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Hans-Ludwig Kröber : Im Seelenleben der Verbrecher

Kennt das Gefühl auf der Anklagebank: Hans-Ludwig Kröber Bild: Andreas Pein

Er kennt die prominentesten Mörder, Vergewaltiger und Bankräuber persönlich. Denn Hans-Ludwig Kröber ist derjenige, der prüft: Sind diese Leute krank?

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          Das Gerücht, dass Psychiater oft selbst ein bisschen verrückt sind, hat Hans-Ludwig Kröber längst in sein Repertoire ironischer Sprüche aufgenommen: „Ich bin zwischen Verrückten groß geworden“, scherzt er über seine Kindheit in Bielefeld-Bethel, wo Vater und Mutter als Nervenärzte arbeiteten. „Zwischen Verrückten mit und ohne Kittel.“ Mit sechs Jahren spielte der kleine Hans-Ludwig auf den Betheler Klinikfluren, klaute in den Patientengärten Kirschen und saß neben Anfallskranken im Fernsehzimmer der Klinik, weil Familie Kröber zu Hause keinen Fernseher hatte. „Ich habe schon sehr früh gelernt, zu unterscheiden, wer Patient war und wer nicht, wer krank war und wer gesund“, erzählt er.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Mehr als 50 Jahre später ist exakt dies zu seinem täglichen Geschäft geworden – zu beurteilen, wer psychisch krank ist und wer nicht: Hans-Ludwig Kröber leitet das Institut für Forensische Psychiatrie in Berlin und ist Deutschlands wohl bekanntester Kriminalgutachter. Er wird zu Rate gezogen, wenn Mörder und Vergewaltiger vor Gericht stehen, deren Fälle Deutschland teilweise über Monate und Jahre in Atem hielten: Den Mörder des kleinen Mitja hat er begutachtet und den Sexualstraftäter im „Fall Stephanie“. Auch als Sachverständiger für Christian Klar war Kröber einst vorgesehen – hätte Klar nicht beharrlich jedes Gespräch verweigert.

          „Ich geniere mich für diese politische Verblendung“

          Auf den ersten Blick scheint Kröbers Psychiaterkarriere fast vorgezeichnet. Fast. „Ich wollte nie das Gleiche machen wie meine Eltern“, sagt er, wenn er über die Traumberufe seiner Jugend erzählt. „Ganz früher wollte ich Dichter werden und dann Mathematiker.“ Doch die Angst, als Lehrer zu enden, hielt ihn davon ab und führte zu dem Entschluss, doch eine Medizinkarriere einzuschlagen. „Ich wollte aber auf keinen Fall Psychiater werden, sondern lieber ein anständiger Arzt. Internist an einer Uniklinik – das war mein Traum“, sagt Kröber. „Doch dann kam die Weltrevolution dazwischen.“

          Als Gutachter wird er zu großen Strafprozessen hinzugezogen

          Es waren die frühen siebziger Jahre, Kröber studierte in Münster. Er engagierte sich in einer linken Sozialarbeitergruppe, erst nebenher, dann mit wachsendem Interesse. „Irgendwann war die Politik wichtiger geworden als das Studium. Wir wollten besser sein als unsere Elterngeneration. Eine kommunistische Gesellschaft schaffen“, sagt er. „Im Nachhinein geniere ich mich für diese politische Verblendung.“ 1974 trat Kröber in den Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) ein, eine maoistisch orientierte sogenannte „K-Gruppe“. 1976 kandidierte er für die Bundestagswahl.

          „Das war ein richtig heißer Sommer“, erinnert er sich: Schlägereien mit der Polizei, Ärger wegen unangemeldeter Demos. „Am Ende hatte ich zehn Strafverfahren“, sagt Kröber. „Neun davon habe ich gewonnen, das zehnte hat dafür gesorgt, dass ich den Traum, an einer Uniklinik zu arbeiten, für lange Zeit aufgeben musste.“ Es sei um Widerstand gegen die Staatsgewalt gegangen, es habe einen Eintrag im Bundeszentralregister gegeben, und der Verfassungsschutz habe ihn im Auge behalten. „Es war schwer, überhaupt eine Arztstelle zu bekommen.“ Bis heute ist Kröber einer geblieben, der weiß, wie sich die Anklagebank anfühlt. Auch einer, der weiß, wie es ist, wenn man „sich ideologisch so festgelegt hat, dass da eine kaum zu erschütternde Gläubigkeit ist“. Und wie schwer es ist, wieder rauszukommen.

          Trotz Vorstrafe noch eine Chance als Mediziner

          Kröber kam raus – indem er wieder in Bethel anheuerte. Dort sah man über seine Vorstrafe hinweg, gab ihm eine Chance – und eine Menge Arbeit. „Und dort sprach ich zum ersten Mal seit langem wieder mit normalen Leuten“, sagt Kröber – mit Ärzten, Krankenschwestern, Patienten. „Diese Gespräche haben mir die Augen geöffnet.“Dass einige dieser „normalen Leute“ gar völlig hasserfüllt über die RAF-Terroristen sprachen, gab Kröber zusätzlich zu denken. „Eine Krankenschwester hat denen sogar den Tod gewünscht“, erinnert er sich.

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