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Andres Veiel : Bilder aus dem Untergrund

Und diese Therapie glaubt er nötig zu haben, denn immer wieder im Leben sucht er den Konflikt, reibt sich an Autoritäten. Einen dritten Vater – seinen möglichen Doktorvater – lehnte er vor Jahren ab. Gern hätte es seine Familie gesehen, wenn er nach dem Psychologiestudium auch noch den Doktortitel eingesammelt hätte. Obwohl er wirtschaftlich vor dem Nichts stand, überwarf er sich aber mit dem Professor. „Ohne den Streit wäre ich jetzt vielleicht Gutachter in der Forensik“, sagt er und klingt dabei nicht völlig abgeneigt, denn die Psychologie ist seine Leidenschaft. Seit sein älterer Bruder dem Vater einst mit Hilfe von Freud rätselhafte Träume deutete, ist Veiel davon fasziniert. Doch die statistischen Verfahren aus dem Studium haben ihn seinem Wunsch nach tieferen Antworten nicht näher gebracht.

Junge Union und Hausbesetzer

Der Drang, immer wieder gegen Autoritäten aufzubegehren, ist schon in seiner Jugend ein wichtiges Motiv. Als Sohn bürgerlicher Eltern gründet er den Ortsverband der Jungen Union in Stuttgart-Möhringen. „Ich habe sie wohl als ihren indirekten Auftrag gesehen“, versteht er heute. Bald aber kommt der Bruch. Im Konflikt über Hausbesetzungen will er sich für die Sache der Besetzer stark machen. Billiger Wohnraum sei nötig, eine Sanierung alter Häuser möglich, denkt er. Nicht aber seine Parteifreunde. Nach diesen Entfremdungszeichen begeistert er sich zunehmend für die Theaterinszenierungen Claus Peymanns, der zu dieser Zeit in Stuttgart wirkt. „Bei uns kam 1968 erst 1977 an“, sagt Veiel. Während das Theater und die Peter-Handke-Lektüre seinen Geist öffnen, beginnen ihn die Enge und die schwäbische Kehrwoche zu stören.

Ein weiterer Bruch folgt wenig später. Als Zuschauer verfolgt er die Stammheim-Prozesse. Eines Tages nimmt ihn ein Stadtrat zur Seite, den er aus JU-Zeiten kennt. „Wenn du in diesem Staat etwas werden willst, pass auf. Von dir existiert eine Akte“, flüstert der ihm zu. Der Bruch ist diesmal der mit dem Staat. Weil er sich selbst als Teil des demokratischen Spektrums sieht und ihm die Terroristen schon wegen ihrer verrohten Sprache fremd sind, beginnt er, am gesamten System zu zweifeln. Eine Weltreise nach Indonesien und Neuguinea wird zum Ausdruck der Suche nach dem Heilen in der Welt. 1982 dann schließt er das Kapitel Schwaben endgültig. Berlin wird seine Heimat. „Der Studienplatz hier war mir sehr recht. Als Frontstadt zeigte es sichtbare Wunden, statt sie zu überdecken wie Stuttgart.“

Ein Film als Lebensentscheidung

1984 begegnet er Kieslowski, der ihm zum gnadenlosen Lehrer wird. Weil Veiel auch in seinen ersten Projekten immer wieder den Konflikt sucht, lässt der Pole ihn einen Film über den eigenen Vater drehen. Positiv soll er ihn darstellen. Das Ergebnis verwirft der Mentor. Als ein Gefängnisinsasse, mit dem Veiel zuvor Theaterinszenierungen gemacht hat, nach einem Überfall auf ihn inhaftiert wird, will ihn Kieslowski zwingen, einen Film über seine reale Angst zu machen: die Angst vor der Rache des Bruders. Veiel weigert sich: der nächste Bruch. „Ich war froh, Kieslowski entkommen zu sein. Künstlerisch war es sogar lebensrettend, denn viele, die ihm näher blieben, gaben das Filmemachen auf.“

Veiel aber findet im Film seine Bestimmung. Immer wieder kreisen seine Stoffe um das Verhältnis von Biographie, Geschichte und Ökonomie. „Black Box BRD“ bringt ihm 2001 seinen zweiten Deutschen Filmpreis ein. Die Geschichte um zwei Tote, den ermordeten Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und den mutmaßlichen RAF-Terroristen Wolfgang Grams, lässt ihn nicht los. Der Dreh treibt ihn an den Rand der Existenznot. Beinahe versagen ihm die Angehörigen die Zustimmung. „Es gab eine Zeit, da war es besser, Pizza Margherita als Pizza Funghi zu bestellen“, erinnert er sich. Wohl weil sie seinen Wunsch nach Wahrheitssuche verstehen, stimmen dann die Witwe Herrhausen wie auch die Eltern von Grams dem Film zu. So viel Material hat Veiel dabei gesammelt, dass auch daraus zusätzlich ein Sachbuch wird. Doch auch dieser Stoff findet kein Ende. Denn schließlich ist der Mordfall Herrhausen immer noch unaufgeklärt. „Black Box BRD weiterzumachen, wäre eine echte Lebensentscheidung“, sagt Veiel. Davor aber schreckt er dann doch zurück, denn es gibt noch so viele Fragen.

Zur Person:

- Andres Veiel wird am 16. Oktober 1959 in Stuttgart geboren.
Zwischen 1982 und 1988 studiert er in Berlin Psychologie. 1985 beginnt er parallel dazu eine Regieausbildung.

- Für den Dokumentarfilm „Balagan“ erhält er 1994 den Deutschen Filmpreis. „Black Box BRD“ wird 2001 ein Publikums- und Kritikererfolg.

- Gerade schneidet er seinen ersten Spielflm „Wer wenn nicht wir“ über das Leben von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin in den 60er Jahren.

- Veiel lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Berlin.

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