https://www.faz.net/-gyl-u4oo

Elke Heidenreich : Die Vorleserin

  • -Aktualisiert am

Elke Heidenreichs Weg ist gepflastert mit solchen Geschichten. Mit Zufällen, aus denen Glücksfälle wurden. Wie damals, als Alfred Biolek sie im Fernsehen erlebte und so begeistert von dieser Frau war, dass er ihr die Urlaubsvertretung seines "Kölner Treff" anbot. Sie moderierte die Sendung von 1981 bis 1983, es war ihr Durchbruch als Talk-Masterin. Vorher hatte sie zehn Jahre lang als freie Journalistin für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen gearbeitet, Drehbücher geschrieben - und als "Else Stratmann", Metzgersfrau aus Wanne-Eickel, die Weisheiten des Ruhrpotts in die Wohnzimmer getragen.

Nie hat sie an einer „Karriere“ gebastelt

"Ich habe immer viel gemacht", sagt sie, "aber das Leben hat auch viel mit mir gemacht." Sie ist keine Strategin. Nie hat sie an einer "Karriere" gebastelt. "Ich bin fleißig und diszipliniert", sagt sie und schmunzelt, "mit Einbrüchen. Aber ich habe überhaupt keinen Ehrgeiz." Sie spricht das Wort aus, als käme es ihr wahrlich exotisch vor. Bei dieser Erfolgsgeschichte möchte man ihr das aber nicht unbedingt glauben. Immer, sagt sie, sei sie ausgestiegen, als sie am erfolgreichsten war. Als "Else Stratmann" und bei "live", der Talk-Runde in der Alten Oper Frankfurt, die sie von 1990 bis 1992 moderierte. Und als ihr Erzählband "Kolonien der Liebe" zwei Jahre lang auf den Bestsellerlisten stand, schrieb sie erst einmal kein Buch mehr. "Was soll ich erreichen wollen?", fragt sie heiter und gar nicht kokett. "Ich wollte immer viel lieber ein schönes Leben haben, und das habe ich. Ich liege auf dem Sofa, lese und esse Schokolade in mich hinein. Das ist doch herrlich!"

Natürlich ist es nicht immer herrlich. Jeden Morgen steht sie zwischen halb neun und halb zehn auf, frühstückt, liest Zeitung. Danach liest sie Bücher. Viele Bücher. Auf jedes, das sie im Fernsehen vorstellt, kommen acht, die sie gelesen, aber aussortiert hat. 60 Seiten gibt sie einem Buch, eine Stunde Lebens- und Lesezeit. Wenn es sie bis dahin nicht entflammt hat - vorbei. Um ein oder zwei Uhr nachts geht sie ins Bett, und dort liest sie weiter, allerdings nur noch zum Vergnügen. Gedichte etwa, ohne die kann sie nicht gut leben. Mit glänzenden Augen trägt sie eines vor: "Ich färbte dir den Himmel brombeer / mit meinem Herzblut / Aber du kamst nie mit dem Abend - / ... Ich stand in goldenen Schuhen." Ihr Augen leuchten, und sie freut sich wie ein Kind. "Ist das nicht schön? In goldenen Schuhen ...!"

Manchmal ist das Lesen aber auch Last statt Lust. Selbst für Elke Heidenreich, die die Menschen anfleht zu lesen. Sind Sie eine Missionarin, Frau Heidenreich? "Ja", sagt sie, lehnt sich zurück und sieht sehr entschlossen aus. Das Glück des Lesens wie ein Geheimnis zu hüten, still zu genießen, als Wissende unter Unwissenden - ausgeschlossen. "Ich muss immer alles teilen", sagt sie. "Ich sehe so viel Leere in den Gesichtern der Menschen, so viel Langeweile in den Strandkörben. Ich möchte den Leuten zurufen: Mit einer guten Geschichte seid ihr gerettet." Sie glaubt, dass Lesen hilft, weil sie es selbst erlebt hat. "Wir kennen so vieles nicht in der Welt. Bücher zeigen uns, dass andere das Gleiche erleben wie wir, dass wir nicht alleine sind. Das tröstet uns." Sie hält einen Moment inne. "Eine Art Standortbestimmung."

Weitere Themen

Topmeldungen

Wer die Zeit und das Geld hatte, hat sich in diesem Sommer gerne im eigenen Pool gesonnt.

Vermögensvergleich : Wie reich sind Sie wirklich?

Neue Zahlen zeigen, wie sich das Vermögen der Deutschen über das Leben entwickelt. Schon mit einem abbezahlten Haus und einer Lebensversicherung können Sie zu den oberen zehn Prozent gehören. Testen Sie selbst, wo Sie in Ihrer Altersgruppe stehen!
Ein Mund-Nasen-Schutz liegt auf dem Asphalt einer Einkaufsstraße.

Corona-Pandemie : Neue Corona-Kennwerte braucht das Land

Steigende Neuinfektionen versetzen Deutschland in Corona-Panik. Doch auch andere Parameter als allein die Zahl der Infizierten sind jetzt entscheidend für die Einschätzung der Corona-Pandemie in diesem Winter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.