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Kolumne „Mein Urteil“ : Darf ich im Büro ein Kopftuch tragen?

  • -Aktualisiert am

Auf der Straße sind Frauen, die Kopftuch tragen, ein recht alltäglicher Anblick. Das sollte er auch im Büro sein - oder? Bild: dapd

Eine Arbeitnehmerin will aus religiösen Gründen im Büro ein Kopftuch tragen. Das darf sie. Denn die Glaubens- und Religionsfreiheit im Betrieb geht vor. Doch auch hier gilt: Keine Regel ohne Ausnahme.

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          Das Tragen bestimmter Kleidung am Arbeitsplatz sorgt immer wieder für Zündstoff im Arbeitsverhältnis. Seit Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) hat sich das verschärft. Das AGG verbietet Arbeitgebern, ihre Beschäftigten wegen ihrer Religion zu benachteiligen. Deshalb dürfen sie auf religiös motivierte Verhaltensweisen ihrer Mitarbeiter, wie etwa das Tragen eines Kopftuchs, keinen Einfluss zu nehmen.

          Die Glaubens- und Religionsfreiheit der Beschäftigten geht im Betrieb vor. Allerdings gilt auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme. Weder das AGG noch das Grundgesetz gewähren den Mitarbeitern ein absolutes Recht, religiös motivierte Kleidung am Arbeitsplatz zu tragen. Immer dann, wenn der Arbeitgeber einen gerichtsfesten Grund hat, weshalb er etwa das Kopftuchtragen untersagt, kann die entsprechende Anordnung wirksam sein.

          Die Arbeitsgerichte stellen jedoch hohe Anforderungen an einen solchen Grund. Erwägungen zu Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz können ein solches Verbot rechtfertigen. Demgegenüber reicht der Wunsch des Unternehmers allein nicht aus, seinen Mitarbeiterinnen das Tragen religiöser Kopftücher zu untersagen.

          Welche Regeln gelten bei einem katholischen Arbeitgeber?

          Dasselbe gilt für die Befürchtung, ein Kopftuch oder sonstige religiöse Symbole könnten die Kunden verschrecken. Selbst für Mitarbeiter an der Verkaufsfront muss der Arbeitgeber für ein Verbot vielmehr nachweisen können, dass es etwa zu Beschwerden von Kunden oder Geschäftspartnern kam und daher eine Geschäftsschädigung zu erwarten ist. Andere Regeln gelten, wenn es sich um einen staatlichen oder kirchlichen Arbeitgeber handelt. Im Gegensatz zur Privatwirtschaft können sich staatliche Arbeitgeber auf das staatliche Neutralitätsgebot berufen.

          Doris-Maria Schuster ist Fachanwältin für Arbeitsrecht und Partnerin der Kanzlei Gleiss Lutz.
          Doris-Maria Schuster ist Fachanwältin für Arbeitsrecht und Partnerin der Kanzlei Gleiss Lutz. : Bild: Gleiss Lutz

          Weil das Bekunden religiöser Auffassungen durch Kleidung geeignet ist, diese Neutralität zu gefährden, dürfen sie solche Kleidung im Büro untersagen. Auch kirchliche Arbeitgeber können von ihren Mitarbeitern verlangen, sich neutral gegenüber dem jeweiligen Glaubensbekenntnis zu verhalten, und religiös motivierte Kleidung am Arbeitsplatz untersagen. Das hat das Bundesarbeitsgericht (BAG) zuletzt unlängst bestätigt (Az.: 5 AZR 611/12).

          Hier wollte eine Mitarbeiterin, die bei einem kirchlichen Krankenhaus beschäftigt war, aus religiösen Gründen während ihrer Arbeitszeit ein Kopftuch tragen. Das beklagte Krankenhaus lehnte dies jedoch unter Verweis auf die arbeitsvertraglich vereinbarte Neutralitätspflicht ab. Zu Recht, wie das BAG feststellte. Sind Kirche und Arbeitgeber derart verbunden, dass sich die konfessionelle Prägung auch im täglichen Betriebsablauf niederschlägt, kann den Mitarbeitern auch das Tragen religiös motivierter Kleidung vom Arbeitgeber untersagt werden.

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