https://www.faz.net/-gyl-6l7nz

Christoph Kuckelkorn : Alaaf, der Dudegräver kütt

Christoph Kuckelkorn lebt in Extremen Bild: Edgar Schöpal

Zwischen Ave Maria und Tätärä: Christoph Kuckelkorn ist Kölns bekanntester Bestattungsunternehmer und gleichzeitig Leiter des Rosenmontagszugs.

          5 Min.

          Wenn vor ihm auf dem Präparationstisch eine Leiche liegt, die er für das Begräbnis zurechtmachen soll, dann muss Christoph Kuckelkorn oft an eine Szene aus der Fernsehserie „Six feet under“ denken. „Da gibt es einen Moment, in dem der Tote einen langen Dialog mit seinem Einbalsamierer führt. Diese Szene ist mir sehr zu Herzen gegangen“, sagt der Bestatter. Auch er selbst spüre in dem gefliesten Raum mit dem Edelstahl-Operationstisch oft eine Art spirituelle Anwesenheit der Verstorbenen. „Ich rede zwar nicht laut mit ihnen, aber doch in Gedanken.“ Manchmal hat er das Gefühl, als sehe ihm der Verstorbene bei der Arbeit zu. Deshalb liegen bei Kuckelkorn die Toten auch nicht nackt auf dem Tisch, sondern zugedeckt. Irgendwie ist ihm das lieber.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Solche persönlichen Einblicke in seine Gedankenwelt enthüllt Christoph Kuckelkorn nur ungern. Trotzdem liebt die Öffentlichkeit den Bestatter – auf gut Kölsch „Dudegräver“ (Totengräber). Ein Privatsender strahlte 2006 sogar eine Doku-Soap über Kuckelkorn, seine zweite Frau und die sechs Kinder der Patchworkfamilie aus. Das ganze Ausmaß der Faszination gründet sich aber nicht allein auf die Aura von Tod und Siechtum, die sein 125 Jahre altes Familienunternehmen ausstrahlt. Auch nicht darauf, dass er Beerdigungen auf Wunsch der Angehörigen schon mal in Sektempfänge umwandelt oder Särge im Rennfahrer-Design anbietet. Und auch nicht darauf, dass er so bekannte Menschen wie den Schauspieler Willy Millowitsch unter die Erde gebracht hat. Der wohl wichtigste Grund für die Prominenz des Christoph Kuckelkorn ist die Tatsache, dass im Leben dieses Mannes Trauer und Frohsinn so unvorstellbar eng beisammenliegen.

          50 Prozent der Zeit für das Ehrenamt

          Denn Kuckelkorn ist nicht nur Beerdigungsunternehmer, sondern auch einer der wichtigsten Karnevalisten Deutschlands: der Zugleiter des Kölner Rosenmontagszugs. Er darf das Motto für den größten Karnevalsumzug Deutschlands festlegen. Er entwickelt Ideen für die Karnevalswagen, wählt Design-Entwürfe aus, kümmert sich um die Kostüme, die Tribünen und die Sicherheit. In der kommenden Woche, am 11.11., beginnt in Köln die Session – und für Kuckelkorn der Stress. Je näher das Karnevalswochenende Anfang März rückt, desto mehr Zeit fressen die Vorbereitungen. In der Hochphase steckt er fast 50 Prozent seiner Zeit ins jecke Ehrenamt.

          Als Zugleiter in Köln erlebt er närrischen Frohsinn

          Sein Geschäft sind extreme Emotionen. Es gibt Tage, an denen er sich fünfmal umzieht, vom schwarzen Anzug ins Karnevalskostüm. An denen er fünfmal hin- und herfährt zwischen Festkomitee und Melaten-Friedhof. Ja sogar Tage, an denen er sich beeilen muss, nach einer Präsentation der Rosenmontagswagen nicht zu spät zu kommen zu der Familie, die ihren totgeborenen Säugling zu begraben hat. Luftballons besorgt er gern zu solchen Anlässen, um etwas Buntes fliegen zu lassen, nachdem die Erde den winzigen Sarg bedeckt hat. Gefühlsmäßige Berg-und-Tal-Fahrten müssen das sein, die Kuckelkorn ständig durchlebt. Er ist kaum in der Lage, sie in Worte zu fassen. Lieber ein Standardspruch: „Beerdigungsfeiern und Karneval sind in vielerlei Hinsicht gar nicht so verschieden“, sagt er dann. „Beides erfordert ein Höchstmaß an Organisation und Professionalität.“

          Die erste Leiche mit 18 Jahren gesehen

          Kuckelkorn kennt beide Welten von klein auf. Schon als Kind kam er in Kontakt mit dem Karneval, weil die Familie traditionell Mitglied bei den Blauen Funken war. Doch erst mit Mitte dreißig stieg er intensiv ein. „Vorher war ich so beschäftigt, mit Ausbildung, Beruf und Familie – da hatte ich wenig Sinn für so ein Ehrenamt“, sagt er. Dafür machte er später eine umso steilere Karriere in der Welt der Jecken. Heute ist er nicht nur Zugleiter, sondern auch Vizepräsident des Festkomitees. Sein Interesse am Bestatterbetrieb entdeckte Kuckelkorn, Jahrgang 1964, dagegen schon früh. Schon als Kind spielte er Verstecken zwischen den Särgen der Hausschreinerei, begleitete den Vater auf den Melaten-Friedhof und half Blumen zu arrangieren. Über den Tod gesprochen habe er mit den Eltern allerdings nie, sagt er. „Dass zum Beispiel manchmal auch Kinder sterben, habe ich letztlich begriffen, weil wir immer wieder sehr kleine Särge herstellten.“ Seine erste Leiche sah er erst im Alter von 18 Jahren. „Damals hatte ich längst den Wunsch, den Betrieb einmal zu übernehmen“, sagt Kuckelkorn. „Aber meine Eltern wollten mich nicht zu früh da reinschlittern lassen.“

          Weitere Themen

          Uns gibt es auch noch

          Protest gegen Iran : Uns gibt es auch noch

          Hunderttausende Getreue des Teheraner Regimes gingen diese Woche auf die Straße. Aber das heißt nicht viel in einem Staat, der sich meisterhaft auf Propaganda versteht – schon am Samstag hieß es wieder „Tod dem Revolutionsführer“.

          Topmeldungen

          Angst um Kakaoernte : Schokolade wird teurer

          Sorgen um eine schlechte Ernte treiben den Kakaopreis an den Märkten. Zudem soll ein Preisaufschlag armen Kakao-Bauern helfen. Verbraucher müssen daher wohl mehr für die tägliche Tafel zahlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.