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Elke Heidenreich : Die Vorleserin

  • -Aktualisiert am

Sie liest zuviel, um schreiben zu können: Elke Heidenreich Bild: picture-alliance/ dpa

Mit fünfzehn verließ sie ihr Elternhaus, weil es ihr zu eng geworden war. Zum Fernsehen kam sie durch Zufall. Heute gehorchen ihr die Leser aufs Wort. Aber Elke Heidenreich empfindet Macht als Nebensache.

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          Als ein Regenguss sie vor einiger Zeit von der Straße in die nächstgelegene Kneipe trieb, stellte sich Elke Heidenreich zu zwei Männern an den Tresen und bestellte ein Kölsch. Sie kamen ins Gespräch, redeten über das Wetter, eben über das, worüber sich Menschen unterhalten, wenn der Zufall sie zusammenführt. "Jevv demm Mädche noch ne Kölsch", sagte der eine zum Barmann. Der Regen ließ nach, und Elke Heidenreich verabschiedete sich. "Tschö, Elke", verabschiedeten sich die Männer. Sie hatten die ganze Zeit gewusst, mit wem sie da ihr Bier tranken. Aber viel Aufhebens machten sie nicht darum. Elke Heidenreich ist eine berühmte Frau. Aber sie ist kein Star. Sie tritt nicht auf. Sie ist einfach da.

          Dabei sah es zunächst so aus, als hätte das Leben andere Pläne mit ihr, Pläne, die wenig schillernd anmuteten. Geboren wurde sie 1943 im hessischen Korbach als Tochter eines Automechanikers und Tankstellenbesitzers. Aufgewachsen ist sie in Essen. Sie war ein einsames Kind, die Nachkriegsehe ihrer Eltern keine gute. Sie galt als schwierig, dabei waren es nur die Umstände, die das Leben so schwierig machten. Um ihren Hals trug sie stets einen Schlüssel, und nach der Schule war sie immer alleine. Die Eltern arbeiteten. Gerettet haben sie die Bücher. Sie las sich in eine andere Sphäre und spürte, dass es Spannenderes geben muss als dieses Dasein. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Sie wollte mehr, und sie wollte weg. Es war der Pfarrer, der ihr die Tür zu einem anderen Leben öffnete. Er nahm sie bei sich auf, mit seiner Familie zog sie nach Bonn. Sie kam in ein Haus voller Bücher, nahm Klavierstunden, machte ihr Abitur. Später studierte sie Germanistik, Theatergeschichte und Religionswissenschaft in München, Berlin und Hamburg.

          Weisheiten einer Metzgersfrau

          Es ist ein klirrend kalter Tag, kaum eine Wolke am Winterhimmel über Köln, der Stadt, in der Elke Heidenreich schon so lange lebt. Sie ist zu Fuß gekommen, am Rhein entlang. Der eisige Wind hat ihre Wangen rot gefärbt und ihr Haar zerzaust. Sie ist sehr freundlich und hat wache Augen. Sie spricht schnell. Und sie ist zu früh. Das kommt vom Radio, sagt sie, Radio-Leute seien immer zu früh.

          In einem Kölner Kindergarten, mitten in ihrem Element
          In einem Kölner Kindergarten, mitten in ihrem Element : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Mit dem Radio fing alles an. Sie waren von München nach Baden-Baden gezogen, Elke Heidenreich und ihr damaliger Mann Bernd Schroeder, mit dem sie auch heute noch, mehr als zehn Jahre nach ihrer Trennung, eine innige Freundschaft verbindet. Das Radio spielte ständig Popmusik und verzichtete auf Wortbeiträge. Elke Heidenreich fragte sich beim Sender durch, bis sie den Verantwortlichen gegenüberstand und ihnen sagen konnte, was sie von dem Programm hielt, nämlich nichts. Da müsste auch mal über Musik gesprochen werden und über Konzerte, und überhaupt müsse alles ganz anders sein. Dann machen Sie es doch anders, schlug man ihr vor. Sie machte und wurde zu einem der Gründungsmitglieder von SWF 3, einer Popwelle, die Kultstatus erreichen sollte.

          Elke Heidenreichs Weg ist gepflastert mit solchen Geschichten. Mit Zufällen, aus denen Glücksfälle wurden. Wie damals, als Alfred Biolek sie im Fernsehen erlebte und so begeistert von dieser Frau war, dass er ihr die Urlaubsvertretung seines "Kölner Treff" anbot. Sie moderierte die Sendung von 1981 bis 1983, es war ihr Durchbruch als Talk-Masterin. Vorher hatte sie zehn Jahre lang als freie Journalistin für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen gearbeitet, Drehbücher geschrieben - und als "Else Stratmann", Metzgersfrau aus Wanne-Eickel, die Weisheiten des Ruhrpotts in die Wohnzimmer getragen.

          Nie hat sie an einer „Karriere“ gebastelt

          "Ich habe immer viel gemacht", sagt sie, "aber das Leben hat auch viel mit mir gemacht." Sie ist keine Strategin. Nie hat sie an einer "Karriere" gebastelt. "Ich bin fleißig und diszipliniert", sagt sie und schmunzelt, "mit Einbrüchen. Aber ich habe überhaupt keinen Ehrgeiz." Sie spricht das Wort aus, als käme es ihr wahrlich exotisch vor. Bei dieser Erfolgsgeschichte möchte man ihr das aber nicht unbedingt glauben. Immer, sagt sie, sei sie ausgestiegen, als sie am erfolgreichsten war. Als "Else Stratmann" und bei "live", der Talk-Runde in der Alten Oper Frankfurt, die sie von 1990 bis 1992 moderierte. Und als ihr Erzählband "Kolonien der Liebe" zwei Jahre lang auf den Bestsellerlisten stand, schrieb sie erst einmal kein Buch mehr. "Was soll ich erreichen wollen?", fragt sie heiter und gar nicht kokett. "Ich wollte immer viel lieber ein schönes Leben haben, und das habe ich. Ich liege auf dem Sofa, lese und esse Schokolade in mich hinein. Das ist doch herrlich!"

          Natürlich ist es nicht immer herrlich. Jeden Morgen steht sie zwischen halb neun und halb zehn auf, frühstückt, liest Zeitung. Danach liest sie Bücher. Viele Bücher. Auf jedes, das sie im Fernsehen vorstellt, kommen acht, die sie gelesen, aber aussortiert hat. 60 Seiten gibt sie einem Buch, eine Stunde Lebens- und Lesezeit. Wenn es sie bis dahin nicht entflammt hat - vorbei. Um ein oder zwei Uhr nachts geht sie ins Bett, und dort liest sie weiter, allerdings nur noch zum Vergnügen. Gedichte etwa, ohne die kann sie nicht gut leben. Mit glänzenden Augen trägt sie eines vor: "Ich färbte dir den Himmel brombeer / mit meinem Herzblut / Aber du kamst nie mit dem Abend - / ... Ich stand in goldenen Schuhen." Ihr Augen leuchten, und sie freut sich wie ein Kind. "Ist das nicht schön? In goldenen Schuhen ...!"

          Manchmal ist das Lesen aber auch Last statt Lust. Selbst für Elke Heidenreich, die die Menschen anfleht zu lesen. Sind Sie eine Missionarin, Frau Heidenreich? "Ja", sagt sie, lehnt sich zurück und sieht sehr entschlossen aus. Das Glück des Lesens wie ein Geheimnis zu hüten, still zu genießen, als Wissende unter Unwissenden - ausgeschlossen. "Ich muss immer alles teilen", sagt sie. "Ich sehe so viel Leere in den Gesichtern der Menschen, so viel Langeweile in den Strandkörben. Ich möchte den Leuten zurufen: Mit einer guten Geschichte seid ihr gerettet." Sie glaubt, dass Lesen hilft, weil sie es selbst erlebt hat. "Wir kennen so vieles nicht in der Welt. Bücher zeigen uns, dass andere das Gleiche erleben wie wir, dass wir nicht alleine sind. Das tröstet uns." Sie hält einen Moment inne. "Eine Art Standortbestimmung."

          Reich-Ranicki nennt sie „Liebste“

          Als Marcel Reich-Ranicki aus dem "Literarischen Quartett" ausstieg, bot man ihr den Einstieg an. Aber sie ahnte, ohne den alten Herrn, den sie verehrt und der sie hartnäckig "Liebste" nennt, wann immer sie miteinander sprechen, würde die Sendung nicht funktionieren. Außerdem wollte sie nicht mit anderen Leuten klug über Bücher reden. Sie wollte Bücher mit Leidenschaft und Herz anpreisen, keine Zeit verplempern mit Verrissen. Sie wünschte sich ihre eigene Sendung. Und das, obwohl sie eigentlich nie wieder Fernsehen machen wollte - damals, 1995.

          Es ist eine Art Hassliebe, die sie mit dem Fernsehen verbindet. Sie selbst schaltet fast nie ein, nur die "Kulturzeit" auf 3 Sat, ihre "heilige Sendung", sieht sie jeden Tag. Aber sie weiß, dass sie um das Fernsehen nicht herumkommt, wenn sie die Massen erreichen will. Und die Massen sind ihr Ziel, die lesehungrigen Laien, nicht die geschlossene Gesellschaft der intellektuellen Zirkel. In Nischen fühlt sich Elke Heidenreich nicht wohl. Deshalb wehrt sie sich auch energisch dagegen, mit ihrer ZDF-Sendung "Lesen!" in die Kulturnische nach 23 Uhr geschubst zu werden. Am liebsten würde sie ihre Büchermesse wahrscheinlich zur Prime-Time abhalten. Nun ist es halb elf geworden. Immerhin.

          "Ich habe Einfluss auf die Köpfe"

          In ihrer ersten "Lesen!"-Sendung, am 29. April 2003, sahen 2,45 Millionen Zuschauer, wie sie Nuala O'Faolains Roman "Ein alter Traum von Liebe" anpries. Vor der Sendung war das Buch eines von vielen, danach ein Bestseller. So ist es vielen Büchern ergangen, die einen Auftritt in "Lesen!" hatten. Dieser verrissfreie Bücherrausch hat die klassische Literaturkritik zum Teil verstört, hat Heidenreich auch Häme eingebracht. Solcher Tadel aber erreiche sie nicht, sagt sie. Sie hat schon immer getan, was sie für richtig hielt, und nie geschwiegen, wenn sie eine Meinung hatte. "Ich weiß, dass es richtig ist, was ich mache, denn 500 000 Leute lesen, was ich empfehle." Lektoren reiben sich die Hände, wenn Heidenreich ein Werk aus ihrem Hause erwählt. Buchhändler platzieren diese stapelweise nahe der Kasse. Schriftsteller schicken ihr verzweifelt die eigenen, unbeachteten Romane. "Ich weiß, dass wir schon zwei Verlage gerettet haben", sagt sie. Wer sie die mächtigste Frau im Literaturbetrieb nennt, erntet dennoch Widerspruch. "So ein Unsinn", entfährt es ihr. "Macht", sagt sie mit einem Ausdruck im Gesicht, als handle es sich um eine Nebensächlichkeit, "Macht interessiert mich nicht", sagt sie und widerspricht sich im nächsten Satz selbst. "Ich habe Einfluss auf die Köpfe der Leute. Die hören auf mich. Die glauben mir." Sie weiß, wie die Mechanismen funktionieren, und agiert geschickt im Geschäft mit den Büchern. Manche nennen so etwas Macht.

          Es soll das Jahr des leeren Terminkalenders werden. Sie sagt alles ab. Diskussionsrunden, Talk-Shows, Schirmherrschaften. "Träume", sagt sie, "hat man immer." Für die Oper, die sie liebt, will sie Libretti schreiben. Eine Idee hat sie schon. Ein Buch dagegen wird es so bald nicht geben. Sie liest zu viel, um schreiben zu können. "Da wächst nichts", sagt sie. Aber: "Es ändert sich dauernd etwas, es geht weiter, neue Wege tun sich auf."

          Zur Person

          Elke Heidenreich wird am 15. Februar 1943 geboren. Sie wächst in Essen auf, in schwierigen Verhältnissen. Mit fünfzehn verlässt sie ihre Eltern. Ein befreundeter Pfarrer nimmt sie auf

          Sie will Theaterkritikerin werden, studiert Germanistik, Theatergeschichte, Religionswissenschaft. Dann verschlägt es sie zum Rundfunk. Sie arbeitet als freie Autorin, schreibt Drehbücher und Hörspiele

          Berühmt wird ihre Radio-Figur „Else Stratmann“. Als „Metzgersfrau aus Wanne-Eickel“ kommentiert sie die Olympischen Spiele von Los Angeles und Seoul - im Fernsehen

          In den Achtzigern und Neunzigern moderiert sie mehrere Fernseh-Talk-Shows. 17 Jahre lang schreibt sie für die Zeitschrift „Brigitte“ ihre Kolumne „Also, . . .“

          Sie schreibt mehrere Bücher. Ihr Italo-Kater, Hauptfigur in „Nero Corleone“, macht sie reich

          Seit 2003 empfiehlt sie in ihrer ZDF-Sendung „Lesen!“ mit Leidenschaft Bücher - die regelmäßig zu Bestsellern werden

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