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Elke Heidenreich : Die Vorleserin

  • -Aktualisiert am

Reich-Ranicki nennt sie „Liebste“

Als Marcel Reich-Ranicki aus dem "Literarischen Quartett" ausstieg, bot man ihr den Einstieg an. Aber sie ahnte, ohne den alten Herrn, den sie verehrt und der sie hartnäckig "Liebste" nennt, wann immer sie miteinander sprechen, würde die Sendung nicht funktionieren. Außerdem wollte sie nicht mit anderen Leuten klug über Bücher reden. Sie wollte Bücher mit Leidenschaft und Herz anpreisen, keine Zeit verplempern mit Verrissen. Sie wünschte sich ihre eigene Sendung. Und das, obwohl sie eigentlich nie wieder Fernsehen machen wollte - damals, 1995.

Es ist eine Art Hassliebe, die sie mit dem Fernsehen verbindet. Sie selbst schaltet fast nie ein, nur die "Kulturzeit" auf 3 Sat, ihre "heilige Sendung", sieht sie jeden Tag. Aber sie weiß, dass sie um das Fernsehen nicht herumkommt, wenn sie die Massen erreichen will. Und die Massen sind ihr Ziel, die lesehungrigen Laien, nicht die geschlossene Gesellschaft der intellektuellen Zirkel. In Nischen fühlt sich Elke Heidenreich nicht wohl. Deshalb wehrt sie sich auch energisch dagegen, mit ihrer ZDF-Sendung "Lesen!" in die Kulturnische nach 23 Uhr geschubst zu werden. Am liebsten würde sie ihre Büchermesse wahrscheinlich zur Prime-Time abhalten. Nun ist es halb elf geworden. Immerhin.

"Ich habe Einfluss auf die Köpfe"

In ihrer ersten "Lesen!"-Sendung, am 29. April 2003, sahen 2,45 Millionen Zuschauer, wie sie Nuala O'Faolains Roman "Ein alter Traum von Liebe" anpries. Vor der Sendung war das Buch eines von vielen, danach ein Bestseller. So ist es vielen Büchern ergangen, die einen Auftritt in "Lesen!" hatten. Dieser verrissfreie Bücherrausch hat die klassische Literaturkritik zum Teil verstört, hat Heidenreich auch Häme eingebracht. Solcher Tadel aber erreiche sie nicht, sagt sie. Sie hat schon immer getan, was sie für richtig hielt, und nie geschwiegen, wenn sie eine Meinung hatte. "Ich weiß, dass es richtig ist, was ich mache, denn 500 000 Leute lesen, was ich empfehle." Lektoren reiben sich die Hände, wenn Heidenreich ein Werk aus ihrem Hause erwählt. Buchhändler platzieren diese stapelweise nahe der Kasse. Schriftsteller schicken ihr verzweifelt die eigenen, unbeachteten Romane. "Ich weiß, dass wir schon zwei Verlage gerettet haben", sagt sie. Wer sie die mächtigste Frau im Literaturbetrieb nennt, erntet dennoch Widerspruch. "So ein Unsinn", entfährt es ihr. "Macht", sagt sie mit einem Ausdruck im Gesicht, als handle es sich um eine Nebensächlichkeit, "Macht interessiert mich nicht", sagt sie und widerspricht sich im nächsten Satz selbst. "Ich habe Einfluss auf die Köpfe der Leute. Die hören auf mich. Die glauben mir." Sie weiß, wie die Mechanismen funktionieren, und agiert geschickt im Geschäft mit den Büchern. Manche nennen so etwas Macht.

Es soll das Jahr des leeren Terminkalenders werden. Sie sagt alles ab. Diskussionsrunden, Talk-Shows, Schirmherrschaften. "Träume", sagt sie, "hat man immer." Für die Oper, die sie liebt, will sie Libretti schreiben. Eine Idee hat sie schon. Ein Buch dagegen wird es so bald nicht geben. Sie liest zu viel, um schreiben zu können. "Da wächst nichts", sagt sie. Aber: "Es ändert sich dauernd etwas, es geht weiter, neue Wege tun sich auf."

Zur Person

Elke Heidenreich wird am 15. Februar 1943 geboren. Sie wächst in Essen auf, in schwierigen Verhältnissen. Mit fünfzehn verlässt sie ihre Eltern. Ein befreundeter Pfarrer nimmt sie auf

Sie will Theaterkritikerin werden, studiert Germanistik, Theatergeschichte, Religionswissenschaft. Dann verschlägt es sie zum Rundfunk. Sie arbeitet als freie Autorin, schreibt Drehbücher und Hörspiele

Berühmt wird ihre Radio-Figur „Else Stratmann“. Als „Metzgersfrau aus Wanne-Eickel“ kommentiert sie die Olympischen Spiele von Los Angeles und Seoul - im Fernsehen

In den Achtzigern und Neunzigern moderiert sie mehrere Fernseh-Talk-Shows. 17 Jahre lang schreibt sie für die Zeitschrift „Brigitte“ ihre Kolumne „Also, . . .“

Sie schreibt mehrere Bücher. Ihr Italo-Kater, Hauptfigur in „Nero Corleone“, macht sie reich

Seit 2003 empfiehlt sie in ihrer ZDF-Sendung „Lesen!“ mit Leidenschaft Bücher - die regelmäßig zu Bestsellern werden

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