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Joachim Hunold : Himmelstürmer aus dem Nichts

Kumpeltyp mit eigener Fluglinie: Joachim Hunold. Bild:

Seine Art ist geradlinig, sein Berufsweg ein einziges Durcheinander. Joachim Hunold hat Schule, Lehre und Studium abgebrochen. Dann wagte er den Schritt in die Selbständigkeit. Heute führt er Air Berlin und hat 3800 Mitarbeiter.

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          Die Schule lustlos nach der mittleren Reife verlassen, die Lehre als Industriekaufmann geschmissen, das Abitur dann auf einer Privatschule nachgeholt und orientierungslos ein Jurastudium begonnen, dasselbe nicht zu Ende gebracht - solch ein Lebenslauf kann ja wohl nur unter der Brücke enden. Brücke, das ist das Stichwort. Nur, daß Joachim Hunolds Weg nicht unter, sondern auf die Brücke führte. Genauer gesagt: auf die Kommandobrücke. Der Selfmademanager ist Chef und Miteigentümer von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft Air Berlin. Bald soll die Firma 100 Jets in der Luft haben. Vor 15 Jahren war sie mit zwei Flugzeugen gestartet.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Wer eine etwas unstete Historie aufweist, könnte es also mal bei Air Berlin versuchen. "Ich stelle bewußt auch Mitarbeiter ein, die keinen geradlinigen Lebenslauf haben. Sonst bin ich ja uniformiert. Ich will Alleinstellungsmerkmale finden", sagt Hunold. Einmal in der Zentrale in Berlin über die nüchternen Flure gelaufen, wird sogleich noch Weiteres klar. Hunold ist unangefochten der Boss - ein hemdsärmeliger Kumpeltyp mit Vorliebe für das direkte Wort, was ihm nicht nur Freunde einträgt. Seine Feierlaune ist legendär, ein gutes Dutzend Weihnachtsfeiern an sämtlichen Standorten sprechen für sich. Starkult oder Protzerei sind ihm so fremd wie Scheu vor zuviel Nähe. Vom Vorstand bis zum Pförtner duzt er fast die gesamte Belegschaft, für die Air Berliner ist er "der Achim". Wen er mit "Sie" anspricht, hat schlechte Karten.

          „Er ist ein Schachspieler“

          Aus der Umgangsform sollten freilich keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. "Er ist ein Schachspieler", sagt ein Mitarbeiter. Man darf wohl hinzufügen: Er ist auch ein Arbeiter, ein Besessener und ein Glücksritter. Denn mit Air Berlin, die er vor kurzem ziemlich holprig an die Börse brachte, hätte er auch eine Bruchlandung erleben können. An die Börse habe es ihn stets gezogen, doch als es soweit war, habe ihn die Sorge beschlichen, sein Lebenswerk könne scheitern, sagt Hunold. "Weil ich die Situation bisweilen nicht mehr in der Hand hatte, plötzlich von anderen abhängig war." Besondere Hochachtung vor den begleitenden Investmentbankern ist aus seinen Worten in diesem Moment nicht zu hören. Aber die Medaille hat eben zwei Seiten. Mit dem Börsengang kam frisches Geld, zum Beispiel für neue Flugzeuge.

          Ein lustiger Rheinländer, der auch mal über sich selbst lachen kann.
          Ein lustiger Rheinländer, der auch mal über sich selbst lachen kann. : Bild: picture-alliance/ dpa

          Hunold ist das älteste von vier Kindern, seine Mutter hatte eine Parfümerie und Drogerie, über der die Familie wohnte. So hat er früh das Unternehmertum kennengelernt, mit 14 Jahren machte er seine ersten eigenen Gehversuche. Er fuhr Wäsche mit dem Fahrrad aus. Seine Leidenschaft galt freilich dem Eishockey, obgleich er inzwischen auch recht ordentlich Golf, Tennis und bis heute in der Firmenmannschaft Fußball spielt. "Ich wollte immer Eishockey spielen", schwärmt er. Das kommt der Düsseldorfer DEG zugute, deren Sponsor er heute ist. Selbst geht er allerdings kaum noch aufs Eis, auch einen Joachim Hunold hat die Managerkrankheit eingeholt: "Ich habe zuwenig Zeit." Jetzt spielt er also Golf, in Mallorca, einem der Hauptreiseziele der Air Berlin, oder auf Sylt, jener Nordseeinsel der Prominenten und Schönen, auf der er sich gerade ein Haus gekauft hat und die - ein Schelm, wer dabei einen Zusammenhang sieht - Air Berlin seit neuestem anfliegt.

          Pilotenlizenz in Kneipen erkellnert

          Einen Hang zur Fliegerei hatte Hunold schon früh. Die Privatpilotenlizenz hat er sich in Kneipen erkellnert, doch inzwischen ist sein Pilotenschein erloschen. Studiert hat er schließlich Rechtswissenschaft, weil er ein Studium irgendwie für sinnvoll hielt: "Ich dachte mir, mit Jura kannst du alles werden." Dann ist er "durchs Examen gerauscht, und damit war auch die finanzielle Unterstützung meiner Eltern weg". Also machte er seinen Nebenjob am Flughafen Düsseldorf zum Hauptberuf. Hunold wurde Ramp Agent. Das sind jene Menschen, die dafür sorgen, daß alles ordentlich abläuft, solange das Flugzeug am Boden ist. Er arbeitete sich hoch zum stellvertretenden Stationsleiter, bis eines Tages der Hauptkunde den Abfertiger wechselte. Das Geschäft war weg, Hunolds Zukunft in der Firma auch. Anfang Dreißig, kein Job, ein Problem. "Ich hatte ja keinen Abschluß. Da bin ich auf Pharmareferent gekommen, das schien mir lukrativ", sagt er. Am 1. April 1982 sollte er bei Rhône-Poulenc anfangen. Kurz zuvor traf er zufällig die Vertriebsleiterin der LTU, die von ihm offenbar so angetan war, daß sie ihm in die Hand einen Job im Verkauf der Fluggesellschaft versprach. Das fand Hunold "sehr verlockend". Nur: Auf ein Schriftstück wartete er vergeblich, und der 1. April rückte näher. Er suchte Rat bei seinem Vater, und der sagte einen Satz, der Hunold junior geprägt hat: "Wenn du im Leben etwas erreichen willst, mußt du auch mal ein Risiko eingehen."

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