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Eve Ensler : Tabubrecherin aus Leidenschaft

Ein Büro in New York, ein Haus in Kongo: Frauenrechtlerin Eve Ensler lebt wie eine moderne Nomadin Bild: Wire Image/Getty Images

Das Theaterstück „Vagina-Monologe“ machte sie berühmt. Ob auf der Bühne oder in Krisengebieten - Eve Ensler kämpft für die Rechte von Frauen.

          4 Min.

          Es kommt in Südafrika nicht oft vor, dass eine weiße Bühnenautorin Kulturinteressierte jeder Hautfarbe anzieht. Doch als die Amerikanerin Eve Ensler zum Premierengespräch ihres neuen Stücks „I am an Emotional Creature“ (Ich bin ein emotionales Wesen) ins Johannesburger Market Theatre einlädt, stehen ihre Fans Schlange. „Das ist doch die mit den Vagina-Monologen“, sagt eine junge schwarze Frau. Auf der Bühne witzelt Enslers Gesprächspartnerin, dass ihr Gast ja gar nicht aussehe wie eine Feministin. Sie trage schließlich sogar Lippenstift. Ob Feministin oder nicht – die 58 Jahre alte New Yorkerin Eve Ensler kämpft seit Jahren für eine Sache: das Recht von Frauen auf ein Leben ohne Gewalt, ohne Unterdrückung. Ein Leben, in dem es erlaubt ist, Gefühle zu zeigen und sich von Gefühlen leiten zu lassen. Ensler berichtet auf der Bühne von persönlichen Erfahrungen, von ihrem gewalttätigen Vater, von Begegnungen mit vergewaltigten und geschundenen Frauen. Zwischendurch wischt sie sich ein paar Tränen der Rührung weg. „Ich bin so emotional“, ruft sie den Zuschauern zu.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Ensler erlebte den Durchbruch als Künstlerin Mitte der neunziger Jahre mit den „Vagina-Monologen“, ihrem bisher mit Abstand erfolgreichstem Stück. Eine Zusammenstellung von Bekenntnissen von Frauen über Sex, Beziehungen und Gewalt. Erstmals wurde das Stück im Jahr 1996 am Here Arts Center in New York aufgeführt, einem Theater, das sich der Förderung junger, unbekannter Künstler verschrieben hat. Die Monologe sorgten für so viel Furore, dass sich bald auch Broadway-Theater dafür interessierten. Hollywood-Stars wie Whoopi Goldberg und Glenn Close übernahmen Rollen. Dieser Erfolg ermöglichte Ensler eine zweite Karriere fernab der Bühne. Sie gründete die Hilfsorganisation V-Day, die sich für die Rechte von Frauen auf der ganzen Welt einsetzt. Bis heute sammelte V-Day 85 Millionen Dollar ein. Daraus finanziert die Organisation unter anderem Frauenhäuser in Kongo, Haiti, Kenia, Ägypten und im Irak.

          Busse voller Teenager

          Das neue Stück von Eve Ensler befasst sich mit ähnlichen Themen wie die Vagina-Monologe. Diesmal aber geht es um jüngere Frauen und Mädchen. Da ist beispielsweise die Frau aus Kongo, die verschleppt, vergewaltigt, zwangsverheiratet und vom Ehemann als Sklavin gehalten wird. Oder das Mädchen, das nach einer aufgezwungenen Nasenoperation den Halt im Leben verliert. Die Berichte auf der Bühne verlangen den Zuschauern einiges ab. Gleichzeitig aber reißen die jungen Schauspielerinnen mit ihrer Energie das Publikum mit. Es wird viel getanzt, gesungen, gelacht. Eve Ensler könnte die Mutter der Darstellerinnen auf der Bühne sein. Tatsächlich hat sie bereits zwei Enkelkinder. Anzusehen ist ihr das nicht. Zum Gespräch in einem Johannesburger Hotel kommt sie in enger schwarzer Hose, dazu trägt sie eine Jacke im Leopardenmuster und ein knallbuntes Oberteil. Entspannt setzt sie sich auf das Sofa in der Lobby und fängt mit einer Engelsgeduld an, ihre hohen schwarzen Turnschuhe zu binden. Das hat etwas Mädchenhaftes. Womöglich passt es ins Bild einer hauptberuflichen Rebellin.

          Es sei bisher alles hervorragend gelaufen, erzählt sie, über die Schuhe gebeugt. Jeden Morgen werden Busse voller Teenager aus ganz Johannesburg zum Theater gebracht, um „I am an Emotional Creature“ zu sehen. „Jungen wie Mädchen waren begeistert. Die Lehrer sagten, dass sie das Stück im Lehrplan berücksichtigen wollen.“ Dass es darin sehr explizit um Sex und Gewalt geht, habe niemanden gestört. Fast wirkt sie etwas betrübt darüber. Ihr Erfolg beruht schließlich darauf, Tabus unverblümt anzusprechen. In einigen Ländern wurden die Vagina-Monologe verboten, das hat die Bekanntheit nur gesteigert. „Es geht mir nicht um Provokation. Ich schreibe nur auf, was ich vor mir sehe, was ich fühle“, rückt Eve Ensler den Eindruck zurecht. Auch hätten sich die Zeiten geändert. „Die Leute flippen heute nicht mehr aus, wenn sie ein Wort wie Vagina hören.“

          Eine schwere Kindheit, Depressionen, Alkohol

          Ensler spricht gerne über ihre Organisation und ihr neues Stück, aber nicht so gerne über Persönliches. Eine schwere Kindheit. Physische und sexuelle Misshandlungen. Sie erleidet Depressionen, flüchtet sich in den Alkohol. Nach dem Studium am amerikanischen Middlebury College für Geisteswissenschaften nimmt sie eine Stelle in einem Obdachlosenheim an, schlägt sich, so gut es geht, mit selbstverfassten Theaterstücken durch. Sie heiratet einen Freund, der ihr hilft, die Sucht zu beenden, und adoptiert dessen 15 Jahre alten Sohn. Die Ehe hält zehn Jahre. „Ich habe früh angefangen zu schreiben, weil ich in einer gewalttätigen Umgebung aufgewachsen bin. So konnte ich eine andere Person schaffen, die damit umgehen konnte.“

          Noch heute sieht sie das Schreiben nicht als Beruf, sondern eher als Therapie. „Wenn ich nicht schreiben würde – ich würde verrückt werden.“ In ähnlicher Weise hilft ihr das humanitäre Engagement, auch ihr eigenes Leben zu meistern. „Die Frauen aus Kongo haben mir das Leben gerettet“, sagt sie mit einer Kunstpause. Der Überraschungseffekt dieser Aussage ist gewollt. „Es ist wahr, wenn man sieht, was diese Frauen durchgemacht haben, hört man selbst auf zu jammern.“ Ihre Rollen als Autorin und als Aktivistin sind eng miteinander verknüpft. Die Erlebnisse während der V-Day-Projekte liefern den Stoff für ihre Werke. Umgekehrt wird V-Day überwiegend aus den Einnahmen finanziert, die Ensler mit ihren Theaterstücken und Büchern erwirtschaftet. Auch ihr privates ist von ihrem beruflichen Leben kaum zu trennen. Wenn sie nicht schreibt oder ihre Stücke präsentiert, reist sie von einem Krisenherd zum nächsten: Afghanistan, Pakistan, Kongo – wo auch immer es Projekte von V-Day gibt, ist sie zur Stelle. „Ich bin eine Nomadin“, erzählt sie, „ich halte mich an die alte Weisheit der Massai: zu wandern und zu grasen.“ Wohl auch deswegen hat sie keinen festen Wohnsitz: Ein Apartment in Paris, ein Büro in New York, gerade wird ihr ein kleines Haus in Kongo gebaut.

          Auftritt bei den Vereinten Nationen

          Wer sein Leben dem Ziel widmet, die Welt zu verbessern, bleibt freilich auch von Enttäuschungen nicht verschont. Spontan fällt ihr in diesem Zusammenhang der Versuch ein, Lobbyarbeit auf politischer Ebene zu betreiben. Noch eindrücklich in Erinnerung sei ihr ein Auftritt bei den Vereinten Nationen, als sie von den Massenvergewaltigungen in Kongo berichtete und einzelne Vertreter ungerührt auf dem Handy herumtippten. „Diese Organisationen sind so hierarchie- und bürokratielastig, so korrupt, so fern vom wirklichen Leben. Dafür bin ich nicht geschaffen.“ Seitdem konzentriert sie sich auf die Arbeit an der Basis. „Da ist das Leben, da kann man noch etwas verändern.“ Längst hat Ensler ihre Schnürsenkel vergessen. Sie spricht immer schneller, verwendet drei Sätze für eine Aussage, für die eigentlich einer reichen würde. Es besteht kein Zweifel: Diese Frau lässt sich nicht stoppen – nicht von negativen Theaterkritiken, nicht von der vor kurzem überstandenen Krebserkrankung, nicht von Zweiflern, die ihre Ziele als Utopie belächeln. Als V-Day gegründet wurde, hatte Ensler vollmundig angekündigt, die Gewalt gegen Frauen bis zum Jahr 2005 überall zu beenden. „Jawohl, ich sagte damals ,beenden‘“, sagt sie und setzt mit einem selbstironischen Lächeln hinzu: „Manchmal ist es gut, ein Ziel zu haben, auch wenn man es nicht immer erreicht.“

          Dieser Satz klingt wie ein Schlusswort, doch sie will es dabei nicht bewenden lassen. „Wir müssen daran glauben, dass es möglich ist, die Gewalt gegen Frauen zu beenden“, stellt sie noch einmal klar. „Wenn man daran nicht glaubt, was macht man dann? Nur Zeitungen und Bücher lesen und sich Gedanken für die Ewigkeit machen? Ich weiß, es ist ein absurdes Vorhaben, aber wissen Sie was? Ich habe immer noch das Gefühl, dass es möglich ist.“

          Zur Person

          Eve Ensler kommt 1953 in New York zur Welt. Sie fängt früh an zu schreiben.

          Mit den „Vagina-Monologen“ wird sie berühmt. Das Theaterstück wird in mehr als 140 Ländern aufgeführt.

          Weil ihr das Schicksal misshandelter Frauen am Herzen liegt, gründet sie die Hilfsorganisation V-Day.

          In diesem Jahr erhält sie einen Tony Award, den wichtigsten amerikanischen Theaterpreis. Im Moment arbeitet sie an einem Stück über ein Mädchen, das sich aus Protest gegen die Konsumgesellschaft aus der Mülltonne ernährt.

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