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Claus Kleber : Der Korresponaut

  • -Aktualisiert am

Claus Kleber versucht, die Welt der Nachrichten ein wenig zu ordnen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Als Junge wollte er ins All fliegen, wegen einer Sehschwäche wurde er aber erst mal Lokal-Journalist in Köln und brachte es später immerhin bis nach Washington: Claus Kleber, ZDF-Moderator.

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          Als die dritte Stufe gezündet war, erreichte die Saturn V endlich die Umlaufbahn und machte die beiden Amerikaner, die kurz darauf den Mond betraten, unsterblich. Nur die Rakete - sie geriet in Vergessenheit. Vier Jahrzehnte nach ihrem Ausflug ins All liegt sie auf einem Bücherregal in Mainz, in einer abgegriffenen Pappschachtel, und ihr Besitzer Claus Kleber, der den Mantel seines Gastes energisch auf einen Bügel hängt, würdigt Box und Bausatz nicht eines Blickes. Diesmal nicht.

          Die Einrichtung des Büros verrät ohnehin schon viel über den Chef und Moderator des ZDF-"heute journals": Hinter dem Schreibtisch, großformatig, brausen Taxis durch die Häuserschluchten von New York. Über dem Schreibtisch, alarmrot, schiebt sich eine breite Lampe als Golden-Gate-Bridge in den Blick. Und zwischen dem Teekocher und den Büchern im Regal steht ein Bild, aufgenommen im Sonnenaufgang auf den Stufen des Lincoln Memorials in Washington: das Rückgrat eines Mannes, eine verlorene Kameraausrüstung, in der Ferne der Obelisk als symbolische Achse der amerikanischen Politik. Claus Kleber in einer Nussschale, kurz bevor sich der damalige Korrespondent in die Umlaufbahn der deutschen Abendnachrichten katapultierte. "Ich wollte schon als Teenager rausgehen und die Welt kennenlernen", sagt Kleber. Er trägt ein schwarzes Hemd und kommt frisch gepudert aus der Maske: "Erst wollte ich Astronaut werden, dann Pilot."

          Dummerweise eine Brille

          Vater Kleber arbeitete damals in der Wahner Heide als Ingenieur für die deutsche Raumfahrt, der Bruder ging später zur Lufthansa, und der 1955 geborene Claus? Bekam zum Moped-Führerschein, der im Bergischen den ersten Schritt zum Weg in die Welt bedeutete, dummerweise eine Brille verpasst. Die half zwar beim Basteln der Flugzeug- und Raketenmodelle. War für angehende Astronauten und Piloten aber ungeeignet.

          Wenn schon nicht Astronaut, dann Korrespondent in Washington

          Erst die Lehrer am Bensberger Otto-Hahn-Gymnasium öffneten dem Teenager neue Perspektiven: "Sie weckten ein politisches Bewusstsein. Gierig sammelte ich Argumente auf, gab bei Diskussionen im konservativen Elternhaus den Linken, bei linken Mitschülern den Rechten und lernte so alle Standpunkte gründlich kennen." Schließlich wurde der Leiter einer Lokalredaktion des "Kölner Stadt-Anzeigers", der sich in der Elternschaft engagierte, auf den Schülersprecher aufmerksam. Er schlug ihm vor, in den Ferien die Redaktion kennenzulernen. "Und wie es der Zufall will", beim Erzählen beugt sich Kleber vor wie eine ausgeklinkte Sprungfeder, "starb kurz zuvor ein Redakteur, so dass es für mich wirklich etwas zu tun gab."

          Mit dem Moped zu den Hasenzüchtern

          Der Redaktionsfotograf war ein ehemaliger Rallyefahrer. Wenn die örtliche Feuerwehr in die Wagen sprang, um einen Unfallort zu erreichen, sprangen er und der junge Kleber atemlos hinterher: Er mochte es auch, mit seinem Moped selbst von Termin zu Termin zu brettern. Der Lokaljournalismus, sagt der ZDF-Anchorman, sei "die beste Werkstatt" für seinen Beruf: Kleintierzüchter, Naherholungsheime, Tankstellenkrisen. Das wahre Leben. Auch später, als Amerika-Korrespondent für Radio und Fernsehen, würde er von dem Wissen profitieren, dass das Leben vor der Haustür beginnt.

          "Ja, Amerika . . .", Kleber setzt zu einem langen Satz an, da piept das Mobiltelefon. Seine Frau. In den Wochen, in denen er nicht moderiert, kommt er ausnahmsweise vor Mitternacht nach Hause. Kleber schafft es, die Antwort-SMS mit einer Hand zu tippen, die andere ruht in der Hosentasche. "Mein Vater war dienstlich oft in Amerika. Wenn er erzählte, entstand in mir das Bild eines gelobten Landes. Selbst die Schattenseiten faszinierten mich." Als das Abitur näherrückte, sagte ihm der Vater: "Studier, was du willst." Aber er, der immer "wahnsinnig viel arbeitete und uns dieses Arbeitsethos weitergab", meinte natürlich: "Mach was draus!" Also studierte der Filius von 1974 an Jura in Tübingen, "weil ich einen Beruf lernen wollte, der ein regelmäßiges Einkommen versprach. Im Journalismus gab es viele gescheiterte Existenzen. Anwalt, das konnte ich mir vorstellen. Oder Diplomat."

          Der Journalismus ließ ihn trotzdem nicht los. In den ersten Semesterferien verdiente sich Kleber noch Geld als Werksstudent bei Interatom. Dann bewarb er sich um eine Hospitanz im Bonner Büro des Südwestfunks: Hauptstadtjournalismus. Die Berichterstattung übernahmen die Herren Korrespondenten da lieber selbst und hielten ihre Hospitanten an der kurzen Leine. Kleber aber war nicht enttäuscht, sondern fasziniert. "Das Büro rief wie selbstverständlich bei den Ministerien an, und die Minister riefen kurz darauf zurück!" Kaum zurück in Tübingen, klopfte er beim dortigen SWF-Studio an und erzählte, Hospitant in der Hauptstadt gewesen zu sein. Das kam an: "Ich wurde vom ersten Tag an akzeptiert." Kirschenernte. Hochschultage. Fremdenverkehr. Kleber war sich für keinen Auftrag zu schade. Der Student bekam "die Uni nur noch bei Interviews zu Gesicht".

          „Am Anfang eine ziemliche Pfeife“

          Ganz so schlecht kann aber auch das Studium nicht gelaufen sein. Zwei Auslandssemester in Lausanne finanzierte die Studienstiftung des Deutschen Volkes. Und obwohl er bald für SWF3 in Baden-Baden zu moderieren begann - "als Moderator war ich am Anfang eine ziemliche Pfeife" -, legte Kleber 1980 das erste Staatsexamen ab, begann die Arbeit an seiner Dissertation und schaffte es, mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes endlich für eine Weile in Amerika zu leben. Klebers Dissertationsthema "Privater Rundfunk, Gestaltungsmöglichkeiten im Verfassungsrahmen" war in Deutschland hochaktuell. In Amerika ließen sich Erfahrungsberichte sammeln. Und auch aus der ganz persönlichen Erfahrung mit Washington ließ sich nach Promotion und zweitem Examen Kapital schlagen. Erst wurde er Studioleiter des SWF in Konstanz. Dann suchte die ARD auf einmal nach einer Aushilfe für das Studio in Washington: "Sie waren doch für Ihre Doktorarbeit in Amerika, Herr Kleber. Hätten Sie Zeit? Auch ohne langfristige Zusage?" Kleber ließ sich darauf ein. Sofort. Es passte, dass seine Frau, eine Medizinerin, gerade ein Kind erwartete und beruflich pausieren wollte; sie hatten oft genug darüber geredet, eine Weile im Ausland leben zu wollen. "Die Spontaneität hat den Sender offenbar beeindruckt."

          Dass aus anfänglich zwei Jahren in Washington letzten Endes fünfzehn wurden, war dennoch einem weiteren Zufall zu verdanken: 1989 kehrte Kleber nach Deutschland zurück, um als Chefredakteur des Rias in Berlin zu arbeiten. Schwierige Zeiten, nicht nur an der deutsch-deutschen Mauer, sondern auch beruflich. Der Chefredakteur des NDR aber setzte auf ihn, "spontan, bei seiner Abschiedsfeier auf einem Segler im Hamburger Hafen. Er hatte mich als Korrespondenten gemocht." Der Mann hielt auch nach dem Partygespräch noch Wort. Kurz bevor er selbst zum Hörfunk-Direktor aufrückte, steckte er Kleber noch das Ticket für eine Rückkehr nach Washington zu, ein Vertrauensbeweis.

          Kleber enttäuschte ihn nicht, so wie er auch 2003, als er nach einem kurzen Abstecher nach London plötzlich auf dem Lerchenberg landete, die Chance erkannte und den Vertrauensvorschuss von Kollegen und Familie zu nutzen verstand: Auf den Anruf von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender hin soll Familie Kleber die Wohnungssuche in der britischen Hauptstadt abgeblasen haben.

          Tränen nach dem 11. September

          Ein Traumjob? Falsche Frage, meint Claus Kleber. "Als ich ein Junge war", sagt er, "gab es im deutschen Fernsehen noch keinen Anchorman. Das gab es allenfalls in Amerika. Ich wollte Korrespondent werden." Und überhaupt: In kaum einem anderen Beruf liegen Traum und Albtraum so eng beieinander wie bei dem des Korrespondenten, ob er nun aus einem fernen Land berichtet oder aber, wie über Kleber einmal geschrieben wurde, in Mainz aus einem ganzen Universum. In seinem Buch "Amerikas Kreuzzüge" berichtet Kleber von einer Jogging-Tour entlang des Potomac, kurz nach den Anschlägen im September 2001. Er hatte live berichtet. Aufrecht. Sachlich. Engagiert. Geradewegs so, wie es er und sein damaliger Kollege Tom Buhrow, sein Nachfolger als Studioleiter in Washington und heute das Gesicht der "Tagesthemen", gelernt hatten. Nun kamen ihm die Tränen, starb der "Kinderglaube an das unbezwingbare Amerika" und mit der Aufgabe, das Sterben einiger tausend Menschen übertragen zu müssen, womöglich auch der Glaube an die Ordnungskraft des berichtenden Reporters.

          Vielleicht stammt aus dieser Erfahrung die Vorsicht und Zurückhaltung, mit der Claus Kleber zuweilen den Moderatorenwechsel am Ende seiner Wochen ankündigt: "Nächste Woche", sagt er dann, mit einem melancholischen, nicht blauäugigen Lächeln, "ist es wieder Marietta Slomka, die die Welt für Sie zu ordnen versucht." Vielleicht liegt auch deshalb die Mondrakete noch immer unausgepackt auf Klebers Bücherregal in Mainz. Niemand weiß, ob der Mann mit dem Scheitel nicht heimlich doch in den Nächten nach dem "heute journal" dasitzt, selbst den Anruf von Anne Will ignoriert und pinselt und klebt und einpasst - bis Saturn V, die Mondrakete der Apollo-Mission, endlich das Schmuckstück seines Büros werden darf.

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