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Meditation : Mit der Klarheit und Stärke eines Samurai

Zen befördert persönliches Wachstum und wirtschaftlichen Erfolg

Sich zu entspannen gelingt nicht jedem so schnell wie Terhaar. Irgendwann könne man sich aber gegen die Ruhe, die beim Meditieren über einen komme, nicht mehr wehren, sagt Hans Wielens. Er war vor seiner Pensionierung Vorstandsvorsitzender der Deutsche Bank Bauspar und hatte mit seinen Erfahrungsberichten Terhaars Interesse für Zen geweckt. Mit Hilfe der Meditation hat Wielens den Weg aus einer tiefen Lebenskrise gefunden. Seitdem praktiziert er nicht nur regelmäßig Zen, sondern informiert auch andere Manager über die heilsame Wirkung der Meditation. „Daß der Blutdruck sinkt, ist zum Beispiel wissenschaftlich erwiesen.“

Vor vier Jahren hat Wielens mit Gleichgesinnten die Europäische Zen-Akademie für Führungskräfte gegründet. Die Akademie veranstaltet Seminare und Symposien, die theoretisch und praktisch in die Zen-Meditation einführen. „Dabei ist uns wichtig, daß man unter unseren Referenten keine weltabgewandten Spinner findet, die die Wirtschaft verdammen“, erläutert Wielens. Es werde im Gegenteil betont, daß Zen über persönliches Wachstum auch den wirtschaftlichen Erfolg befördere. So trügen in Zen geübte Manager zu einer Arbeitsatmosphäre bei, die von Respekt, Fairness und Toleranz geprägt sei, ist Wielens überzeugt. Und das tue dringend not, beklagten doch viele, daß in der Arbeitswelt immer mehr gelogen und betrogen werde und daß die Motivation der Mitarbeiter gering sei.

Motive sind vielschichtig

Mit Zen lernen Führungskräfte nach den Worten von Wielens besser mit ihren Ängsten umzugehen. Zwar litten viele Manager unter diffusen Ängsten, psychosomatischen Erkrankungen und Depressionen. Doch falle es ihnen schwer, darüber zu sprechen, weil sie glaubten, sich so als Führungskraft zu disqualifizieren. Unter der Verdrängung ihrer Angst müssen jedoch auch andere leiden, wie der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter unterstreicht: „Leistungsträger geben ihre Angst unbewußt an andere weiter. Sie machen ihren Mitarbeitern Druck, kontrollieren sie im Übermaß und verbreiten dabei die Unsicherheit und Spannung, die sie für sich unterdrücken.“

Polenski hat festgestellt, daß die meisten Führungskräfte Zen praktizieren, um in ihrem Beruf mehr leisten zu können. Für sie sei Zen zum Beispiel eine Methode, mit der sie rasch Kraft schöpfen können. „Ich sitze um 17 Uhr in einer Sitzung und bin müde. Um Energie zu aktivieren, kann ich jetzt eine Übung, die ich über längere Zeit eingeübt habe, anwenden“, erläutert Polenski, der seit 25 Jahren Zen-Anhänger und Mitglied in einem japanischen Orden ist. Die Motive der Kursteilnehmer sind vielschichtig. Zum Beispiel gab es den Manager, der unter seiner piepsigen Stimme litt und mit Hilfe der Meditation ein selbstbewußteres Auftreten lernen wollte.

Grundtendenz zur Harmonie

Seit einigen Jahren nimmt in den Seminaren jedoch der Anteil derjenigen zu, die nicht nur im Beruf mehr Erfolg haben wollen, sondern die ihrem ganzen Leben eine neue Richtung geben möchten. „Diese Menschen beklagen, daß sie keine Zeit mehr für die Familie haben und daß sie nicht mehr abschalten können. Mit Zen wollen sie sich in ihre Mitte bringen“, sagt Polenski. Er ist überzeugt, daß jedem Menschen eine Grundtendenz zur Harmonie innewohne. „Das Glück wird aber von uns selbst verhindert.

Mit Zen aktiviert man hingegen seine Selbstheilungskräfte.“ Auch wenn Zen seine Wurzeln im Buddhismus hat, muß man nicht religiös sein, um Zen zu praktizieren. Allerdings spürten Menschen, die schon länger meditierten, daß es „etwas Größeres“ gebe, sagt Wielens. „Sie fühlen instinktiv: Ich bin eingebunden in ein großes Ganzes, egal ob ich Erfolg oder Mißerfolg habe. Und eben das führt dazu, daß sie Erfolg nicht verabsolutieren.“

2500 Jahre sitzen in Versunkenheit

Die vom Buddhismus geprägte Zen-Meditation entstand vor mehr als 2500 Jahren in Indien. Im 5. Jahrhundert gelangte sie nach China und im 13. Jahrhundert nach Japan, wo sie Kultur und Philosophie stark beeinflußte. Der Westen interessiert sich erst seit dem 20. Jahrhundert für Zen. Der Jesuitenpater Hugo Lasalle kam 1929 in Tokio mit Zen in Berührung und erkannte schnell, daß diese Meditationsmethode, losgelöst von den Religionen, genutzt werden kann. Die häufigste Praxis des Zen ist Zazen, das Sitzen in Versunkenheit. Der Meditierende sitzt vollkommen aufrecht da und übt, sich ganz auf sein Inneres zu konzentrieren und das bewußte Denken auszuschalten, indem er zum Beispiel seine Atemzüge zählt. Tägliche Übungen sollen nach einigen Wochen oder Monaten eine innere Ruhe bewirken. Um in tiefe Bewußtseinsschichten vorzudringen, ist eine Übungszeit von mehreren Jahren erforderlich. Außerdem ist es ratsam, ein oder mehrmals im Jahr an mehrtägigen Seminaren teilzunehmen.

Eine praktisch orientierte Einführung in die Zen-Meditation gibt das Buch "Zen als Lebenspraxis" von Robert Aitken (Diederichs Gelbe Reihe, Band 78, Januar 2000, 191 Seiten).

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