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Eve Ensler : Tabubrecherin aus Leidenschaft

Eine schwere Kindheit, Depressionen, Alkohol

Ensler spricht gerne über ihre Organisation und ihr neues Stück, aber nicht so gerne über Persönliches. Eine schwere Kindheit. Physische und sexuelle Misshandlungen. Sie erleidet Depressionen, flüchtet sich in den Alkohol. Nach dem Studium am amerikanischen Middlebury College für Geisteswissenschaften nimmt sie eine Stelle in einem Obdachlosenheim an, schlägt sich, so gut es geht, mit selbstverfassten Theaterstücken durch. Sie heiratet einen Freund, der ihr hilft, die Sucht zu beenden, und adoptiert dessen 15 Jahre alten Sohn. Die Ehe hält zehn Jahre. „Ich habe früh angefangen zu schreiben, weil ich in einer gewalttätigen Umgebung aufgewachsen bin. So konnte ich eine andere Person schaffen, die damit umgehen konnte.“

Noch heute sieht sie das Schreiben nicht als Beruf, sondern eher als Therapie. „Wenn ich nicht schreiben würde – ich würde verrückt werden.“ In ähnlicher Weise hilft ihr das humanitäre Engagement, auch ihr eigenes Leben zu meistern. „Die Frauen aus Kongo haben mir das Leben gerettet“, sagt sie mit einer Kunstpause. Der Überraschungseffekt dieser Aussage ist gewollt. „Es ist wahr, wenn man sieht, was diese Frauen durchgemacht haben, hört man selbst auf zu jammern.“ Ihre Rollen als Autorin und als Aktivistin sind eng miteinander verknüpft. Die Erlebnisse während der V-Day-Projekte liefern den Stoff für ihre Werke. Umgekehrt wird V-Day überwiegend aus den Einnahmen finanziert, die Ensler mit ihren Theaterstücken und Büchern erwirtschaftet. Auch ihr privates ist von ihrem beruflichen Leben kaum zu trennen. Wenn sie nicht schreibt oder ihre Stücke präsentiert, reist sie von einem Krisenherd zum nächsten: Afghanistan, Pakistan, Kongo – wo auch immer es Projekte von V-Day gibt, ist sie zur Stelle. „Ich bin eine Nomadin“, erzählt sie, „ich halte mich an die alte Weisheit der Massai: zu wandern und zu grasen.“ Wohl auch deswegen hat sie keinen festen Wohnsitz: Ein Apartment in Paris, ein Büro in New York, gerade wird ihr ein kleines Haus in Kongo gebaut.

Auftritt bei den Vereinten Nationen

Wer sein Leben dem Ziel widmet, die Welt zu verbessern, bleibt freilich auch von Enttäuschungen nicht verschont. Spontan fällt ihr in diesem Zusammenhang der Versuch ein, Lobbyarbeit auf politischer Ebene zu betreiben. Noch eindrücklich in Erinnerung sei ihr ein Auftritt bei den Vereinten Nationen, als sie von den Massenvergewaltigungen in Kongo berichtete und einzelne Vertreter ungerührt auf dem Handy herumtippten. „Diese Organisationen sind so hierarchie- und bürokratielastig, so korrupt, so fern vom wirklichen Leben. Dafür bin ich nicht geschaffen.“ Seitdem konzentriert sie sich auf die Arbeit an der Basis. „Da ist das Leben, da kann man noch etwas verändern.“ Längst hat Ensler ihre Schnürsenkel vergessen. Sie spricht immer schneller, verwendet drei Sätze für eine Aussage, für die eigentlich einer reichen würde. Es besteht kein Zweifel: Diese Frau lässt sich nicht stoppen – nicht von negativen Theaterkritiken, nicht von der vor kurzem überstandenen Krebserkrankung, nicht von Zweiflern, die ihre Ziele als Utopie belächeln. Als V-Day gegründet wurde, hatte Ensler vollmundig angekündigt, die Gewalt gegen Frauen bis zum Jahr 2005 überall zu beenden. „Jawohl, ich sagte damals ,beenden‘“, sagt sie und setzt mit einem selbstironischen Lächeln hinzu: „Manchmal ist es gut, ein Ziel zu haben, auch wenn man es nicht immer erreicht.“

Dieser Satz klingt wie ein Schlusswort, doch sie will es dabei nicht bewenden lassen. „Wir müssen daran glauben, dass es möglich ist, die Gewalt gegen Frauen zu beenden“, stellt sie noch einmal klar. „Wenn man daran nicht glaubt, was macht man dann? Nur Zeitungen und Bücher lesen und sich Gedanken für die Ewigkeit machen? Ich weiß, es ist ein absurdes Vorhaben, aber wissen Sie was? Ich habe immer noch das Gefühl, dass es möglich ist.“

Zur Person

Eve Ensler kommt 1953 in New York zur Welt. Sie fängt früh an zu schreiben.

Mit den „Vagina-Monologen“ wird sie berühmt. Das Theaterstück wird in mehr als 140 Ländern aufgeführt.

Weil ihr das Schicksal misshandelter Frauen am Herzen liegt, gründet sie die Hilfsorganisation V-Day.

In diesem Jahr erhält sie einen Tony Award, den wichtigsten amerikanischen Theaterpreis. Im Moment arbeitet sie an einem Stück über ein Mädchen, das sich aus Protest gegen die Konsumgesellschaft aus der Mülltonne ernährt.

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