https://www.faz.net/-gyl-70fh5

Jean-Remy von Matt : Er hat’s erfunden

Eigentlich war geplant, dass sich Springer & Jacoby an der neuen Agentur beteiligen sollte. Doch ein Anwalt riet den Gründern davon ab. Von Matt nennt es heute die beste Entscheidung überhaupt. „Vielleicht sollte ich ihm das mal sagen. Ich bin nicht immer nett zu ihm.“ Der Anwalt ist nicht der Einzige, zu dem er nicht immer nett ist. Von Matt gilt als detailverliebt und kontrollbesessen. Besessen von der Angst, nicht das Beste zu liefern. „Nichts verdirbt die Sitten in einem Unternehmen so sehr wie zehn Jahre ununterbrochener Erfolg“, sagt er. Präsentieren ihm seine Mitarbeiter nach durchgearbeiteten Nächten stolz ihre neuesten Entwürfe, verlangt er nach Besserem. Vermutlich ist von Matts Schulzeit im Kloster - er kommt aus einem katholischen Elternhaus - nicht ganz unschuldig an dem Drill. Täglich heilige Messe, Aufstehen vor dem Morgengrauen, strikte Schweigezeiten. „Das würde heute selbst im Strafvollzug sofort zu einer Meuterei führen.“ Schrecklich sei diese Zeit gewesen. „Aber es war schon eine gute Schule in Disziplin.“

„Ich bin der teuerste Junior-Texter der Welt“

Doch mit seinem unermüdlichen Einsatz bewirkt von Matt zuweilen auch das Gegenteil des Gewünschten, macht sich bei seinen Mitarbeitern unbeliebt, weil er sich nicht aufs Führen konzentriert, sondern ihre Arbeit gleich miterledigt. „Ich bin der teuerste Junior-Texter der Welt“, sagt er in Anspielung auf sein Alter und sein Gehalt. Er weiß, dass diese Rolle suboptimal ist, aber er ist nichts willens, sich zu ändern.

Sich zur Ruhe zu setzen ist seine Sache nicht. Zwar hat er zusammen mit seinem Partner Holger Jung vor zwei Jahren den Generationswechsel in der Agentur eingeleitet, Peter Figge vom Wettbewerber DDB abgeworben und zum Vorstandsvorsitzenden gemacht. Doch anders als Holger Jung sitzt von Matt weiter im Vorstand. Der Zeitpunkt seines geplanten Rückzugs verschiebt sich immer weiter nach hinten, selbst innerhalb eines Gesprächs. Frühestens im nächsten Jahr. Aber nur, wenn bis dahin ein Nachfolger gefunden ist. Und eingearbeitet. Und dieser Nachfolger bewiesen hat, dass er es wirklich kann. Wird knapp. Also vielleicht doch eher später. Ob von Matt überhaupt irgendwann loslassen kann? „Ich würde schon Platz machen“, sagt er, aber so richtig überzeugend klingt es nicht. Vor einigen Monaten haben zwei der fünf Vorstände der Agentur ihren Wechsel zur Konkurrenz verkündet. Bei aller Diplomatie ist ihre Kritik an der Omnipräsenz von Jean-Remy von Matt nicht zu überhören.

Das Image des Internet-Kritikers wird er nicht los

In Berlin haben sich von Matt und seine Frau, es ist die inzwischen vierte, vor einiger Zeit ein Haus gekauft. Rosenthaler Platz, mitten in Mitte. Jetzt wird renoviert. Der Erbauer kommt wieder durch. Von Matt mag Berlin, mehr als Hamburg. Aber auch die Aussicht auf das Leben in Deutschlands Metropole treibt ihn so schnell nicht weg. „Vorfreude ist die schönste Freunde.“ Seine größte Sorge ist es, dass Jung von Matt ohne ihn ins Mittelmaß abdriftet. Die Konkurrenz schläft nicht. Auf dem Werbefestival des Art Directors Club sahnte in diesem Jahr die Berliner Agentur Heimat die meisten Auszeichnungen ab. Das schmerzt. Für den Stammkunden Mercedes hat sich Jung von Matt einige nette Spielereien ausgedacht, zum Beispiel ein Auto mit Leuchtdioden und Kameras unsichtbar gemacht, um den geringen CO2-Ausstoß zu demonstrieren. Aber der Slogan, über den ganz Deutschland spricht, fehlt. Langsam könnte mal wieder ein neues „Geiz ist geil“ her.

Oder ein paar neue „Klowände des Internets“. Als solche hat von Matt vor sechs Jahren Blogs bezeichnet. Seine interne Rundmail mit der Frage, warum jeder Computerbesitzer im Internet ungefragt seine Meinung absondere, sickerte schnell in die Bloggergemeinde durch, wo sie das auslöste, was man heute einen Shitstorm nennt: jede Menge Beschimpfungen. Mit dem Satz hat von Matt seiner Agentur nachhaltig geschadet. Bis heute schleppt sie das Image mit sich herum, wenig vom Internet zu halten. Schreiben würde er das mit den Klowänden deshalb nicht noch einmal, sagt von Matt im Rückblick. Stolz darauf ist er trotzdem. Auf die Plakativität und darauf, dass er es damit bis in die „New York Times“ schaffte. „Eine ordentliche Texterleistung“, bescheinigt er sich. So klingt ein Lob aus dem Mund von Deutschlands ehrgeizigstem Werber.

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt mit ...

... einem Milchkaffee und einem Bananenbrot.

Die Zeit vergesse ich ...

... beim intensiven Sinnieren über Ideen und Fragebogen aller Art.

Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... darf den Fuß nicht vom Gas nehmen.

Erfolge feiere ich ...

... lieber nicht, denn das macht satt und selbstgefällig.

  Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn ein Taxifahrer bei Gelb anhält.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... endlich meinen ersten Geschlechtsverkehr.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... eine Firma gründen, die meinen Namen trägt.

Geld macht mich ...

... nervös, weil man es verlieren kann.

Rat suche ich ...

... bei Google oder ganz analog bei meiner Frau.

Familie und Beruf sind ...

... das, was einen immer bereichert und manchmal zerreißt.

Den Kindern rate ich ...

... zu einem seriösen Beruf.

 Mein Weg führt mich ...

 ... hoffentlich weiter geradeaus - der Sonne entgegen.

Zur Person

Jean-Remy von Matt kommt am 2. November 1952 in Brüssel zur Welt und wächst in der Schweiz auf. Er besucht eine Klosterschule.

Nach dem Abitur geht er auf eine Werbefachschule und arbeitet danach in diversen Agenturen in Deutschland. 1991 macht er sich mit Holger Jung in Hamburg selbständig.

Mit der Aussage, Blogs seien die Klowände des Internets, schafft von Matt es bis in die „New York Times“. 

Mit bald 60 Jahren ist von Matt der älteste Mitarbeiter der Agentur. Er ist in vierter Ehe verheiratet und hat zwei Söhne.

Weitere Themen

Es hat sich ausgeprollt

Max von der Groeben : Es hat sich ausgeprollt

Der 27 Jahre alte Max von der Groeben wurde bekannt mit Doofi-Rollen wie der des Danger in „Fack ju Göhte“. In seinem neuen Kinofilm spielt er sich frei. Unsere Autorin hat ihn in Köln getroffen.

Kino der heimlichen Rekorde

Labia Theatre in Kapstadt : Kino der heimlichen Rekorde

Das Labia in Kapstadt ist ein besonderes Lichtspielhaus. Filme laufen hier auch mal fast ein Jahr lang. Das Kino, in dem jeder Besuch zu einer kleinen Zeitreise wird, behauptet sich seit 70 Jahren – gerade deswegen.

Topmeldungen

Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.
Wenn als Kind Traumata erlebt werden, kann dies zu epigenetischen Veränderungen führen, die Depressionen hervorrufen.

Wie viele Kinder leiden? : Die angeknackste Psyche der Jugend

Warum sind in Deutschland doppelt so viele junge Menschen depressiv wie im Rest Europas? Eine große Studie legt das nahe. Doch die Statistik ist trügerisch, was nicht zuletzt auch an den Ärzten liegt.

Europa League im Liveticker : 2:1 – Frankfurt dreht das Spiel

Guimarães geht gegen die Eintracht mit einem umstrittenen Tor in Führung, dann aber profitieren die Frankfurter erst von einem Patzer, ehe sie ein zweites Mal treffen. Wer setzt sich am Ende durch? Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.
Das nächste „große Ding“? Auch IBM forscht im Bundesstaat New York an Quantencomputern.

Bahnbrechende Technologie : Im Quantenfieber

Unternehmen treiben die Quantentechnologie voran – nicht nur mit Computern, die Unglaubliches leisten. Thales aus Frankreich will Vorreiter sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.