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Elie Wiesel : Der betrogene Friedensstifter

Erfährt in schwerer Zeit viel Unterstützung: Elie Wiesel kämpft um sein Lebenswerk Bild: REUTERS

Elie Wiesel hat durch den Spekulanten Bernard Madoff 15 Millionen Dollar verloren. Aber an Aufgeben denkt der Friedensnobelreisträger nicht. Rückschläge spornen den Holocaust-Überlebenden an.

          5 Min.

          Elie Wiesel nimmt den Namen noch nicht einmal mehr in den Mund. „Bernie Madoff“ kommt ihm nicht über die Lippen. Der größte Finanzbetrüger der Wall Street, der zuletzt zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde, ist für den Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträger nicht mehr existent - eine Persona non grata, ein Nichts und Niemand. Wiesel gehört zu Madoffs prominentesten Opfern, rund 15 Millionen Dollar hat seine gemeinnützige Stiftung verloren. Auch sein Privatvermögen, das der Autor in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Verkauf seiner Bücher und mit seinen Reden verdiente, ist vermutlich verschwunden.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          „Das war ein verheerender Schlag für uns“, sagt Wiesel, und seine Stimme klingt eher resigniert als wutentbrannt. Ruhig, fast ein wenig zurückhaltend wirkt er in seinem großzügigen Büro in der „Elie Wiesel Foundation for Humanity“ in der Nähe des New Yorker Central Parks. Noch vor einem Monat klang Wiesel anders. Nur ein einziges Mal hat sich der Betrogene zum Milliardenschwindel öffentlich geäußert. Einen „Dieb, Schurken und Kriminellen“ hat er Madoff damals in einer Podiumsdiskussion genannt. Einem, dem er für die nächsten fünf Jahre wünscht, in einer Einzelzelle zu sitzen und Tag und Nacht die Bilder seiner Betrugsopfer ansehen zu müssen.

          Eine Welle der Sympathie

          Seitdem der große Schwindel Ende vergangenen Jahres aufflog, erreichte Wiesel eine wahre Spendenwelle und ein ganzer Berg von bewegenden Briefen. „Ich hatte keine Ahnung, dass es so viele Menschen gibt, denen meine Arbeit so wichtig ist“, sagt Wiesel lächelnd. Im September soll es ein Benefizkonzert für die Stiftung geben, viele bekannte Künstler hätten schon zugesagt. „Ich werde niemals erlauben, dass dieser Skandal mein Leben verändert und meine Arbeit zerstört“, bekräftigt er. Die Welle der Sympathie überrollt ihn auch deshalb, weil der beispiellose Betrug mit Elie Wiesel ausgerechnet jemanden trifft, der schon früh unsägliches Leid ertragen musste - und deshalb sein ganzes Leben dem Kampf gegen Intoleranz und Gleichgültigkeit widmete. So manchen Rückschlag hat er schon hinnehmen müssen, doch aufgegeben hat er noch nie.

          Gemeinsames Gedenken: Kanzlerin Angela Merkel, Amerikas Präsident Barack Obama und Elie Wiesel besuchen Buchenwald im Juni 2009

          Im rumänischen Transsilvanien geboren und aufgewachsen, lebt er zunächst mit seinen Eltern ein sehr religiöses Leben, lernt Hebräisch und studiert die Tora. Als er 15 Jahre alt ist, ändert sich sein Leben schlagartig. Die Nazis marschieren ein und deportieren innerhalb weniger Wochen eine halbe Million Menschen nach Auschwitz. Im Todeslager verliert er seine Mutter und seine jüngere Schwester, mit seinem Vater wird er Monate später nach Buchenwald getrieben. Dort angekommen, stirbt der Vater an Hunger und Erschöpfung. Seine tiefe Religiosität gerät angesichts des unmenschlichen Verbrechens ins Wanken, ohne dass er sich ganz von seinem Glauben löst. Bis heute quälen ihn immer wieder die gleichen Fragen an Gott: „Wo bist du gewesen? Wo war die Menschlichkeit? Wo die Zivilisation?“

          „Ich wollte gar nicht mehr leben“

          Elie Wiesel überlebt irgendwie, warum, weiß er eigentlich nicht. „Ich wollte gar nicht mehr leben“, sagt Wiesel. „Mein Leben war vorbei.“ Er spricht leise, mit einem kehligen, aber melodischen Akzent. Aufmerksamkeit bekommt er nicht durch ein polterndes Auftreten, sondern durch das Gegenteil. Wer Elie Wiesel verstehen will, muss zuhören. Selbst in seinem ruhigen Büro ist er manchmal so schwer zu verstehen, dass man sich vorbeugen muss. Eine Kämpfernatur sei er nie gewesen, erzählt der 80 Jahre alte Wiesel, der noch immer eher schmächtig wirkt. Schon als kleines Kind ist er ständig krank, Migränen machen ihm besonders zu schaffen. Trotzdem überlebt er den Holocaust. Schon bald nach der Befreiung aus Buchenwald im April 1945 wird ihm klar, dass er das Erlebte aufschreiben muss, damit der Greuel nicht in Vergessenheit gerät. Die Erinnerung wird seine Berufung. Doch zunächst fehlen ihm die Worte. Zehn Jahre nimmt er sich, bevor er beginnt, seine Memoiren zu verfassen. In dieser Zeit geht er nach Paris und studiert Philosophie an der Universität Sorbonne. Der nach dem Zweiten Weltkrieg neugeschaffene Staat Israel liegt ihm sehr am Herzen, nach seinem Studium wird er Journalist für israelische und französische Zeitungen.

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