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Elinor Ostrom : Vom Hörsaal in den Dschungel

Aus der Verwaltung zum Nobelpreis: Elinor Ostrom Bild: REUTERS

Erst durfte sie nicht Ökonomie studieren. Später erhielt Elinor Ostrom als einzige Frau bislang den Wirtschaftsnobelpreis. Sie forscht bis heute über die Bewahrung natürlicher Ressourcen.

          5 Min.

          Ein Ökonomiestudium ist nichts für Frauen. Das bekam Elinor "Lin" Ostrom zu hören, als sie sich Anfang der fünfziger Jahre an der University of California in Los Angeles für ein wirtschaftswissenschaftliches Seminar einschreiben wollte. Eine akademische Karriere als Ökonomin sei doch ausgeschlossen. Es schade auch dem Ruf der Universität, wenn aus ihren Absolventen nichts werde. Aus Elinor wurde aber doch etwas: eine Politikwissenschaftlerin und Umweltökonomin von Weltrang. Seit 45 Jahren lehrt sie an der Indiana-Universität im gleichnamigen amerikanischen Bundesstaat. Ihre akademische Karriere krönte 2009 der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, den sie als erste und bislang einzige Frau erhielt.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Es war eine denkwürdige Szene, als Elinor Ostrom in Stockholm in einem afrikanischen Batikkleid auf die Bühne trat und aus der Hand des schwedischen Königs die goldene Nobel-Medaille überreicht bekam. Was hätten ihre Professoren von früher dazu gesagt? Ostrom sucht das Rampenlicht nicht. Sie gilt unter Kollegen und Studenten als äußerst bescheiden, eine Wissenschaftlerin, die um der Sache willen forscht. Für ihre bahnbrechende Forschung hat sie fast vierzig Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden erhalten. Auf den Nobelpreis angesprochen, lacht sie: "Ich halte mich wirklich nicht für ein Genie", sagt sie, "ich kann einfach gut mit empirischen Daten umgehen und daraus Schlüsse ziehen." Ostrom hat gezeigt, warum die Menschen Ressourcen manchmal zerstören und manchmal bewahren. Würden ihre Erkenntnisse konsequent beachtet, sagen Fachleute, könnte das einen entscheidenden Beitrag für einen effektiven "Umweltschutz von unten" liefern. Sie ist, bei aller Bescheidenheit, eine echte Weltverbesserin.

          Als Kind geprägt von der „Großen Depression“

          Nichts deutete auf diese Karriere, als sie 1933 in Los Angeles geboren wurde. "Das war mitten in der Großen Depression, da ging es einfach nur ums Überleben", erinnert sich die Ökonomin, die mittlerweile silberweißes Haar hat. "Gott sei Dank hatten wir hinter dem Haus einen Garten mit Gemüse und Obstbäumen, so hatten wir genug zu essen." Ihr Vater war Kunstmaler, wurde arbeitslos und musste sich als Maurer verdingen. Elinor sah, "wie er abends oft mit blutig aufgerissenen Händen vom Bau zurückkam". Später fand er Arbeit als Bühnenbildner an der neuen Oper von Los Angeles. Elinor saß oft in seinem Atelier und sah zu. Als sie sieben Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Ihre Mutter hatte etwas Geld geerbt. "Das hat sie recht geschickt angelegt, und wir konnten so gerade von den Erträgen halbwegs leben."

          Eine Auszeichnung für eine beeindruckende Wissenschaftskarriere
          Eine Auszeichnung für eine beeindruckende Wissenschaftskarriere : Bild: AFP

          Das wissbegierige Mädchen wollte unbedingt aufs College, der Weg zum Studium wurde jedoch lang. Inzwischen hatte sie eine Jugendliebe geheiratet. Mit ihrem Mann, der ein Studium in Harvard machte, zog sie an die Ostküste. Um die Familie zu finanzieren, arbeitete sie als Angestellte in einer Elektrofirma. Es war ein etwas besserer Sekretärinnenjob. "Dreißig weibliche Sachbearbeiterinnen in einem Raum und vorne ein Mann, der uns beaufsichtigte", erzählt sie und lacht bei der Erinnerung. Danach war sie ein Jahr lang persönliche Assistentin eines Bostoner Vermögensverwalters. "All das waren gute Erfahrungen, weil ich mich durchbeißen und beweisen musste, dass ich etwas kann." Unterdessen ging ihre erste Ehe auseinander.

          Als Verwaltungskraft in den Hörsaal gedrängt

          Zurück in Kalifornien, nahm sie einen Job in der Verwaltung der Universität von Los Angeles an und begann ein Studium der Politikwissenschaft. Erst nach längerem Drängen ließ man sie und drei weitere Frauen auch für das Ökonomieseminar zu. Ihr Studium finanzierte sie mit Nebenjobs als Schwimmlehrerin, Bibliothekshilfe und Kellnerin. An der Universität lernte sie auch ihren zweiten Mann kennen, Vincent Ostrom, einen ihrer Dozenten. Mit ihm ist sie seit 47 Jahren verheiratet, offenbar sehr glücklich. Er ist auch ihr wissenschaftlicher Sparringspartner. Gemeinsam gingen sie Mitte der sechziger Jahre an die Indiana-Universität in Bloomington und gründeten dort 1973 einen politikwissenschaftlichen Workshop, der weltweit als wichtigstes Zentrum für die sogenannte Allmende-Forschung gilt.

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