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Daniel Everett : Freund der glücklichen Indianer

„Hast du Jesus gesehen?” Die Piraha brachten Daniel Everett von seinem Glauben ab Bild: Andreas Pein / F.A.Z.

Vor mehr als dreißig Jahren ging er erstmals in den Dschungel, um ein brasilianisches Urvolk zum christlichen Glauben zu bekehren. Doch die Indianer bekehrten Daniel Everett.

          5 Min.

          Daniel Everett ist ein nicht allzu großer, kräftiger Mann in den späten Fünfzigern. Er hat helle Haut und rote Haare. Er ist Amerikaner, könnte aber auch Ire sein. Everett ist freundlich, aber nicht überschwänglich. Mit Höflichkeitsfloskeln hält er sich nicht lange auf. Ein Gespräch mit ihm ist intensiv: Er kommt rasch zur Sache, macht keine überflüssigen Worte. Der Gesprächspartner blickt in gutmütige Augen; die meiste Zeit spielt ein Lächeln um Everetts Mund.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

          Everett ist Professor für Linguistik. Doch forscht er nicht nur am Schreibtisch: Neun der vergangenen dreißig Jahre hat er im südamerikanischen Dschungel verbracht und dort die Sprache und das Leben indianischer Urvölker untersucht. Die meiste Zeit, acht Jahre, hat er bei den brasilianischen Pirah gelebt. Sie siedeln im Amazonasgebiet entlang des Flusses Maici; derzeit sind es siebenhundert. Was Everett dort lernte und erfuhr, hat sein Leben kräftig durcheinandergewirbelt, sein berufliches genauso wie sein privates.

          Everett ist nicht nur ein Intellektueller, er ist auch - was man ihm weniger ansieht - ein Abenteurer. Die Bedingungen, unter denen er im Dschungel gelebt hat, würden den meisten Bewohnern der Industrieländer die Gänsehaut auf den Rücken treiben. Er war umgeben von Skorpionen, Raubkatzen und Schlangen. Einmal begegnete er auf einer Bootsfahrt einer Anakonda, deren Körper viel dicker war als sein eigener. Sie bäumte sich aus dem Wasser auf und hätte das kleine Schiff fast zum Kentern gebracht.

          Nicht in Watte gepackt

          Solche Gefahren ängstigen ihn nicht. Das mag damit zusammenhängen, dass er schon in seiner Kindheit nicht in Watte gepackt war. Er wuchs in einem kleinen Dorf in Südkalifornien auf. „Ich war umgeben von Bauern und Cowboys“, erzählt Everett. Er wohnte bei Mutter und Stiefvater. Die Verhältnisse waren einfach, niemand in seiner Familie hatte je ein College besucht. Als er elf Jahre alt war, starb seine Mutter. „Es gibt nichts Härteres für ein Kind“, sagt Everett. Er zog zu seinem Vater nach San Diego. Die Zeit dort war schwierig, Everett kam mit Drogen in Berührung. Dann lernte er auf der High School Keren kennen. Die junge Frau stammte aus einer strenggläubigen evangelikalen Missionarsfamilie. Sie und ihre Eltern gaben ihm Halt. Keren und er heirateten mit 18 Jahren.

          Im Jahr 1977 - Everett war inzwischen auch Missionar geworden und außerdem Doktorand an einer brasilianischen Universität - gingen er, Keren und ihre drei Kinder in den Dschungel. Sie wollten die Pirah zum christlichen Glauben bekehren. Everett sollte außerdem ihre Sprache erlernen, aus wissenschaftlichen und aus religiösen Gründen: Er sollte die Bibel in die Sprache der Indianer übersetzen.

          „Der schönste Platz auf der Welt“

          Er habe keine Angst vor dem Leben im Dschungel gehabt, erzählt Everett heute - obwohl es keine Möglichkeiten gab, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Everett dachte damals noch, Gott würde mit ihnen sein. Er stürzte sich sofort in die Arbeit und lernte jeden Tag zehn Wörter. Um halb sechs, vor Sonnenaufgang, stand er auf, ging Wasser holen, etwa zweihundert Liter für den Tagesbedarf. Nach dem Frühstück kam ein Pirah zu ihm, mit dem er versuchte zu sprechen. Es dauerte ein Jahr, bis er sich gut verständigen konnte. Den Nachmittag verbrachte er mit der Analyse dessen, was er morgens erfahren hatte. Außerdem half er seiner Frau beim Unterrichten der Kinder. Everett genoss das Leben bei den Pirah von der ersten Sekunde an. „Ich war so privilegiert, nur wenige Menschen können so etwas tun.“ Außerdem sei der Ort „der schönste Platz auf der Welt“, schwärmt Everett.

          So groß seine Fortschritte im Erforschen der Sprache der Indianer waren, so wenig gelang es ihm, die Pirah von Gott zu überzeugen. Er konnte keinen einzigen konvertieren. Heute weiß er schon fast nicht mehr, warum er es jemals versucht hat. „Hast du Jesus gesehen?“ fragten sie ihn. Wenn er das verneinte, war die Sache für sie erledigt.

          Everett beschreibt die Pirahs als ein Volk, das vollständig in der Gegenwart lebt. Für sie existiere nur, was in ihrem unmittelbaren Erfahrungsbereich liege. Zukunftssorgen kennten sie deshalb ebenso wenig wie Reue über vergangene Ereignisse. Und das mache sie unglaublich zufrieden, erklärt Everett. Einige Psychologen haben sie schon zum glücklichsten Volk der Erde gekürt. Auch Everett hat erfahren: „Sie sind viel glücklicher als wir. Sie kennen weder Depressionen noch Essstörungen. Dabei glauben sie nicht an Gott.“

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