https://www.faz.net/-gyl-ba3

A.W. Graf von Faber-Castel : Der spätberufene Graf

  • -Aktualisiert am

Obwohl Faber-Castell schon damals den größten Teil seines Umsatzes im Ausland machte und in Deutschland wesentlich weniger Mitarbeiter beschäftigt als im Ausland, spielt für ihn "made in Germany" eine große Rolle: "Wir sind ein internationales Unternehmen mit deutschen Wurzeln." Darauf ist er stolz. Aber er weiß auch, wieviel vom Ruf einer Marke abhängt, zumal in Zeiten, in denen sich Markenstifte von der Qualität her kaum noch voneinander unterscheiden. "Der emotionale Mehrwert spielt eine immer größere Rolle." Seine Stifte positioniert er als Schreibwerkzeuge für Anspruchsvolle. Adelsprodukte eben. Deshalb läßt er sich auch mit Vorliebe in Anzug und Krawatte mit Einstecktuch vor oder in seinem altehrwürdigen Schloß fotografieren.

Um den Stammsitz des Unternehmens hat er als junger Mann einen großen Bogen gemacht. Was sollte er im beschaulichen Stein, während es draußen in der Welt soviel zu entdecken gab? "Als 18jähriger wollte ich meinen eigenen Weg gehen." Seine Mutter unterstützt ihn dabei. Sie schärft ihrem Sohn ein, sich nicht auf das väterliche Erbe zu verlassen. Also beschließt er zu studieren. Geschichte hätte ihn interessiert. Dennoch verabschiedet er sich schnell von diesem Gedanken. "Zu brotlos." Auch Betriebswirtschaft scheidet aus. "Zu schmalspurig." Schließlich entscheidet er sich für Jura. Auf den Rat seiner Mutter hin, die meint, das systematisch-analytische Denken von Juristen könne man immer gebrauchen.

Mutter hat es gewußt

Nach dem Studium holt ihn sein Vater Roland ins Unternehmen. Denn er hatte schon damals erkannt, daß sein Sohn Anton Wolfgang von seinen zehn Kindern aus zwei Ehen der geeignete Nachfolger wäre. "Vielleicht hat meine Mutter schon bei meiner Geburt gewußt, daß ich einmal das Erbe antreten würde", sagt der Firmenchef heute. Schließlich habe sie ihn Anton Wolfgang genannt. A.W. Faber - so wie Lothar von Faber seinen ersten sechseckigen Markenbleistift nannte.

Halten kann der Firmenpatriarch den Junior damals jedoch nicht. Der will die Welt sehen. "Außerdem konnte ich in der Firma ja auch nichts bewirken." Mit dreißig Jahren heuert der Jurist als Investmentbanker an und geht für die Credit Suisse nach London und New York. "Einblicke in unterschiedliche Unternehmen zu bekommen, das hat mich interessiert", erzählt er. In dieser Zeit lernt er viel über Zahlen und Strategien, "aber wenig über Menschenführung", wie er zugibt. Trotzdem: Seine Arbeit auf dem New Yorker Börsenparkett gefällt ihm, und er beschließt, in den Vereinigten Staaten zu bleiben.

Tod des Vaters ändert alles

Doch das Schicksal will es anders. Der Vater erkrankt plötzlich schwer und stirbt. Mit wenig Erfahrung in Unternehmensführung, aber viel Innovationsgeist übernimmt der 37jährige im Jahr 1978 die Leitung der Bleistiftdynastie. Von Anfang an setzt er auf Qualität und verkündet: "Wir müssen uns abheben von den Pfennigprodukten." Die Verbindung von Tradition und Moderne, das schreibt sich der neue Chef auf seine Fahne. 1993 führt er das Castellsche Motiv mit den beiden kämpfenden Rittern wieder ein. Seitdem ziert die Turnierszene wieder jeden Stift aus dem Haus Faber-Castell. Daneben expandiert er. Besonders nach Asien. Denn dort sieht er einen großen Wachstumsmarkt. "Dort nimmt die Bildung ständig zu und damit der Wunsch nach Stiften."

Sich mit seinen Geschwistern über die Firmenpolitik zu streiten ist seine Sache nicht. Er ist der Chef und zahlt die anderen aus. Nach einigen Experimenten, zum Beispiel mit Druckbleistiften, konzentriert er sich auf das Rückgrat des Unternehmens, holzgefaßte Blei- und Buntstifte. "Außerdem habe ich gelernt, bei meinen Entscheidungen auf mein Gefühl zu vertrauen." Sich auf den Rat sogenannter Experten zu verlassen, die dem Bleistift das Aus prognostiziert hatten, habe ihn einige Jahre gekostet.

Auf sich selbst vertraut hat er von Anfang an beim Design. "Darauf habe ich viel Wert gelegt. Das galt damals als Spinnerei", erinnert er sich. "Der Erfolg hat mir recht gegeben." Vor einigen Jahren war es das Design, das den Standort Deutschland mit seinen 850 Mitarbeitern gerettet hat. "Grip" hieß der Kassenschlager, ein dreieckiger Bleistift, der mit seinen seitlichen Noppen den Fingern einen besseren Griff verspricht. Der Grip beweist, daß man mit so etwas Unspektakulärem wie Bleistiften Karriere machen kann. Aber der Graf weiß das ja längst.

Zur Person

Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell wird am 7. Juni 1941 in Bamberg geboren, Sohn einer Dynastie, die seit 1761 Bleistifte herstellt

„Toni“ will vom Familienunternehmen zunächst nichts wissen, studiert Jura, wird Investmentbanker in Amerika. Erst der plötzliche Tod des Vaters bringt ihn zurück nach Franken

Seit 1978 ist A.W. Faber-Castell alleiniger geschäftsführender Gesellschafter. 5850 Mitarbeiter in aller Welt, davon 850 in Deutschland. Umsatz im Geschäftsjahr 2005/06: 354,1 Millionen (Vorjahr: 287,1) Euro; Produktion von 1,8 Milliarden holzgefaßten Stiften pro Jahr

Verheiratet mit Mary Elizabeth, ein Sohn, drei Töchter

Weitere Themen

Tödliche Luft

FAZ Plus Artikel: Smog in Delhi : Tödliche Luft

In Indien hat die Luftverschmutzung apokalyptische Ausmaße erreicht. Die Grenzwerte werden regelmäßig um ein Vielfaches überschritten. Abhilfe ist nicht in Sicht, auch weil viele Inder gleichgültig gegenüber dem Problem bleiben.

Topmeldungen

Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.