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Max-Planck-Gesellschaft : Exzellenz und Exzess

Man weiß, dass einem keiner hilft

Die MPG treffen die Leipziger Vorkommnisse zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Erst vor wenigen Monaten waren Mobbing-Vorwürfe gegen eine Direktorin am Garchinger Max-Planck-Institut für Astrophysik an die Öffentlichkeit gelangt. Die MPG ordnete in diesem Fall ein Coaching an, kürzte der Direktorin Stellen und räumte Mängel in ihrem Beschwerdesystem ein, auf die sie mit der Einrichtung eines Whistleblower-Systems und einer Umfrage zu Machtmissbrauch an ihren Instituten reagierte. In Leipzig muss sie nun ein zweites Mal erleben, dass ihr Frühwarnsystem versagte. Sicher ist das Problem nicht Max-Planck-spezifisch. Machtmissbrauch gibt es an vielen Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Dafür sorgt schon der hohe Publikationsdruck und das Überangebot an leistungsbereiten Mitarbeitern. Außerdem spielt sich Mobbing in den Grauzonen des Arbeitsrechts ab. Es kann der Max-Planck-Gesellschaft aber nicht egal sein, wie die Leipziger Mitarbeiter ihre Situation vor dem Schritt an die Öffentlichkeit schildern: „Man weiß nie, worüber man reden kann. Man weiß nie, wohin das Gesagte gelangt. Und man weiß, dass einem keiner hilft.“ Die MPG hat sich inzwischen für Pannen in der internen Kommunikation entschuldigt.

Die Leipziger Vorkommnisse werfen ein weiteres Mal die Frage auf, ob der Machtmissbrauch an Max-Planck-Instituten eine strukturelle Ursache hat: die Machtfülle der Direktoren, die nach dem Harnack-Prinzip im Gegenzug für exzellente Forschung einzigartige Freiheiten genießen. Wenn den Direktoren immer wieder eine gottgleiche Stellung nachgesagt wird und alle von den Schikanen am Leipziger Institut gewusst haben, fragt ein Leipziger Mitarbeiter, wie können Zivilcourage und wissenschaftliche Exzellenz dann so weit voneinander entfernt liegen? Das Harnack-Prinzip dürfte der MPG teuer sein, aber sie muss überlegen, wie sie es um menschliche Qualitäten ergänzt. Die Doktorandenvertretung der MPG hat dazu einige Forderungen vorgelegt: Führungstrainings, Promotionskomitees aus mehreren Personen, Entzug der Doktorandenbetreuung nach Machtmissbrauch. Das meiste davon gibt es schon, aber nicht flächendeckend.

Sicher wäre es falsch, der MPG-Generaldirektion unter Präsident Martin Stratmann Desinteresse am Schicksal des Mittelbaus vorzuwerfen. Stratmann hat in seiner Amtszeit eine beeindruckende Zahl an Schutzmaßnahmen durchgesetzt – auch gegen den Widerstand von Direktoren. Man darf sich davon aber nicht zu viel versprechen, wenn die Generaldirektion die Machtprobe mit autoritären Direktoren am Ende nicht wagt. Immerhin weiß sie jetzt: Die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die gerade in Deutschland unter schwierigen Bedingungen arbeiten, nehmen es nicht mehr schweigend hin.

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