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Andrea Petkovic : Moonwalk auf dem Tennisplatz

Der Zweijahresplan wurde bald hinfällig. Anfang 2008, als sie sich schon auf Weltranglistenplatz 92 emporgearbeitet hatte, riss ihr bei den Australian Open das Kreuzband im rechten Knie. Die achtmonatige Verletzungspause nutzte Andrea Petkovic nicht nur, um in der Hessischen Staatskanzlei ein Praktikum zu absolvieren und ein Studium der Politikwissenschaften zu beginnen. Sie gewann auch eine neue Einstellung zu ihrem Beruf: Schluss mit dem Schnupperkurs, volle Kraft voraus! „Die Erfahrung mit dem Kreuzbandriss hilft mir, jeden Moment mehr zu genießen und dankbar zu sein. Die Anspannung als Top-Ten-Spielerin ist zwar doppelt so groß wie früher, aber ich habe auch doppelt so viel Spaß. Der heiße Atem der Konkurrenz im Nacken treibt mich an, mich weiter zu verbessern.“

Enorme Willenskraft

Andere Spitzenspielerinnen auf der Profitour mögen talentierter sein, ein besseres Händchen haben - Andrea Petkovic dagegen kann mit ihrer enormen Willenskraft wuchern. Nachlassen gilt nicht bei der Deutschen, weder auf großer Tennisbühne noch bei den Krafteinheiten, die sie im Verborgenen mit größerer Hingabe absolviert als die meisten Konkurrentinnen. Andrea Petkovic gilt als eine der fittesten Spielerinnen im Profizirkus. Um das zu beweisen, hätte es nicht das Foto gebraucht, das sie vorigen Sommer über Twitter verbreitete: Im Top steht sie auf dem Trainingsplatz und präsentiert ihre beeindruckende Bauchmuskulatur.

Ein Bild ihres „Sixpacks“ zu verschicken, das gehört aber zum Selbstverständnis der Deutschen. Als professionelle Tennisspielerin, so ihr Credo, sei sie zugleich eine Entertainerin. Nicht nur in den sozialen Netzwerken weiß Andrea Petkovic Aufmerksamkeit beim Publikum zu erregen, auch in den Tennisstadien dieser Welt zieht sie eine kleine Show ab. Mal feiert sie Siege mit ihrem so zappeligen wie zackigen „Petko-Dance“, mal präsentiert sie eine Schrittfolge, die an den „Moonwalk“ des verstorbenen Michael Jackson erinnert. Mit ihren Auftritten will sie auch eine Beziehung zu den Zuschauern aufbauen: „Man vereinsamt sehr schnell auf der Tennistour. Man ist komplett mit sich selbst beschäftigt und denkt, die ganze Welt dreht sich um sich.“

„Ich spüre, dass ich unter Beobachtung stehe“

Zugleich hat Andrea Petkovic in den vergangenen Monaten lernen müssen, sich auch mal zurückzunehmen. War sie früher für alles und jeden zu haben, ob am Telefon, am Mikrofon oder einfach aus Jux und Tollerei, so hat sie ihre öffentlichen Termine auf ein Minimum reduziert, seit sie zur prominenten Sportsfrau wurde und ihre Leistungen unter dem Rummel vorübergehend litten. „Ich war im vergangenen Frühjahr an mein Limit gekommen, deswegen liefen einige Turniere nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Um sich darauf konzentrieren zu können, ihre Position im Tennis zu halten oder zu verbessern, lässt sich Andrea Petkovic seit kurzem von einer stattlichen Mitarbeiterschar abschirmen: Neben dem fürs Sportliche zuständigen Trainerstab und den mitmischenden Familienmitgliedern Vater, Mutter, Schwester helfen ihr ein Managementberater, ein Pressesprecher und ein Mentaltrainer.

Bei ausgewählten Auftritten wie zuletzt beim Jahresrückblick „Menschen 2011“ oder bei der Wahl zur „Sportlerin des Jahres“, als sie auf Platz zwei landete, zeigte sie sich zwar gewohnt extrovertiert. Sonst hat sie sich zurückgezogen, meidet selbst Restaurants und Bars: „Ich spüre, dass ich unter Beobachtung stehe, möchte aber lieber für mich sein. Aber der Preis des Erfolgs ist gerechtfertigt, weil ich das machen kann, was ich will: Tennis spielen.“

Kein Vorankommen im Studium

Andrea Petkovic zahlt noch einen anderen Preis: In ihrem Politikwissenschaft-Studium kommt sie nicht voran. Zwar büffelt sie jeden Tag für etwa eine Stunde, doch weil sich wichtige Tennisturniere im Frühjahr und Spätsommer mit den Klausurterminen überschneiden, hat sie seit anderthalb Jahren keine Arbeit mehr geschrieben. Ob sie das Studium irgendwann zu Ende bringen wird? Andrea Petkovic zuckt mit den Achseln.

Erst einmal will sie noch ein paar Jährchen durch die Tenniswelt tingeln, dann will sie ernten, was sie während ihrer Sportkarriere gesät hat: „Ich arbeite ein bisschen vor, weil ich nicht irgendwann in ein Loch fallen möchte.“ Vielleicht wird sie später also filmen, schreiben, musizieren oder politisieren. Oder ihrem Kopf entspringt bis dahin eine ganz neue Idee. Es wäre der Gedanke Nummer tausendundeins.

Zur Person

Andrea Petkovic wird 1987 im bosnischen Tuzla geboren. Sechs Monate später kommt sie mit ihren Eltern nach Darmstadt. Auf dem Gymnasium überspringt sie die elfte Klasse, macht ihr Abitur mit einem Notenschnitt von 1,2.

Im Alter von sechs Jahren beginnt sie mit dem Tennisspielen, Vater Zoran ist ihr Trainer.

Nach dem Abitur startet sie 2007 eine Profilaufbahn. 2008 wirft eine Verletzung sie zurück. Seit ihrem Comeback hat sie sich auf Platz zehn der Weltrangliste vorgearbeitet.

Neben der Sportkarriere studiert sie Politikwissenschaften an der Fernuniversität Hagen.

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