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„Mein Prof ist ein DJ“ heißt ein Clubevent, bei dem aus Dozenten Crowdsurfer werden : Freiheit, Leute, Freiheit

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Persson, gebürtiger Schwede und in den USA aufgewachsen, ist ein anderes Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden gewohnt, als es an deutschen Unis üblich ist, was ihn in Berlin schon in Schwierigkeiten brachte. Er lud in seine Wohnung ein, es kamen 200 Leute, die Polizei rückte mit einer Hundertschaft an, um die Party aufzulösen, noch zwei Straßen weiter standen Mannschaftswagen. Mein Vermieter, sagt Gastgeber Persson, hatte Todesangst, dass wir Geiseln nehmen.


Die Professorennacht jedenfalls hätte er gewonnen, hätten sich nicht die konkurrierenden Sportler bei der Beifall-Messung direkt vor dem Mikro aufgebaut und ihn um den Sieg gebrüllt. Heute tritt er außer Konkurrenz auf und bekommt einen Ehrenpokal, als Entschädigung.


Das erste DJ-Duell des Abends geht gegen Mitternacht über die Bühne. Professor Dr. Stephan Völker gegen Professor Dr. Sven Gärtner, Elektrotechnik gegen Architektur. Professor Völker betritt in waberndem Nebel zu „Völker“-Sprechchören die Bühne, blinzelt durch Brillengläser ins Rampenlicht und begrüßt: seine Elektrotechniker – und alle, die abrocken wollen. Jennifer Lopez singt „Let’s Get Loud“, der Professor hüpft hinter den Turntables und trommelt Takte in die Luft.


Als Konkurrent Gärtner seinen Auftaktsong „Roll Over Beethoven“ ausklingen lässt, hat die Security zum zigsten Mal die gestürmte Bühne räumen lassen. Professor Gärtner befreit sich von seinem Jackett und nimmt den umgekehrten Weg: Runter von der Bühne, Crowdsurfing. 118,6 Dezibel misst Moderator Matthias Wingert alias Wingman schließlich für Professor Völker, 115,9 Dezibel für Professor Gärtner. Weil Gärtner aber „echt krass gerockt“ hat und zudem komplett allein aufgelegt hat, entscheidet DJ Caniggia auf Unentschieden. Arm in Arm reckt das DJ-Duo goldene Notenschlüssel-Pokale in die Luft.


Das Team der Professorennacht sucht jeden DJ-Prof persönlich aus, sammelt Empfehlungen bei Fachschaften, überredet, überzeugt. Am einfachsten geht das mit den Medizinern, findet Gunnar Larsson, die kennen wegen ihrer Klinik-Arbeit keine Berührungsängste. Gunnar Larsson, inzwischen Doktorand, studierte Allgemeine Rhetorik und Empirische Kulturwissenschaften in Tübingen, als er die Professorennacht erfand, um für mehr Miteinander zu sorgen zwischen Studierenden und Professoren. Auf einer Exkursion zur Fastnacht am Bodensee sprach er mit einem seiner Professoren über die Idee, Dozenten und Studierende auf einer Veranstaltung zusammenzubringen, und der Professor sagte: „Da würde ich auflegen.“ Auf diesen Satz baute Gunnar Larsson ein ganzes Veranstaltungskonzept auf. Die Professorennacht wurde zur Marke an der Eberhard-Karls-Universität – und verbreitete sich in viele andere Uni-Städte.


Viele Professoren finden zunächst, das sei gar nichts anderes als in der Vorlesung. Und dann stehen sie vor über tausend Leuten, doppelt so vielen wie an der Uni, und werden doch nervös. Ein bisschen wie Bungee-Springen sei das, sagt Gunnar Larsson. Erst koste es unendliche Überwindung, dann ist es einfach nur großartig. „Die konservativsten Professoren gehen völlig ab“, sagt Wingman.

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