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Andres Veiel : Bilder aus dem Untergrund

Nicht ganz der Vater: Andres Veiel Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Mit der Jungen Union in Schwaben hat er früh gebrochen, beschäftigte sich mit den Details des RAF-Terrorismus. So wurde Andres Veiel zu einem der führenden Filmemacher im Land.

          5 Min.

          Andres Veiel hat zwei Väter: einen leiblichen und einen ideellen. Und an beiden musste er sich abarbeiten, um der zu werden, der er ist: der wohl tiefgründigste, intensivste und am stärksten nach Antworten grabende Filmemacher Deutschlands. Sein leiblicher Vater, Wehrmachtsoffizier im Zweiten Weltkrieg und später Rechtsanwalt in Stuttgart, verkörpert für ihn das bürgerliche Leben, von dem er sich abgrenzen musste. Leistungsorientiert, ein glühender Anhänger der Marktwirtschaft, liberal-konservativ. Sein ideeller Vater, der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski, war Mentor und Förderer, aber auch Blockierer seiner Arbeit. „Meine ersten Filme habe ich mit dem Gefühl gemacht, sie können nicht gut sein, weil sie nicht seinen Segen hatten. Dieses Denkmal musste ich stürzen. Erst als er starb, merkte ich, dass ein Vater den anderen abgelöst hatte“, sagt Veiel.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der Dokumentarfilmer sitzt an einem heißen Sommertag in einem Café in Berlin-Kreuzberg. In derselben Straße wohnt er mit seiner Frau und seinem Sohn. Klein, fast schmächtig ist er, uneitel mit grünem T-Shirt, Jeans und Sandalen bekleidet. Zwei Wochen zuvor hat er seinen ersten Spielfilm abgedreht, der im kommenden Jahr ins Kino kommen soll. „Wer wenn nicht wir“ wird er nach einem Rudi-Dutschke-Zitat heißen. Der Film erzählt die Vorgeschichte der Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin und ihres früheren Lebensgefährten Bernward Vesper. „Wenn man lange genug recherchiert, kann man eine scheinbar bekannte Geschichte komplett neu erzählen“, erklärt er seine Motivation, einen bekannten Stoff neu zu bearbeiten. „Außerdem ist die Frage wichtig für die Zukunft. Wann eskalieren politische Gewaltprozesse?“

          „Es lohnt sich, Zeitpläne über den Haufen zu werfen“

          Diese Selbstreflexion zeigt, dass Veiel es sich nicht einfach macht. Er gehöre nicht zu den Filmemachern, die eine These haben und für diese dann Bilder sammeln. Der Oscar-Preisträger Michael Moore sei ein Gegenmodell, ein Agitator, der Werke als politische Waffe nutze, aber auch schon vor der Recherche alles wisse. Veiel weiß erst nachher, manchmal erst Jahre nachher, was der Kern eines Stoffs ist. „Von einer Überschrift aus dringe ich immer mehr ins Zentrum. Dann merke ich, je mehr ich grabe, desto interessanter wird es. Es lohnt sich also auch, Zeitpläne über den Haufen zu werfen.“

          Die JVA Stamheim: Stoff für seine Filme
          Die JVA Stamheim: Stoff für seine Filme : Bild: dpa

          Viele der Beteiligten hatten deshalb schon die Sorge, dass er seinen aktuellen Film noch absagen würde. Denn zunächst musste sich Veiel am Vorgängerprojekt abarbeiten. „Nach sieben Monaten Recherche hatte ich sehr viel und machte ein Theaterstück und einen Film daraus. Erst dann aber öffneten sich viele meiner Gesprächspartner. Da habe ich die ganze Dimension verstanden“, sagt er über „Der Kick“.

          Ausgangspunkt war eine schreckliche Meldung, die er in der Berliner U-Bahn las: Drei Jugendliche hatten in Brandenburg einen vierten misshandelt und dann schließlich nach dem Vorbild aus dem Film „American History X“ brutal ermordet. Erst Monate, nachdem der Fall mediale Wellen schlägt, reist Veiel an den Schauplatz und bringt nach und nach die Menschen zum Sprechen. Schon die Eltern entsprechen nicht dem erwarteten Klischee von Verwahrlosung und Alkoholismus. Das macht ihn neugierig.

          Die Psychologie als Leidenschaft

          Wie der amerikanische Autor Truman Capote in „Kaltblütig“ legt er Schicht um Schicht des Falls offen. Weil er ohne Kamera arbeiten muss, lässt er später zwei Schauspieler in verteilten Rollen die Originaltöne nachsprechen und -spielen. Doch aus den sieben Monaten Recherche werden drei Jahre. Erst nach Theaterstück und Buch findet er seine richtigen Antworten. Die Gewalt in Potzlow hatte familienübergreifende und soziohistorische Hintergründe, die sich nur durch viele Gespräche aufdecken ließen. „Das Filmemachen erlaubt mir den Luxus, meinen eigenen Fragen nachzugehen, und ist damit indirekt therapeutisch: Ich rede über andere und rede über mich selbst. Wenn ich eine Initialzündung habe, gibt es eine innere Notwendigkeit, den Stoff durchzuziehen“, versucht Veiel sich zu erklären.

          Und diese Therapie glaubt er nötig zu haben, denn immer wieder im Leben sucht er den Konflikt, reibt sich an Autoritäten. Einen dritten Vater – seinen möglichen Doktorvater – lehnte er vor Jahren ab. Gern hätte es seine Familie gesehen, wenn er nach dem Psychologiestudium auch noch den Doktortitel eingesammelt hätte. Obwohl er wirtschaftlich vor dem Nichts stand, überwarf er sich aber mit dem Professor. „Ohne den Streit wäre ich jetzt vielleicht Gutachter in der Forensik“, sagt er und klingt dabei nicht völlig abgeneigt, denn die Psychologie ist seine Leidenschaft. Seit sein älterer Bruder dem Vater einst mit Hilfe von Freud rätselhafte Träume deutete, ist Veiel davon fasziniert. Doch die statistischen Verfahren aus dem Studium haben ihn seinem Wunsch nach tieferen Antworten nicht näher gebracht.

          Junge Union und Hausbesetzer

          Der Drang, immer wieder gegen Autoritäten aufzubegehren, ist schon in seiner Jugend ein wichtiges Motiv. Als Sohn bürgerlicher Eltern gründet er den Ortsverband der Jungen Union in Stuttgart-Möhringen. „Ich habe sie wohl als ihren indirekten Auftrag gesehen“, versteht er heute. Bald aber kommt der Bruch. Im Konflikt über Hausbesetzungen will er sich für die Sache der Besetzer stark machen. Billiger Wohnraum sei nötig, eine Sanierung alter Häuser möglich, denkt er. Nicht aber seine Parteifreunde. Nach diesen Entfremdungszeichen begeistert er sich zunehmend für die Theaterinszenierungen Claus Peymanns, der zu dieser Zeit in Stuttgart wirkt. „Bei uns kam 1968 erst 1977 an“, sagt Veiel. Während das Theater und die Peter-Handke-Lektüre seinen Geist öffnen, beginnen ihn die Enge und die schwäbische Kehrwoche zu stören.

          Ein weiterer Bruch folgt wenig später. Als Zuschauer verfolgt er die Stammheim-Prozesse. Eines Tages nimmt ihn ein Stadtrat zur Seite, den er aus JU-Zeiten kennt. „Wenn du in diesem Staat etwas werden willst, pass auf. Von dir existiert eine Akte“, flüstert der ihm zu. Der Bruch ist diesmal der mit dem Staat. Weil er sich selbst als Teil des demokratischen Spektrums sieht und ihm die Terroristen schon wegen ihrer verrohten Sprache fremd sind, beginnt er, am gesamten System zu zweifeln. Eine Weltreise nach Indonesien und Neuguinea wird zum Ausdruck der Suche nach dem Heilen in der Welt. 1982 dann schließt er das Kapitel Schwaben endgültig. Berlin wird seine Heimat. „Der Studienplatz hier war mir sehr recht. Als Frontstadt zeigte es sichtbare Wunden, statt sie zu überdecken wie Stuttgart.“

          Ein Film als Lebensentscheidung

          1984 begegnet er Kieslowski, der ihm zum gnadenlosen Lehrer wird. Weil Veiel auch in seinen ersten Projekten immer wieder den Konflikt sucht, lässt der Pole ihn einen Film über den eigenen Vater drehen. Positiv soll er ihn darstellen. Das Ergebnis verwirft der Mentor. Als ein Gefängnisinsasse, mit dem Veiel zuvor Theaterinszenierungen gemacht hat, nach einem Überfall auf ihn inhaftiert wird, will ihn Kieslowski zwingen, einen Film über seine reale Angst zu machen: die Angst vor der Rache des Bruders. Veiel weigert sich: der nächste Bruch. „Ich war froh, Kieslowski entkommen zu sein. Künstlerisch war es sogar lebensrettend, denn viele, die ihm näher blieben, gaben das Filmemachen auf.“

          Veiel aber findet im Film seine Bestimmung. Immer wieder kreisen seine Stoffe um das Verhältnis von Biographie, Geschichte und Ökonomie. „Black Box BRD“ bringt ihm 2001 seinen zweiten Deutschen Filmpreis ein. Die Geschichte um zwei Tote, den ermordeten Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und den mutmaßlichen RAF-Terroristen Wolfgang Grams, lässt ihn nicht los. Der Dreh treibt ihn an den Rand der Existenznot. Beinahe versagen ihm die Angehörigen die Zustimmung. „Es gab eine Zeit, da war es besser, Pizza Margherita als Pizza Funghi zu bestellen“, erinnert er sich. Wohl weil sie seinen Wunsch nach Wahrheitssuche verstehen, stimmen dann die Witwe Herrhausen wie auch die Eltern von Grams dem Film zu. So viel Material hat Veiel dabei gesammelt, dass auch daraus zusätzlich ein Sachbuch wird. Doch auch dieser Stoff findet kein Ende. Denn schließlich ist der Mordfall Herrhausen immer noch unaufgeklärt. „Black Box BRD weiterzumachen, wäre eine echte Lebensentscheidung“, sagt Veiel. Davor aber schreckt er dann doch zurück, denn es gibt noch so viele Fragen.

          Zur Person:

          - Andres Veiel wird am 16. Oktober 1959 in Stuttgart geboren.
          Zwischen 1982 und 1988 studiert er in Berlin Psychologie. 1985 beginnt er parallel dazu eine Regieausbildung.

          - Für den Dokumentarfilm „Balagan“ erhält er 1994 den Deutschen Filmpreis. „Black Box BRD“ wird 2001 ein Publikums- und Kritikererfolg.

          - Gerade schneidet er seinen ersten Spielflm „Wer wenn nicht wir“ über das Leben von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin in den 60er Jahren.

          - Veiel lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Berlin.

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