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Chris Kraus : Nach oben gescheitert

Der Film ist sein Leben und umgekehrt: Chris Kraus. Bild: Andreas Pein

Menschen fördern, an die man glaubt - die eigenen Erfahrungen in einem Möbelhaus in Australien haben ihn geprägt, sagt Regisseur und Autor Chris Kraus.

          5 Min.

          Was hat die Hauptrolle in dem aktuellen, 8 Millionen Euro teuren Kinofilm "Poll" mit den Ereignissen in einem Möbelhaus in Sydney vor mehr als 20 Jahren zu tun? Im Falle von Chris Kraus eine ganze Menge. An das schauspielerische Potential der erst 14 Jahre alten Paula Beer hat Regisseur Kraus von Anfang an geglaubt. "Und Menschen, an deren Fähigkeiten ich glaube, gebe ich gerne eine Chance." Beer hat ihm das Vertrauen mit einer famosen Leistung gedankt. Diese innere Einstellung, der eigenen Einschätzung zu folgen und sich dabei auch gegen Widerstände und Zweifel durchzusetzen, sei vor einer halben Ewigkeit am anderen Ende der Welt geprägt worden, erzählt Kraus.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Er habe sich eigentlich nach oben gescheitert, findet er im Rückblick. Das sei zwar etwas flapsig formuliert, treffe aber den Kern seiner Karriere ziemlich genau. Sein heutiger Beruf sei so etwas wie die Summe teilweise sehr bitterer Erfahrungen. Noch als junger Erwachsener habe er keineswegs den Berufswunsch gehegt, Filmregisseur und Drehbuchautor zu werden. Geschichtsprofessor war das eigentliche Ziel gewesen, von frühester Kindheit an.

          Vom Zeitsoldaten zum Geschichtsprofessor

          Mit kleinen Umwegen hatte der gebürtige Niedersachse sein Ziel zunächst auch verfolgt und in Mannheim Geschichte studiert. Mit 19 Jahren war er früh Vater geworden, hatte sich als Zeitsoldat verpflichtet, um seine kleine Familie zu versorgen. Den Alltag beim Bund fand er jedoch schrecklich und versuchte sich dann doch "an dieser Geschichtssache". Bis ihm sein Privatleben um die Ohren flog. "Weil man am meisten aus ihnen lernen kann, sind die privaten Pleiten die großartigsten - wenn du sie überlebst", sagt Kraus heute. Er hat überlebt, irgendwie.

          Sein neuer Film Poll spielt vor hundert Jahren im Baltikum
          Sein neuer Film Poll spielt vor hundert Jahren im Baltikum : Bild: Poll

          Da er selbst aus einer "dysfunktionalen Familie" kommt, wie er es umständlich beschreibt, und einige Jahre im Internat verbringen musste, was ihn zutiefst prägte, wollte er seiner Tochter ein solches Schicksal unbedingt ersparen. Doch irgendwann sah er ein, dass allein der gute Wille für ein glückliches Familienleben nicht ausreicht. Kraus trennte sich von seiner Frau, wurde mit 23 Jahren geschieden, brach sein Studium ab und stand vor der Frage: Was mache ich überhaupt?

          Die Antwort suchte er in längeren Auslandsreisen, unter anderem hielt er sich Ende der achtziger Jahre sechs Monate lang in Australien auf. Das Land und seine Einwohner begeisterten den Zugvogel. "Die Leute haben auf mich als Persönlichkeit geschaut, nicht auf einen Abschluss auf dem Papier." Wenn er heute davon erzählt, betont er mehrfach, dass er trotz aller Turbulenzen damals immer für den Unterhalt seiner Tochter aufgekommen sei.

          Der „Eros des Lehrers“

          In seiner Not bewarb er sich deshalb auch als Packer in einem Möbelgeschäft in Sydney. Zu seiner Überraschung bekam er den Job, obwohl er keinerlei Qualifikation besaß. "Der Chef hat mich damals angeschaut und gesagt: ,Du schaffst das, du kannst das, ich gebe dir den Job.' Da hat jemand an mich geglaubt, als ich das selbst nicht mehr getan habe und am Boden war. Das hat mich sehr geprägt." Heute spricht er vom "Eros des Lehrers", der bleibende Erinnerungen schaffe.

          Anschließend zog es ihn nach Paris, wo er sich als Zeichner und Grafiker über Wasser hielt. Parallel bewarb er sich für ein Regie-Studium in Deutschland. Zunächst ohne Erfolg, bis von der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin doch eine Zusage kam.

          Noch während des Studiums schrieb Kraus Drehbücher für Film- und Fernsehen. Gleichzeitig arbeitete er seine eigene Geschichte auf. Im Mittelpunkt stand dabei fast immer seine eigene Familienhistorie, am Anfang jedoch eher zufällig. Denn schon während des Studiums war er mit dem Werk der Schriftstellerin Oda Schäfer in Berührung gekommen, das ihn nicht mehr losließ. Seine Recherchen ergaben zu seiner Überraschung, dass Schäfers Mädchenname Kraus gelautet hatte und sie tatsächlich seine Großtante gewesen war. Vor allem die Kindheitserinnerungen an das Baltikum zogen den Nachfahren in seinen Bann.

          Drehen in Estland? Niemals!

          Als Kraus 1993 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Estland an den Schauplatz der Erzählungen reiste, entpuppte sich der Gutshof Poll jedoch als wenig spektakulär. Was der Kommunismus niedergerissen hatte, baute Kraus in seiner Phantasie wieder auf. So entstand die Geschichte über Oda von Siering, die sich im Sommer des Jahres 1914 kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in einen estnischen Widerstandskämpfer verliebte - eingebettet in beeindruckende Bilder aus einer Zeit, als die deutsche Kultur auf dem Rückzug aus dem Baltikum war.

          Allerdings mussten mehr als 15 Jahre vergehen, ehe "Poll" nun Anfang Februar auf die Kinoleinwand kommen kann. Denn die Regisseure, denen er sein Buch Mitte der neunziger Jahre anvertraute, gaben es ihm wenig später wieder zurück. Drehen in Estland? Mit estnischen Darstellen? Ohne Fördermittel? Da wird nie was draus, erinnert sich Kraus an das knallharte Urteil. Damals habe er sich an einen Ausspruch von Ernest Hemingway erinnert, der das Schreiben mit einem Stierkampf verglichen habe. Umgeworfen zu werden sei nicht schlimm, man müsse nur wieder aufstehen. "Da habe ich erst mal Pause gemacht, um das Buch bei passender Gelegenheit wieder rauszuholen", erinnert sich Kraus.

          Familienchronik à la Star-Wars

          Stattdessen versuchte er sich zunächst an einem jüngeren Teil der Familienchronik, der weniger Requisite und Budget verlangte. Sein Roman "Scherbentanz" handelt von einem jungen Mann und seiner Beziehung zur alkoholkranken Mutter. Die Geschichte enthält starke autobiographische Züge und stellt nach Kraus' Angaben das Schlusskapitel seiner Familientrilogie dar. Verfilmt wurde der letzte Teil mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle jedoch als Erster. Die Anspielung, dass dieses Vorgehen an die Star-Wars-Saga von George Lucas erinnert, bringt Kraus herzhaft zum Lachen. Es folgen weitere erfolgreiche Projekte wie der Streifen "Vier Minuten", der ihm den Deutschen Filmpreis einbrachte.

          Mit diesen Erfolgen im Rücken, kramte er "Poll" abermals hervor. Diesmal mit Erfolg. Er fand genügend Financiers, um das Mammutprojekt anzugehen. Im Jahr 2006 startete die Produktion - und damit ging der Stress erst los. Wieder hat Kraus ein passendes Zitat parat, diesmal von Star-Regisseur Volker Schlöndorff. "Einen Film zu machen ist wie ein Sprint. Aber Regisseur zu sein ist wie ein Marathon", gibt Kraus den Vergleich wieder.

          Ständiger Kriegszustand am Set

          Kraus brauchte auch einen langen Atem. Mehrere Male sei das Projekt vor dem Scheitern gewesen. Kurz vor dem Beginn etwa brach der französische Koproduktionspartner weg. "Alles ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon finanziert", sagt Kraus, eine Tragödie. Da kam durch Zufall ein österreichischer Investor ins Spiel, der in die Lücke sprang. "Das ist in einem solchen Moment wie ein Wunder." Während der Dreharbeiten 2009 erreichte ihn dann ein Anruf, dass ein Sender 500.000 Euro aus dem Film rausziehe - Sparmaßnahme wegen der Finanzkrise. Regisseur und Produzenten mussten innerhalb von 24 Stunden einen Ersatz finden, sonst drohte das Aus. Auch das gelang, die Arbeit ging weiter.

          Das Team bekam von alledem nichts mit. "Das ist ja ohnehin ein ständiger Kriegszustand", beschreibt Kraus die Verhältnisse in einem der letzten Naturreservate Europas. "Wir waren vier Monate mit einer Multikultitruppe in einem Motel an einem einsamen Strand zusammen." Da blieben Spannungen nicht aus, manche Konflikte eskalierten, und Kraus musste unangenehme Entscheidungen treffen. "Wir haben einige Mitarbeiter entlassen, das hat auch Freundschaften gekostet." Dass er qua Funktion "der Unbeliebteste am Set" ist, mache ihm dabei wenig aus. Ein Projekt von dieser Größe verlange einem zwangsläufig einige Opfer ab. "So ein Lebensprojekt ist nichts, was man mal eben so macht."

          Lebensprojekt noch nicht zu Ende

          14 Stunden Dreharbeiten am Tag, anschließend die Szenen für den nächsten Tag schreiben, zwei bis vier Stunden Schlaf je Nacht, die Familie vier Monate kaum gesehen - die Strapazen sind an Kraus nicht spurlos vorbeigegangen. Seine Frau kommt aus der Branche, sie ist Cutterin und kennt die Verhältnisse. "Außenstehenden ist das kaum vermittelbar." Obwohl das Ganze schon eineinhalb Jahre her ist, fühle er sich noch immer erschöpft.

          Doch das Lebensprojekt ist noch nicht abgeschlossen. Schließlich will Kraus die Geschichte einer (seiner) Familie aus dem Baltikum über ein Jahrhundert weg verfilmen. Und der zweite Teil über den Holocaust fehlt noch. Dieses Thema sei eigentlich gar nicht en vogue. Kraus will es trotzdem anpacken. Er komme aus einer "Täterfamilie", wolle seinen eigenen Zugang zu der schwierigen Thematik finden. Sollte er dabei zwischendurch mal scheitern, wird ihn das kaum von seinem Weg abbringen. Eher im Gegenteil. Mit langem Atem, wie beim Marathon, will er es verfolgen. Aber das hat noch ein wenig Zeit. "Jetzt", sagt Kraus, "plane ich tatsächlich einen sehr kleinen Film."

          Zur Person:

          - Christopher Johannes Kraus wird 1963 in Göttingen geboren. Nachdem sich seine Eltern trennen, verbringt er acht Jahre im Internat.

          - Mit 19 Jahren wird er Vater und heiratet. Er verpflichtet sich als
          Zeitsoldat, studiert anschließend Geschichte in Mannheim.

          - Im Alter von 23 Jahren wird er geschieden und reist um die Welt. In den neunziger Jahren studiert er in Berlin Regie. Seinen Roman „Scherbentanz“ verfilmt er 2002 selbst. Für „Vier Minuten“ erhält er 2007 den Deutschen Filmpreis. Kraus aktueller Film „Poll“ ist seine teuerste und auf wendigste Produktion.

          - Kraus ist zum zweiten Mal verheiratet, lebt mit seiner Familie in Berlin

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