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Kolumne „Mein Urteil“ : Geheimbotschaft im Zeugnis

  • Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Wenn Arbeitnehmer wegen verklausulierter Kritik im Arbeitszeugnis klagen, müssen sie die Bedeutung der Formulierungen belegen. „Übersetzungslisten“ aus dem Internet reichen da nicht.

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          Zeugnissprache ist eine schwere Sprache. Vor allem Unternehmen beklagen sich, dass die heute üblichen Leistungsbeschreibungen überzogen sind und häufig nicht der Realität entsprechen. Arbeitnehmer haben ganz andere Sorgen: Sie müssen befürchten, dass der Arbeitgeber sogenannte Geheimbotschaften im Zeugnistext versteckt, die äußerlich zwar positiv klingen, dem kundigen Leser in Wirklichkeit aber genau das Gegenteil vermitteln.

          Das gilt beispielsweise für die Aussage, der Mitarbeiter sei „gesellig“ oder „beliebt“ gewesen. Damit wird in Wahrheit gesagt, dass die betroffene Person in der Belegschaft ganz und gar nicht respektiert wurde. Mit einem besonders kniffligen Fall hatte sich unlängst das Bundesarbeitsgericht zu befassen (Az.: 9 AZR 386/10). Dort hatte der Arbeitgeber formuliert: „Wir haben Herrn K. als sehr interessierten und hochmotivierten Mitarbeiter kennengelernt, der stets eine sehr hohe Einsatzbereitschaft zeigte.“

          Der Arbeitnehmer meinte, dass aus dieser Formulierung hervorgehe, dass er gerade nicht interessiert und hochmotiviert mitgearbeitet habe. Er verlangte daher vom Arbeitgeber die Berichtigung der entsprechenden Zeugnispassage.

          Die obersten deutschen Arbeitsrichter hielten die Klage für unbegründet. Nach ihrer Auffassung handelt es sich bei dem Ausdruck „kennengelernt“ nicht um eine unklare oder gar verschleiernde Zeugnissprache im Sinne eines Geheimcodes.

          Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass die betroffene Formulierung sogar in einschlägigen „Übersetzungslisten“ im Internet als unzulässig angeprangert werde. Eindeutige empirisch-statische Belege hinsichtlich einer möglichen verschlüsselten Bedeutung der streitigen Formulierung gebe es nicht. Zudem dürfe der Ausdruck nicht isoliert vom restlichen Zeugnisinhalt gesehen werden. Es kommt nach Auffassung der Richter vielmehr auch auf den Gesamtzusammenhang an, in dem die Aussage steht.

          Im vorliegenden Fall hatte der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer in dem beanstandeten Zeugnis durchweg eine gute Leistung attestiert. Unter diesen Umständen ließe sich kaum annehmen, dass dem Arbeitgeber mit der angegriffenen Formulierung in Wahrheit Desinteresse und fehlende Motivation bescheinigt werden sollten.

          Diese Entscheidung ist zu begrüßen, denn sie setzt einer allzu grenzenlosen Phantasie von Zeugnisverfassern und Zeugnislesern Grenzen. Das eigentliche Dilemma freilich liegt darin, dass es keinerlei greifbaren Belege dafür gibt, welche „Botschaft“ ein potentieller Arbeitgeber dem vorgelegten Zeugnis entnimmt. Eine in jeder Hinsicht verlässliche Zeugnissprache wird es daher auch nach dem neuen Urteil der Bundesarbeitsrichter nicht geben.

          Marcel Grobys ist Inhaber einer Kanzlei für Arbeitsrecht in München.

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