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Jean-Remy von Matt : Er hat’s erfunden

Jean-Remy von Matt ist Mitgründer der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Bild: Andreas Pein / F.A.Z.

Er gilt als einer der kreativsten Köpfe der Werbebranche. Seine Slogans kennt jeder. Das Texten kann Jean-Remy von Matt selbst im Alter von fast 60 Jahren nicht lassen.

          5 Min.

          Da sitzt er nun, der preisgekrönte Kreative, und grübelt, welche bekannten Werbeslogans von ihm sind. „Bild dir deine Meinung“ und „Wer hat’s erfunden? Ricola!“, die beiden hat er schon genannt. Seitdem überlegt er. Kein Themenwechsel möglich. Die Zeit vergeht. „Ich hab doch noch mehr gemacht“, murmelt er und starrt die Strelitzie auf der Fensterbank an, als ob sie seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen könnte. Man weiß nicht so recht, ob Jean-Remy von Matt wirklich so angestrengt nachdenkt oder ob er es spielt. Dann, sein Gesicht hellt sich auf, er hat tatsächlich noch mehr gemacht. „Wie wo was weiß Obi“. „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Und „Geiz ist geil“. Sagt zumindest er. „Aber da gibt es noch jemand, der das von sich behauptet.“

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Jean-Remy von Matt ist eine Ausnahmeerscheinung in der Werbung. Er ist Mitgründer der Hamburger Agentur Jung von Matt, die seit Jahren als die kreativste Deutschlands gilt. Seine Slogans kennt fast jeder. „Ich habe ein gutes Gefühl dafür, welche Sätze ins Blut gehen“, sagt er. Ausnahmecharakter hat auch sein Ehrgeiz. Er wird bald 60 Jahre alt, ein in der Werbebranche fast schon biblisches Alter, und doch arbeitet er mehr denn je - zum Leidwesen seiner Mitarbeiter, denen von Matt mit seiner chronischen Unzufriedenheit regelmäßig auf die Nerven geht.

          Mehr Macho geht nicht

          Auf den ersten Blick entspricht er allen Klischees, die über Werber so kursieren. Breitbeinig fläzt er sich auf dem Ledersofa im Besprechungszimmer der Agentur. Mehr Macho geht nicht. Eitel ist er auch. Für eine Anzeige des Unterwäscheherstellers Mey zog er sich vor einiger Zeit bis auf die Unterhose aus und präsentierte seinen Waschbrettbauch. Doch sobald er anfängt zu reden, ist es vorbei mit den Klischees. Von Matt ist kein Dampfplauderer. Er spricht leise und langsam, nachdenklich fast immer. Singsang in Schweizer Dialekt. Vor großem Publikum zu reden behagt ihm überhaupt nicht.

          Angesichts der Liste seiner Erfolge verwundert es ein wenig, dass er seine Berufswahl als rein zufällig darstellt. Ein Freund von ihm arbeitete einst in der Werbung, dessen Lebensstil imponierte dem ehemaligen Klosterschüler. „Schwups fängt man an und bleibt kleben“, sagt von Matt. „Ich glaube, dass mich ein anderer Beruf weitergebracht hätte, dass meine Hebelwirkung dort noch größer gewesen wäre.“ Er meint das ernst. Kein Grund zur Sorge, sagt er dann noch, es sei alles okay, und er sei auch nicht depressiv. Nur so eine Überlegung.

          Er mag es, Räume zu planen

          Welcher Beruf das hätte sein können, vermag er nicht mit solcher Klarheit zu sagen. Vielleicht Architekt. Er mag es, Räume zu planen. Da ist zum Beispiel das „Wohnzimmer“ der Agentur, in dem die Lebenswelt des Otto Normalverbrauchers abgebildet ist, inklusive Schrankwand und ADAC-Magazin. Oder das „Elefantenhaus“, in dem die Vorstände der Agentur gemeinsam an einem ovalen Tisch sitzen und das von außen aussieht wie ein Käfig. „Bauer“ lautete von Matts erster Berufswunsch, was er damit meinte, war „Erbauer“. Nach Kühen stand ihm jedenfalls nicht der Sinn.

          Es gehört zu den Gründungsmythen der Agentur, dass sie ihren Ursprung in der ersten gescheiterten Ehe von „JR“ hat. Als er im Jahr 1984 zum Scheidungstermin nach Hamburg flog, traf er im Gericht nicht nur seine Noch-Ehefrau, sondern lernte auch ihren Neuen kennen: Holger Jung. Trotz Ort und Anlass waren sich die beiden Männer auf Anhieb sympathisch, vielleicht auch, weil sie beide aus der Werbung kamen. Aus Frau von Matt wurde bald darauf Frau Jung. Und Herr von Matt und Herr Jung arbeiteten bald darauf gemeinsam bei Springer & Jacoby, der damals besten Agentur im Land.

          Im Jahr 1991 machten sie sich selbständig und gründeten ihre eigene Agentur. „Wir hatten keinen Leidensdruck“, sinniert von Matt über die Hintergründe dieses Schritts. Wieder starrt er die Blume auf der Fensterbank an. War es Eitelkeit? Wieder eine leise Antwort. „Womöglich.“ Dazu passt, dass er die Agentur heute nicht mehr nach ihnen benennen, nicht mehr diesen „Anwaltskanzleien-Blödsinn“ begehen, sondern einen Kunstnamen wählen würde.

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