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Mediävistik : Wenn dem Mittelalter Ohren wachsen

  • -Aktualisiert am

Fabelwesen an einer Fassade des Braunschweiger Altmarkts Bild: mauritius images

Das Mittelalter ist eine ferne Epoche, zu der vielen Studenten der Zugang schwerfällt. Braunschweiger Mediävisten werfen deshalb mit neuer Software einen Blick auf die steinernen Zeugen der Vergangenheit.

          3 Min.

          Der Braunschweiger Altstadtmarkt ist leer an diesem Morgen. Umso markanter ragt in der Mitte des Platzes sein Brunnen in die Höhe, über dessen drei etagenartig angeordnete Bleischalen das Wasser hinabströmt. Gekrönt von einem spitzbogigen Baldachin und reich verziert mit Spruchbändern, Figuren und Ornamenten, ist dieses gotische Monument ein beredter Zeuge aus der Welt des Spätmittelalters.

          Was er und andere Denkmäler zu sagen haben, lernen Germanistik-Studenten der TU Braunschweig seit kurzem mit Hilfe einer Mittelalter-App. Sie führt auf drei einstündigen Entdeckungsreisen durch die Innenstadt zu mittelalterlichen Gebäuden, Inschriften und Skulpturen. Je nach Rundgang liegt der Schwerpunkt auf der Sprach-, der Literatur- oder der Kulturgeschichte. Die App baut auf den mediävistischen Einführungsveranstaltungen auf und verknüpft deren Inhalte mit historischen Wegmarken. „Wir wollen so das Buchwissen mit der sichtbaren Stadtgeschichte verknüpfen und es durch Erläuterungen und Aufgaben vertiefen“, sagt Regina Toepfer, Professorin für Mittelalter-Germanistik, die das Programm gemeinsam mit ihrer Kollegin Wiebke Ohlendorf konzipiert hat.

          Als Residenz Heinrichs des Löwen, bedeutendes Mitglied der Hanse und wahrscheinlicher Entstehungsort des „Till Eulenspiegel“ ist die niedersächsische Stadt ein gutes Pflaster für die Vergegenwärtigung von Geschichte. Trotz der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs beherbergt sie zahlreiche, zum Teil aufwendig rekonstruierte Zeugnisse der ritterlichen, geistlichen und bürgerlichen Welt von einst, die mit der kantigen Nachkriegsarchitektur der Stadt einen spannungsreichen Kontrast bilden.

          Mittelalter als Schnitzeljagd

          Dass die Mittelalter-App weder Spielzeug noch Museumsguide, sondern ein universitäres Unterrichtsinstrument ist, demonstriert Regina Toepfer vor dem Altstadtbrunnen. Die Stimme aus dem Smartphone lenkt den Blick der Teilnehmer auf die in mittelalterlichem Platt-deutsch verfassten Schriftbänder der Wasserschalen, lässt Ausschnitte übersetzen, stellt weiterführende Fragen. Sind die Aufgaben gelöst, verkündet ein Sparschwein auf dem Display die erreichte Punktezahl – Schnitzeljagd-Atmosphäre stellt sich ein. Doch wie im mittelalterli-chen Jahrmarktsspiel liegen Spaß und Ernst dicht beieinander. Die Dozenten können den Punktestand der anonymisierten Teilnehmer einsehen und Lernfortschritte überprüfen.

          Von der Dreizahl der Brunnenschalen schlägt die App jetzt den Bogen zur Dreigliedrigkeit des mittelalterlichen Weltbildes, das die Erde in Asien, Europa und Afrika aufteilte. Zur Illustration erscheint die Ebstorfer Weltkarte von 1300, auf der nicht nur Jerusalem, das Paradies und die Arche Noah, sondern auch Braunschweig verzeichnet ist. In der Vorstellung des Mittelalters siedelten an den Rändern der kugelförmigen Welt allerlei Fabelwesen. Dass einige von ihnen auch den Brunnen zieren, gibt der App den Anlass, an den Stoff der Vorlesung anzuknüpfen: Dort wurde der „Herzog Ernst“ behandelt, ein Epos, dessen Titelheld auf seinen abenteuerlichen Reisen allerlei phantastischen Kreaturen begegnet, darunter auch solchen, die die App nun im mittelhochdeutschen O-Ton schildert: In wârn die ôren alsô lanc / daz sie in ûf die füeze giengen / dâ mite sie den lîp umviengen.

          Wer korrekt übersetzt, erfährt, dass diesen Wesen die Ohren bis auf die Füße reichten, so dass sie ihre Körper damit umwickelten. An anderen Stationen der App sind sprachhistorische Kenntnisse gefragt, beispielsweise vor der Michaeliskirche, an der eine mittelniederdeutsche Weihinschrift angebracht ist. Hier muss man die Lautverschiebung erklären, die aus der plattdeutschen „Parkerke“ die hochdeutsche „Pfarrkirche“ macht.

          Die sprachliche Tiefe der Zeit

          Verwirklicht wurde die App-Idee von engagierten Studenten, die städtischen Anlaufpunkte auswählten, Hörtexte verfassten, Bilder zusammenstellten und Aufgaben formulierten. Maike Goldbach, Studentin der Germanistik und Theaterpädagogik, war daran beteiligt. Was sie an der Mediävistik fasziniert, ist die Fremdheit einer vergangenen Sprache und Kultur, und damit gerade das, was viele ihrer Kommilitonen eher abschreckt. Vor allem Lehramtstudenten fragen sich, was es für ihren späteren Beruf bringt, sich mit dem Mittelhochdeutschen abzumühen. „Nibelungenlied“ oder „Parzival“ sind zwar aus den gymnasialen Lehrplänen nicht völlig verschwunden, aber randständig geworden. Wenn überhaupt, reicht es nur für die Lektüre in moderner Übersetzung. Die sprachliche Tiefe der Zeit bleibt unausgelotet.

          Erst recht haben künftige Grundschullehrer Zweifel an der „Relevanz“ der mediävistischen Pflichtveranstaltungen. „Es geht beim Studium nicht nur um das, was sich später eins zu eins im Unterricht umsetzen lässt“, sagt Maike Goldbach. „Mittelalterliche Stoffe kann man im Übrigen auch in der Grundschule schon sehr gut behandeln, wenn auch nicht im Original.“

          Der Wunsch, den Germanistikstudenten die Faszination des Mittelalters durch Anschaulichkeit näherzubringen, war für Regina Toepfer ein wichtiges Motiv, die App zu entwickeln. An den Universitäten steht es um die Mittelaltergermanistik nämlich nicht zum Besten. Sie, die einst das Profil des gesamten Fachs prägte, ist gegenüber der neueren Literaturwissenschaft und der Linguistik ins Hintertreffen geraten. Zudem muss sie bei Stellenbesetzungen die Verdrängung durch Fächer wie Kommunikationswissenschaft oder Didaktik fürchten. In ihrer Existenz ist die Mittelaltergermanistik zwar nicht bedroht, aber ihre Vertreter fürchten eine schleichende Marginalisierung. Dass in den vergangenen Jahren mehrere Lehrstühle gestrichen oder herabgestuft wurden, hält Regina Toepfer, die dem Vorstand des Mediävistenverbandes angehört, für „bedenklich“.

          „Das Mittelalter wird zu einer vergessenen Zeit, wenn man sich nicht dafür einsetzt“, sagt sie. Da ist der niedersächsische Wissenschaftspreis, mit dem die Mittelalter-App kürzlich ausgezeichnet wurde, ein ermutigendes Zeichen. Unterdessen pflanzt die zugrundeliegende Idee sich fort. An der Braunschweiger Fakultät für Lebenswissenschaften entsteht gerade eine App zur Geschichte der Pharmazie.

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