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Kolumne „Mein Urteil“ : Kann mir mein Arbeitgeber unmodische Kleidung vorschreiben?

  • -Aktualisiert am

Manch kleiner Junge träumt davon, eines Tages eine Pilotenmütze tragen zu dürfen. Manchem gestandenen Luftkapitän passt das allerdings gar nicht. Bild: dpa

Kleidung gilt als Ausdruck von Individualität. Umso härter trifft es manche, wenn sie in der Arbeit nicht tragen dürfen, was sie möchten. Doch darf ein Arbeitgeber seinen Beschäftigten überhaupt Kleidervorschriften machen?

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          In aller Regel muss ein Beschäftigter in der Arbeit tatsächlich das tragen, was der Arbeitgeber für seine Tätigkeit vorgesehen hat. Erforderlich ist lediglich ein legitimer dienstlicher Anlass, der etwa in der Art der Arbeitsleistung (Verletzungsgefahr), einem geschäftspolitischen Ziel (korrektes Auftreten) oder bestimmten Traditionen (Bus und Bahn) liegen kann. Das gilt selbst dann, wenn der Arbeitsvertrag keine Regelungen zur Dienstkleidung enthält.

          Denn das Erscheinungsbild während der Arbeitszeit darf der Arbeitgeber mit seinem Direktionsrecht oder durch eine gesonderte Betriebsvereinbarung konkretisieren. Auf die modischen Wünsche seiner Beschäftigten muss das Unternehmen dabei nicht eingehen. Der Teufel steckt freilich im Detail, wie unlängst die Deutsche Lufthansa in einem Streitfall vor dem Bundesarbeitsgericht erfahren musste (1 AZR 1083/12).

          Dort klagte ein Pilot, weil er entgegen den bestehenden Anweisungen der Fluggesellschaft seine Dienstmütze innerhalb des Flughafengebäudes nicht aufsetzen wollte. Die einschlägigen betrieblichen Regelungen sahen eine entsprechende Tragepflicht für alle männlichen Flugzeugführer vor. Den Pilotinnen der Lufthansa war das Aufsetzen der Mütze dagegen freigestellt, ebenso wie dem gesamten Kabinenpersonal.

          Wie steht es um das Tragen eines Rocks?

          Nach Ansicht des Bundesarbeitsgerichts (BAG) stellt diese Differenzierung eine unzulässige Ungleichbehandlung und Diskriminierung der männlichen Piloten dar. Zweck der Tragepflicht sei es, die Mitarbeiter des fliegenden Personals für jedermann in der Öffentlichkeit erkennbar zu machen. Das ist nur bei einem einheitlichen Erscheinungsbild der Piloten unabhängig von ihrem Geschlecht gewährleistet. Das klassische Bild vom Piloten werde wesentlich von der Cockpit-Mütze geprägt und von unbeteiligten Personen auch so wahrgenommen.

          Marcel Grobys ist Inhaber einer Kanzlei für Arbeitsrecht in München.

          Zudem diene das Tragen der Mütze der Abgrenzung zum restlichen Kabinenpersonal. Mit diesen Grundsätzen ist es nicht vereinbar, wenn nur ein Teil der Flugzeugführer zum Tragen der Kopfbedeckung verpflichtet wird. Für eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen besteht insoweit kein sachlicher Grund. Allein der Umstand, dass bei Frauen ein Konflikt mit der „Frisurgestaltung“ auftreten könne, rechtfertigt nach Ansicht der Richter des BAG eine Diskriminierung der männlichen Piloten nicht.

          Somit war die strittige Regelung insgesamt unwirksam und damit auch der Kläger vom Tragen der Pilotenmütze befreit. Die Konsequenz der Entscheidung: Der Arbeitgeber darf nur dann in einer Kleiderordnung zwischen Männern und Frauen differenzieren, wenn bestimmte Kleidungsstücke - wie etwa das Tragen eines Rocks - nach allgemeiner kultureller Auffassung ausschließlich einem Geschlecht vorbehalten sind.

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