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Andreas Pinkwart : Ein Freund von Seitensprüngen

Der nette Herr Pinkwart: Von seinen politischen Weggefährten wurde er oft unterschätzt Bild: Andreas Pein

Als Andreas Pinkwart sich Ende 2010 aus der Spitze der FDP zurückzog, überraschte das viele. Dabei war er stets mehr Wissenschaftler als Politiker.

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          Sie hätten es ahnen können. Schon im Jahr 2007 hat Andreas Pinkwart aus seiner Begeisterung für Sachsen keinen Hehl gemacht. Damals plädierte er als Landesvorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen für die Abkehr vom traditionellen Schulsystem und die Einführung einer „regionalen Mittelschule“ nach sächsischem Vorbild, einer Verbindung aus Haupt-, Real- und Gesamtschule. Pinkwart argumentierte, die Mittelschule sei ein probates Mittel gegen sinkende Schülerzahlen und habe sich im Osten schon bewährt. Seine Kollegen in der schwarz-gelben Koalition des Bundeslandes erklärten ihn erwartungsgemäß für verrückt.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Heute arbeitet Pinkwart in Sachsen. Allerdings nicht mehr als Politiker, sondern als Wissenschaftler und Hochschulmanager. Seit April ist der Einundfünfzigjährige Rektor der Handelshochschule Leipzig (HHL), einer privaten Hochschule, die zu den führenden Managementschmieden in Deutschland zählt. Als Pinkwart im Herbst vergangenen Jahres verkündete, sich aus seinen politischen Spitzenämtern zurückziehen zu wollen, den stellvertretenden FDP-Vorsitz niederzulegen, waren viele seiner politischen Weggefährten erstaunt. Dabei kam dieser Schritt alles andere als überraschend. „Politik ist immer etwas auf Zeit.“ Es gibt einiges, was man an Andreas Pinkwart kritisieren kann, dass er sich nicht festlegen will zum Beispiel oder dass er so hölzern redet. Aber eines lässt sich ihm nicht vorwerfen: dass er ein Berufspolitiker ist. Er ist keiner, der alles macht, um an die Macht zu kommen und dort zu bleiben. Sein Werdegang ist vielmehr von Seitensprüngen geprägt. Aus der Wissenschaft in die Politik und wieder zurück.

          Als Kind schon „Spiegel“-Abonnent

          „Ich habe mich schon immer für Politik interessiert.“ Als Kind habe er im Fernsehen Bundestagsdebatten verfolgt, sich von den Eltern ein Abonnement des „Spiegel“ zum Geburtstag schenken lassen, erzählt Pinkwart in seinem Büro in Leipzig, in einem Altbau nicht weit entfernt vom Stadtzentrum, aber schon im Grünen. Er war Klassensprecher, Schulsprecher, „immer engagiert für gemeinschaftliche Anliegen“, wie Pinkwart es ausdrückt. In die FDP trat er mit 19 Jahren ein, der liberalen Haltung wegen. Was seine Freunde dazu sagten? „So isser nun mal.“ Pinkwart lacht, das macht er oft, davon zeugen die Lachfältchen rund um seine Augen, aber nicht immer passt sein Lachen zu dem, was er gerade sagt.

          „Ich wollte mal eine Bank von innen kennenlernen.“ Andere machen eine Banklehre, weil die Eltern es so wollen, Pinkwart, weil sie ihn interessiert. Nach der Ausbildung bei der Dresdner Bank in Köln studierte er Betriebs- und Volkswirtschaftslehre und entschied sich, eine Promotion dranzuhängen, Thema „Chaos und Unternehmenskrise“. Seitdem wird er der „Chaos-Professor“ genannt, auch wenn sein Wesen alles andere als chaotisch wirkt. Er könne sich noch an fast jede Fußnote der Dissertation erinnern, sagt er später noch, mit Blick auf die Plagiatsfälle der vergangenen Monate. „Ich habe mein Leben nicht langfristig vorgeplant, das habe ich auch bis heute nicht bedauert.“ Während er an der Dissertation schrieb, begann das Wechselspiel: Erst arbeitete Pinkwart als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mittelstandsforschung in Bonn, dann in der FDP-Bundestagsfraktion. Nach der Promotion wurde er Büroleiter von Hermann Otto Solms, dem damaligen Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, lernte den Politikbetrieb kennen. „Es sind schon andere Arbeitstage. Man wird ein Stück weit fremdbestimmt.“ Pinkwart sagt oft „man“, wenn er von sich erzählt.

          „Möllemann war ein Political Animal“

          „Von der Freiheit der Wissenschaft trennt man sich nicht so leicht.“ 1994 rückte die Politik zunächst in den Hintergrund. Pinkwart übernahm erst einen Lehrstuhl an der Fachhochschule Düsseldorf, dann einen an der Universität Siegen. Doch sosehr er die Forschertätigkeit in Siegen auch schätzte, im Jahr 2002 ließ er sich beurlauben, für die Politik. Er war zuvor in den Bundestag eingezogen, in die Reihen der Opposition, Rot-Grün regierte das Land. Und, nicht minder arbeitsintensiv: Pinkwart forderte Jürgen Möllemann heraus, wollte FDP-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen werden.

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