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Chris Kraus : Nach oben gescheitert

Allerdings mussten mehr als 15 Jahre vergehen, ehe "Poll" nun Anfang Februar auf die Kinoleinwand kommen kann. Denn die Regisseure, denen er sein Buch Mitte der neunziger Jahre anvertraute, gaben es ihm wenig später wieder zurück. Drehen in Estland? Mit estnischen Darstellen? Ohne Fördermittel? Da wird nie was draus, erinnert sich Kraus an das knallharte Urteil. Damals habe er sich an einen Ausspruch von Ernest Hemingway erinnert, der das Schreiben mit einem Stierkampf verglichen habe. Umgeworfen zu werden sei nicht schlimm, man müsse nur wieder aufstehen. "Da habe ich erst mal Pause gemacht, um das Buch bei passender Gelegenheit wieder rauszuholen", erinnert sich Kraus.

Familienchronik à la Star-Wars

Stattdessen versuchte er sich zunächst an einem jüngeren Teil der Familienchronik, der weniger Requisite und Budget verlangte. Sein Roman "Scherbentanz" handelt von einem jungen Mann und seiner Beziehung zur alkoholkranken Mutter. Die Geschichte enthält starke autobiographische Züge und stellt nach Kraus' Angaben das Schlusskapitel seiner Familientrilogie dar. Verfilmt wurde der letzte Teil mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle jedoch als Erster. Die Anspielung, dass dieses Vorgehen an die Star-Wars-Saga von George Lucas erinnert, bringt Kraus herzhaft zum Lachen. Es folgen weitere erfolgreiche Projekte wie der Streifen "Vier Minuten", der ihm den Deutschen Filmpreis einbrachte.

Mit diesen Erfolgen im Rücken, kramte er "Poll" abermals hervor. Diesmal mit Erfolg. Er fand genügend Financiers, um das Mammutprojekt anzugehen. Im Jahr 2006 startete die Produktion - und damit ging der Stress erst los. Wieder hat Kraus ein passendes Zitat parat, diesmal von Star-Regisseur Volker Schlöndorff. "Einen Film zu machen ist wie ein Sprint. Aber Regisseur zu sein ist wie ein Marathon", gibt Kraus den Vergleich wieder.

Ständiger Kriegszustand am Set

Kraus brauchte auch einen langen Atem. Mehrere Male sei das Projekt vor dem Scheitern gewesen. Kurz vor dem Beginn etwa brach der französische Koproduktionspartner weg. "Alles ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon finanziert", sagt Kraus, eine Tragödie. Da kam durch Zufall ein österreichischer Investor ins Spiel, der in die Lücke sprang. "Das ist in einem solchen Moment wie ein Wunder." Während der Dreharbeiten 2009 erreichte ihn dann ein Anruf, dass ein Sender 500.000 Euro aus dem Film rausziehe - Sparmaßnahme wegen der Finanzkrise. Regisseur und Produzenten mussten innerhalb von 24 Stunden einen Ersatz finden, sonst drohte das Aus. Auch das gelang, die Arbeit ging weiter.

Das Team bekam von alledem nichts mit. "Das ist ja ohnehin ein ständiger Kriegszustand", beschreibt Kraus die Verhältnisse in einem der letzten Naturreservate Europas. "Wir waren vier Monate mit einer Multikultitruppe in einem Motel an einem einsamen Strand zusammen." Da blieben Spannungen nicht aus, manche Konflikte eskalierten, und Kraus musste unangenehme Entscheidungen treffen. "Wir haben einige Mitarbeiter entlassen, das hat auch Freundschaften gekostet." Dass er qua Funktion "der Unbeliebteste am Set" ist, mache ihm dabei wenig aus. Ein Projekt von dieser Größe verlange einem zwangsläufig einige Opfer ab. "So ein Lebensprojekt ist nichts, was man mal eben so macht."

Lebensprojekt noch nicht zu Ende

14 Stunden Dreharbeiten am Tag, anschließend die Szenen für den nächsten Tag schreiben, zwei bis vier Stunden Schlaf je Nacht, die Familie vier Monate kaum gesehen - die Strapazen sind an Kraus nicht spurlos vorbeigegangen. Seine Frau kommt aus der Branche, sie ist Cutterin und kennt die Verhältnisse. "Außenstehenden ist das kaum vermittelbar." Obwohl das Ganze schon eineinhalb Jahre her ist, fühle er sich noch immer erschöpft.

Doch das Lebensprojekt ist noch nicht abgeschlossen. Schließlich will Kraus die Geschichte einer (seiner) Familie aus dem Baltikum über ein Jahrhundert weg verfilmen. Und der zweite Teil über den Holocaust fehlt noch. Dieses Thema sei eigentlich gar nicht en vogue. Kraus will es trotzdem anpacken. Er komme aus einer "Täterfamilie", wolle seinen eigenen Zugang zu der schwierigen Thematik finden. Sollte er dabei zwischendurch mal scheitern, wird ihn das kaum von seinem Weg abbringen. Eher im Gegenteil. Mit langem Atem, wie beim Marathon, will er es verfolgen. Aber das hat noch ein wenig Zeit. "Jetzt", sagt Kraus, "plane ich tatsächlich einen sehr kleinen Film."

Zur Person:

- Christopher Johannes Kraus wird 1963 in Göttingen geboren. Nachdem sich seine Eltern trennen, verbringt er acht Jahre im Internat.

- Mit 19 Jahren wird er Vater und heiratet. Er verpflichtet sich als
Zeitsoldat, studiert anschließend Geschichte in Mannheim.

- Im Alter von 23 Jahren wird er geschieden und reist um die Welt. In den neunziger Jahren studiert er in Berlin Regie. Seinen Roman „Scherbentanz“ verfilmt er 2002 selbst. Für „Vier Minuten“ erhält er 2007 den Deutschen Filmpreis. Kraus aktueller Film „Poll“ ist seine teuerste und auf wendigste Produktion.

- Kraus ist zum zweiten Mal verheiratet, lebt mit seiner Familie in Berlin

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