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Amir Kassei : Werbung ist sein Spiel

Amir Kassaei Bild: DDB

Er werde scheitern, wurde Amir Kassaei prophezeit, als er vor fünf Jahren Kreativchef der Werbeagentur DDB wurde. Das Gegenteil ist eingetreten.

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          Zwischen all den Auszeichnungen aus Edelmetall, die Amir Kassaei in der dunklen Schrankwand in seinem Büro sauber nebeneinander aufgereiht hat, fällt ein Fremdkörper ins Auge. Es ist ein kleines hellgrünes Plastikmännchen, das ein großes Symbol für Radioaktivität an der Stelle trägt, wo eigentlich das Gesicht sein sollte. Anstatt Haaren hat es einen Docht auf dem Kopf, und in seiner zur Faust geballten Hand steckt ein Streichholz. „Das bin ich“, sagt Amir Kassaei und nimmt die Spielzeugfigur in die Hand, während er sich mit der anderen eine weitere Muratti Ambassador anzündet. Als er das Männchen in einem Spielzeugladen in Südafrika gesehen habe, hätte er sofort gewusst, auf ein Symbol seines Charakters getroffen zu sein: „Irgendwie wahnsinnig und explosiv“, fasst er die Parallelen kurz zusammen, wobei sein Wiener Dialekt das Gesagte entschärft und das jungenhafte Grinsen den Worten ihren Ernst nimmt.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Konstantin Jacoby wird ähnlich über Kassaei gedacht haben, als sein Zögling vor fünf Jahren bei Springer & Jacoby mit dem Ansinnen kündigte, die strauchelnde deutsche Niederlassung der Netzwerk-Agentur DDB als Kreativchef unter die drei besten deutschen Kreativagenturen zu bringen. Bis dahin waren alle in der Branche fest davon ausgegangen, Kassaei werde in Kürze zum obersten Kreativen in Deutschlands damaliger Vorzeigeagentur aufsteigen. Sein Missfallen über Kassaeis Entscheidung behielt Jacoby nicht für sich: „Noch nie hat ein Mann von S & J in einer Netzwerk-Agentur Erfolg gehabt. Sie sind alle gescheitert. Auch Amir wird scheitern“, gab sein früherer Chef Kassaei öffentlich mit auf den Weg. Spätestens in diesem Frühling muss Jacoby jedoch aufgegangen sein, dass er sich geirrt hat. Für ihre Kampagne „Horst Schlämmer macht Führerschein“ für den Kunden VW erhielt DDB beim wichtigsten deutschen Kreativwettbewerb ADC sieben goldene Nägel – mehr als jede andere Agentur zuvor für eine Kampagne. In den vorangegangenen Jahren hatte Kassaei mit DDB schon fast jeden Kreativpreis gewonnen, den die Werbebranche zu vergeben hat. Er selbst wurde vom Branchenblatt Won-Report zu einem der besten Kreativen der Welt gekürt.

          „Die Marke war eine warme Decke“

          Auch ökonomisch haben Kassaei und sein Partner Tonio Kröger den Wandel geschafft: Als sie die Verantwortung übernahmen, steckte die Agentur tief in den roten Zahlen. Mittlerweile wirtschaftet sie schon längst wieder profitabel. Die Entscheidung, das Risiko einzugehen, von der Elite-Agentur Springer & Jacoby zu ihrem desolaten Wettbewerber zu wechseln, begründet Kassaei mit ebendiesem Risiko: „Ich wollte sehen, ob der Erfolg an mir liegt oder an den Strukturen. Bei S & J gut zu sein war keine Kunst – die Marke war für uns alle eine warme Decke.“

          Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling - Kasseis größte Kampagne

          Im Nachhinein mag diese Begründung kokett klingen. Doch wer Amir Kassaei schon einmal in der Öffentlichkeit erlebt hat, weiß, dass ihm ein Spiel erst Spaß macht, wenn andere an ihre Grenzen stoßen. Und Werbung ist für ihn vor allem ein Spiel. „Wenn man den Leuten etwas verkauft, was sie eigentlich nicht brauchen, darf man sich selbst nicht zu wichtig nehmen“, findet er. Beim Party-Smalltalk lotet Kassaei diese Grenzen mit seinen direkten Fragen ebenso aus wie im Kundengespräch. „Ich frage mich immer: Wie weit kannst du gehen?“, sagt er über sich selbst. Von der Horst-Schlämmer-Kampagne, die mit anonymen Kurzfilmen im Internet begann, konnte er VW nur mit dem Versprechen überzeugen, alles sofort zurückzunehmen, sollte die Werbung nicht funktionieren. Dabei profitiert Kassaei vor allem von seiner Gabe, sowohl Kunden als auch Mitarbeiter mit einer Begeisterung anzustecken, die manchmal fast kindlich anmutet. „Amir ist ein unglaublicher Motivator“, müssen selbst Kollegen eingestehen, die ihn sonst kritisch sehen.

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