der vielen Talkshows, mal bei Maybrit Illner, mal bei Anne Will. Sie hat bei sich selbst einmal „Sendungsbewusstsein“ diagnostiziert, dieser Begriff trifft die Art, wie sie ihren Beruf ausübt, ziemlich gut. Hey ist sich bewusst, dass sie zumindest ihre Medienpräsenz nicht nur ihrem Fachwissen verdankt, sondern auch der Tatsache, dass sie eine Frau ist, jung ist, gut aussehend ist. „Es hat mir in meiner Karriere nie geschadet, dass ich eine Frau bin, ganz im Gegenteil.“

          Zum Steuerrecht durch Zufall

          Der Lebenslauf von Johanna Hey liest sich wie der einer Musterschülerin. Einser-Abitur am Internat Birklehof im Schwarzwald, Jura-Studium mit Prädikatsexamen an der Universität Würzburg, „TOP 1%“ steht in ihrem Lebenslauf. Mit 31 Jahren Habilitation in Köln, ein Jahr später eigener Lehrstuhl in Düsseldorf. Doch in ihren Augen verlief ihr Werdegang keineswegs so geradlinig, wie er sich liest. „Ich bin keine Überfliegerin. Das sage ich nicht nur, um damit zu kokettieren.“

          „Es hat meiner Karriere nie geschadet, dass ich eine Frau bin”

          Nach dem Abitur überlegt sie zunächst, Medizin zu studieren, wie zuvor schon ihre Mutter. „Seit ich als Kind reden konnte, wollte ich immer Ärztin werden.“ Doch dann bekommt sie einen Studienplatz in Bochum zugeteilt, wo sie auf keinen Fall hinwill, und entscheidet sich für Jura, „in einem langen, schwierigen Abwägungsprozess“. Sie hätte genauso gut Architektur studieren können oder Malerei, so vielfältig sind ihre Interessen. „Als eine der größten Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens habe ich empfunden, dass man sich beschränken muss.“

          Neben Jura belegt sie anfangs auch Medizin-Vorlesungen, doch nach zwei Semestern Doppelleben entschließt sie sich, die Medizin endgültig an den Nagel zu hängen. „In der Medizin muss man am Anfang viel auswendig lernen, bei den Juristen wird man früher ernst genommen.“ Das gute erste juristische Staatsexamen habe ihr einen Kick gegeben – und den Anstoß, zu promovieren. „Dass es auf Steuerrecht hinauslief, war Zufall.“ Zunächst liebäugelt sie mit Arztrecht oder Familienrecht, findet dort aber keinen Doktorvater, kommt schließlich auf Empfehlung zu Joachim Lang an das Institut für Steuerrecht in Köln. „Er hat mich für das Steuerrecht begeistert, für dessen politische Bedeutung und Gerechtigkeitsfragen.“ Dass sie den richtigen Weg gewählt hat, dessen ist sie sich sicher, als sie ihre Doktorarbeit abgibt. „Herr Lang hat Berge von Doktorarbeiten und lässt die oft ziemlich lange liegen. Als ich meine abgegeben hatte, bat er mich zwei Tage später zu sich, um mir zu gratulieren.“

          Mit 32 Jahren der eigene Lehrstuhl

          Sie folgt seinem Rat und beginnt nach Doktortitel und zweitem juristischen Staatsexamen mit ihrer Habilitation. Drei Jahre verbringt sie damit, eine lange Zeit für einen ungeduldigen Menschen, als den Hey sich bezeichnet. Gefolgt vom Warten auf einen Lehrstuhl. „Es war schon ein bisschen naiv, so in eine wissenschaftliche Laufbahn reinzuschlittern.“ Damals habe es in Deutschland nur ein knappes Dutzend Lehrstühle für Steuerrecht gegeben, „da konnte ich mir ausrechnen, wie lange ich warten muss, bis ich einen davon bekomme“. Sie spricht mit Kanzleien, denkt über einen Wechsel in die Wirtschaft nach, „ich war fest entschlossen, nicht in einem staubigen Kämmerlein als Privatdozentin zu enden“. Dann kommt er doch noch, der Ruf, von der Universität Düsseldorf. Mit 32 Jahren ist Hey am Karriereziel angelangt, C4-Professur, mehr geht nicht, eigentlich, denn es geht doch noch besser. Vier Jahre später tritt sie die Nachfolge ihres Förderers und Vorbilds Joachim Lang an und übernimmt das Institut für Steuerrecht in Köln.

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