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Mediävistik : Wenn dem Mittelalter Ohren wachsen

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Wer korrekt übersetzt, erfährt, dass diesen Wesen die Ohren bis auf die Füße reichten, so dass sie ihre Körper damit umwickelten. An anderen Stationen der App sind sprachhistorische Kenntnisse gefragt, beispielsweise vor der Michaeliskirche, an der eine mittelniederdeutsche Weihinschrift angebracht ist. Hier muss man die Lautverschiebung erklären, die aus der plattdeutschen „Parkerke“ die hochdeutsche „Pfarrkirche“ macht.

Die sprachliche Tiefe der Zeit

Verwirklicht wurde die App-Idee von engagierten Studenten, die städtischen Anlaufpunkte auswählten, Hörtexte verfassten, Bilder zusammenstellten und Aufgaben formulierten. Maike Goldbach, Studentin der Germanistik und Theaterpädagogik, war daran beteiligt. Was sie an der Mediävistik fasziniert, ist die Fremdheit einer vergangenen Sprache und Kultur, und damit gerade das, was viele ihrer Kommilitonen eher abschreckt. Vor allem Lehramtstudenten fragen sich, was es für ihren späteren Beruf bringt, sich mit dem Mittelhochdeutschen abzumühen. „Nibelungenlied“ oder „Parzival“ sind zwar aus den gymnasialen Lehrplänen nicht völlig verschwunden, aber randständig geworden. Wenn überhaupt, reicht es nur für die Lektüre in moderner Übersetzung. Die sprachliche Tiefe der Zeit bleibt unausgelotet.

Erst recht haben künftige Grundschullehrer Zweifel an der „Relevanz“ der mediävistischen Pflichtveranstaltungen. „Es geht beim Studium nicht nur um das, was sich später eins zu eins im Unterricht umsetzen lässt“, sagt Maike Goldbach. „Mittelalterliche Stoffe kann man im Übrigen auch in der Grundschule schon sehr gut behandeln, wenn auch nicht im Original.“

Der Wunsch, den Germanistikstudenten die Faszination des Mittelalters durch Anschaulichkeit näherzubringen, war für Regina Toepfer ein wichtiges Motiv, die App zu entwickeln. An den Universitäten steht es um die Mittelaltergermanistik nämlich nicht zum Besten. Sie, die einst das Profil des gesamten Fachs prägte, ist gegenüber der neueren Literaturwissenschaft und der Linguistik ins Hintertreffen geraten. Zudem muss sie bei Stellenbesetzungen die Verdrängung durch Fächer wie Kommunikationswissenschaft oder Didaktik fürchten. In ihrer Existenz ist die Mittelaltergermanistik zwar nicht bedroht, aber ihre Vertreter fürchten eine schleichende Marginalisierung. Dass in den vergangenen Jahren mehrere Lehrstühle gestrichen oder herabgestuft wurden, hält Regina Toepfer, die dem Vorstand des Mediävistenverbandes angehört, für „bedenklich“.

„Das Mittelalter wird zu einer vergessenen Zeit, wenn man sich nicht dafür einsetzt“, sagt sie. Da ist der niedersächsische Wissenschaftspreis, mit dem die Mittelalter-App kürzlich ausgezeichnet wurde, ein ermutigendes Zeichen. Unterdessen pflanzt die zugrundeliegende Idee sich fort. An der Braunschweiger Fakultät für Lebenswissenschaften entsteht gerade eine App zur Geschichte der Pharmazie.

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