https://www.faz.net/-gyl-75xpp

„Mein Prof ist ein DJ“ heißt ein Clubevent, bei dem aus Dozenten Crowdsurfer werden : Freiheit, Leute, Freiheit

  • -Aktualisiert am


Auf der Bühne steht Professor Dr. Dodo zu Knyphausen-Aufseß, Inhaber des Lehrstuhles für Strategische Führung und Globales Management an der TU Berlin und Freiherr aus altfriesischem Adel, seit einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal wieder in einer Diskothek, Kopf rot, Stimme angekratzt, die Unterarme mit Tattoo-Ärmeln versehen, die er später, als er im Publikum seine Studierenden umarmt, an Fans verschenken wird, und brüllt heiser ins Mikro: „Freiheit, Leute, Freiheit!“ Und dann packen sie Handys und Feuerzeuge aus und singen im Chor mit Marius Müller-Westernhagen. Manche treten auf, als hätten sie lange auf diese Gelegenheit gewartet. Professor Lutz Weinke, Leiter des Institutes für Wirtschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat hinter sich ein halbes Dutzend Studentinnen als Backgroundtänzerinnen und Cheerleader versammelt, Zettel-Zuspruch in den Händen: We ♥ DJ Lutz. Professor Dr. Martin Schwab, Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Verfahrens- und Insolvenzrecht an der FU Berlin, ausstaffiert mit pinkfarbener Plastikblütenkette, Shutter-Shades-Brille und Schlagerstarstrahlen, wischt sich mit einem Taschentuch die schweißnasse Stirn. Schwab singt regelmäßig in der Karaokebar Green Mango in Schöneberg und tritt bei Fachbereichsfesten mit Keyboard auf. Das hat er auch in den Fritzclub mitgebracht, und deshalb ist nach Dr. Albans letztem Hallelujah Schluss mit Konserve. „Jetzt geht’s live weiter“, ruft der Professor und greift in die Tasten: This ain’t a song for the broken-hearted …


Der duellierende Kollege Dr. Gerhart Bayer, Privatdozent im Fachbereich Sportwissenschaften an der HU Berlin, kontert mit der eigenwilligsten Playlist des Abends: Adele und AC/DC, Aber bitte mit Sahne und Call Me Maybe. In Sachen Tanzstil hält es Trainingswissenschaftler Bayer eher minimalistisch. In der Praxis liegt sein Schwerpunkt auf dem Sportschwimmen, auf seinem DJ-Shirt steht: „Schwimmen! Nicht Baden!“


Pontus Persson bekommt seinen Best-Performance-Preis und demonstriert prompt die Rampensau-Qualitäten, mit denen er sich die Auszeichnung verdient hat. ABBA schaffen es nur bis zum ersten Refrain von SOS, bevor Perssons Hemd auf den Bühnenboden fliegt und ein Schwedentrikot in Gelb-Blau enthüllt. Einen neuen Wikingerhelm hat er auch dabei, mit extra langen Plüschhörnern. Den reicht er an die Studentin weiter, die er zum Tanzen auf die Bühne holt. Und dann taucht der Professor ab in die Crowd, und sie trägt ihn auf Händen bis in die Saalmitte und zurück.


Sein Charité-Kollege Dr. Andreas Winkelmann, der sich ohne Verstärkung durch Persson gar nicht auf die Clubbühne trauen wollte und backstage Minuten vor seinem Auftritt mit schicksalsergeben gesenktem Kopf auf- und ablief, Hände in den Taschen, singt jede Zeile seines Einstiegssong „I Will Survive“ mit. Zwei Songs später fliegt sein Shirt in die Menge.


Kurz vor vier Uhr morgens schnallt sich Professor Dr. Kleinaltenkamp die Gitarre um und holt zum Abschluss seines Sets den Rest seiner Band auf die Bühne. The Kla’s spielen Pink – God Is a DJ – , die Menge tobt und Moderator Wingman misst: nie da gewesene 143 Dezibel. Im Publikum sucht Pontus Persson seinen Wikingerhelm.

Weitere Themen

Berliner Gericht verschärft Zitierregeln

Plagiate : Berliner Gericht verschärft Zitierregeln

Die Rechtsprechung zu Plagiaten wird immer strenger. Nun hat das Verwaltungsgericht Berlin entschieden, dass eine Täuschung auch dann vorliegt, wenn eine „Letztquelle“ aus einer „Zwischenquelle“ zitiert wird.

Einsame Spitze

Arbeiten im Corona-Sommer : Einsame Spitze

Als Olympiasieger im Speerwurf und Vermarktungsprofi geht es Thomas Röhler besser als den meisten Sportlern. Zwar musste auch er mit Zumutungen kämpfen – aber der Corona-Sommer nahm für ihn eine wunderbare Wendung.

Topmeldungen

Identitätspolitik : Junge Linke gegen alte Linke

Was alte Linke über Minderheiten sagen, finden junge Linke rassistisch. Und was die Jungen sagen, galt bei den Alten früher als Vorstufe des Faschismus. Es geht ein tiefer Riss durch das linke Lager.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.