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Mathematiker Emil J. Gumbel : Mit Statistik gegen rechte Gewalt

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Rechnerstirn: Der Pressezeichner Emil Stumpp porträtierte Emil Julius Gumbel 1927. Bild: Universitätsarchiv Heidelberg

Erforscher und Opfer des offenen Terrors nationalistischer Geheimbünde: Das Universitätsarchiv Heidelberg und die TU München erinnern an den Mathematiker und Pazifisten Emil Julius Gumbel.

          5 Min.

          Als der Mathematiker Emil Julius Gumbel 1923 am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften der Universität Heidelberg habilitiert wurde, war er auch außerhalb seiner Zunft schon ein bekannter Mann. Nachdem er als Freiwilliger zum Kriegsgegner geworden war und 1915 seine Entlassung aus dem Militär erwirkt hatte, war er dem pazifistischen Bund Neues Vaterland beigetreten, dem Albert Einstein, Minna Cauer, Hans Paasche und Clara Zetkin angehörten. 1919 erschien „Vier Jahre Lüge“, eine Zitatensammlung, mit der Gumbel jene Lügen entlarven wollte, mit denen „das kaiserliche Deutschland“ Kriegshetze und Durchhaltepropaganda betrieben hatte. Gewidmet war das Werk dem britischen Kriegsdienstverweigerer Bertrand Russell, ein Hinweis auf die transnationale Ausrichtung der pazifistischen Bewegung, die sich für Gumbel später bezahlt machte: Seine Mitgliedschaft in der Deutschen Liga für Menschenrechte sollte ihm 1933 den Weg ins Exil nach Frankreich ebnen – dank der Hilfe ihres französischen Pendants.

          1922 publizierte er mit „Vier Jahre politischer Mord“ eine statistische Erhebung über diese Straftaten und ihre Verfolgung in der Weimarer Republik. Augenfällig machte er die „Einäugigkeit“ (Christian Jansen) der Weimarer Justiz: Von 354 rechten Morden blieben 326 ungesühnt, das Strafmaß in den Verfahren zu den 22 von linken Gruppierungen verübten Morden war exorbitant höher. Schon 1919 war er den Schergen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die auch die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu verantworten hatte, nur knapp entronnen, weil er zum Kongress der Friedensfreunde nach Bern gereist war. Als Hitler im Januar 1933 die Regierungsbildung übertragen wurde, forschte Gumbel in Frankreich, wenig später stand er auf der ersten Ausbürgerungsliste des neuen Regimes.

          „Mathematiker – Publizist – Pazifist“: Sein Wirken in diesen drei Rollen würdigte jetzt eine Tagung im Universitätsarchiv Heidelberg. Wie dessen Leiter Ingo Runde sagte, kam das Archiv damit einer seiner ureigenen Aufgaben nach: die bedeutendsten Mitglieder der Universität zu würdigen. So hat die Universität Gumbel nicht immer eingeschätzt, erst zum hundertsten Geburtstag 1991 erinnerte man sich öffentlich an ihn. Zuvor hatte der Heidelberger Wunderhorn-Verlag seine Schriften neu aufgelegt.

          Die Philosophische Fakultät leitete ein Disziplinarverfahren ein

          Im Jahr 2019 begegnet Emil Julius Gumbel den Interessierten multimedial: in einer Wanderausstellung, konzipiert von einer interdisziplinären Forschungsgruppe um Matthias Scherer (TU München) und Annette Vogt (MPI für Wissenschaftsgeschichte Berlin), im Dokumentarfilm „Gumbels extreme Werte“ von David Ruf oder im didaktischen Motion Comic „Eine Kohlrübe als Kriegsdenkmal“. Im Herbst wird im Verlag Das kulturelle Gedächtnis Gumbels Buch „Verräter verfallen der Feme“ (Malik 1929) neu herausgegeben. Die Emil-Julius-Gumbel-Collection ist von der Leo-Baeck-Stiftung digitalisiert worden, auch die Universitätsbibliothek Heidelberg hat eine Materialsammlung zur Verfügung gestellt.

          Welchen Angriffen Gumbel sich seitens der national(sozial)istischen Studierenden, aber auch der eigenen Universität in Heidelberg ausgesetzt sah, führten Christian Jansen (Trier) und Klaus-Peter Schroeder (Heidelberg) aus. Er war ins „Fadenkreuz“ jener Organisationen geraten, die er selbst in seiner Studie „Verschwörer – Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen Nationalistischen Geheimbünde seit 1918“ von 1924 entlarvt hatte. In seinen Lehrveranstaltungen verlor Gumbel zwar kein Wort über Politik, aber er sprach auf pazifistischen Veranstaltungen.

          Im französischen Exil legte Gumbel im Februar 1933 sogleich eine Mappe mit Zeitungsausschnitten zum Reichtagsbrand an.

          Als er im Juli 1924 anlässlich des Jahrestags des Kriegsbeginns 1914 Schweigeminuten für die Toten forderte, die zwar nicht „auf dem Felde der Unehre gefallen sind, aber doch auf grässliche Weise ums Leben kamen“, machte die nationalsozialistische Studentengruppe gegen ihn mobil. Bei der Vollversammlung zum Semesterschluss erwirkte sie eine Resolution gegen ihn, die Philosophische Fakultät leitete ein Disziplinarverfahren gegen ihr Mitglied ein. Es war allein dem badischen Kultusminister Willy Hellpach (DDP) zu verdanken, dass Gumbel nicht suspendiert wurde, woraufhin die Fakultät verlautbarte, „Persönlichkeit und politische Gesinnung“ seien ihr unerfreulich, und so nachhaltigen akademischen Rufmord betrieb. Es war auch dieses Ministerium, das Gumbel in Gestalt des Sozialdemokraten Adam Remmele gegen den erklärten Willen der Fakultät 1930 den Titel eines außerordentlichen Professors verlieh.

          Die universitären Gremien versagten

          Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund organisierte daraufhin eine Diffamierungskampagne noch nie gekannten Ausmaßes: Protestzüge, Unterschriftenkampagnen, Störung der Lehrveranstaltungen, Besetzung der Universität, Bespitzelung der Reden des Wissenschaftlers. Als er bei einer nicht öffentlichen Veranstaltung des Sozialistischen Studentenbundes wie häufig in seinen Reden eingedenk der Hungertoten eine Kohlrübe zum geeigneten Kriegsdenkmal erklärte, sah er sich Morddrohungen ausgesetzt. Gumbel konnte sich in der Öffentlichkeit nur noch mit Personenschutz bewegen. Die Fakultät leitete mit knapper Mehrheit ein Disziplinarverfahren gegen Gumbel ein, im August 1932 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen.

          Der Fall Gumbel zeigt, wie in den Jahren der „Agonie der Republik“ (Eberhard Kolb) die universitären Gremien dabei versagten, die in Artikel 118 der Weimarer Verfassung garantierte Meinungsfreiheit ihrer Mitglieder zu schützen. Arnold Bergstraesser warf Gumbel vor, „die Verletzung von heilig zu haltenden Empfindungen“ nicht zu vermeiden, das inzwischen vom Zentrum geführte Ministerium stellte ihn als „Ruhestörer und Friedensbrecher des akademischen Gemeinschaftslebens“ hin. Den Kollegen Anna Siemsen und Albrecht Götze, die ihn öffentlich unterstützten, wurde deshalb 1932 in Jena und 1933 in Marburg die Lehrberechtigung entzogen.

          In den Worten von Annette Vogt (Berlin) führte Gumbel eine Doppelexistenz als Wissenschaftler und pazifistischer Publizist. Bei seinen weitverzweigten pazifistischen Netzwerken gab es immer wieder Überschneidungen in die Wissenschaft, die er in seiner Heidelberger Zeit vor allem im Bereich der Statistik vorantrieb. Hochinteressant war die Medientechnik des Publizisten Gumbel, der umfangreiche Zeitungsausschnittsammlungen anlegte, für die er gleich mehrere Ausschneidedienste nutzte. Nach der Publikation des „Weißbuchs der Schwarzen Reichswehr“ 1925 scheiterte ein Prozess wegen Landesverrats gegen Gumbel, weil ihm kein Geheimnisverrat nachgewiesen werden konnte – wie auch für „Vier Jahre politischer Mord“ hatte er all seine Informationen aus Zeitungsartikeln gewonnen. Auch über sich selbst sammelte Gumbel Zeitungsausschnitte, die er selbstironisch in „Eitelkeitsbüchern“ zusammentrug.

          Naheliegender Bezug zur Gegenwart

          Gumbel sah sich vorrangig als Mathematiker, wie Matthias Scherer (München) betonte, und trieb auf seinem Fachgebiet Angewandte Mathematik vor allem die Extremwerttheorie voran, die er im französischen Exil entwickelte und anhand von Höchstwasserständen der Rhône modellierte. Die nach ihm benannte Gumbel-Verteilung, die er nach seiner Flucht in die Vereinigten Staaten für das National Bureau of Standards für Ingenieure aufbereitete, dient auch heute zur Vorhersage von Hochwasserständen, die Gumbel-Copula findet etwa Anwendung, wenn Wasserstände von Seitenarmen mitberechnet werden. Gumbels Forschungen hatten stets eine sozialpolitische Dimension. Unter dem Rubrum der „Moralstatistik“ befasste er sich mit ökonomischen Folgen von Krieg und Hunger; seine Beschäftigung mit Scheinkorrelationen diente der Kritik an der „Rassenlehre“.

          Nach Deutschland kam Gumbel nur noch als Wissenschaftler zurück, als Gastprofessor nach Berlin und Hamburg. Für sein politisches Wirken wurde er zu seinem Ungemach nicht gewürdigt. Kurz vor seinem Tod 1966 redigierte er Heinrich und Elisabeth Hannovers Buch „Politische Justiz 1918–1933“, das sich maßgeblich auf seine Schriften stützt, und drängte die Autoren, in ihrer Darstellung die Reichswehr doch nicht auszulassen.

          In der Diskussion wandte sich Vogt mit deutlichen Worten gegen die These, Gumbels Themen seien für die Gesellschaft der fünfziger Jahre nicht mehr interessant gewesen. Sie verwies auf die Ablehnung, die der international renommierte Statistiker in seinem Heimatland auch als Wissenschaftler erfuhr – ein Schicksal, das er mit vielen ins Exil getriebenen Akademikern geteilt habe. Seine von Robert Kempner, dem früheren Ankläger der Nürnberger Prozesse, erstrittene „Wiedergutmachung“ in Form von Pensionsbezügen eines emeritierten Professors wurde von seiner Heidelberger Fakultät nicht kommentiert. Karl Jaspers hatte das Verfahren allerdings durch ein Gutachten unterstützt.

          Den naheliegenden Bezug zur Gegenwart – Aufdeckung rechter Netzwerke, Todeslisten, Waffensammlungen und politische Morde – griff die Tagung nur ganz am Rande auf. Christian Jansen wies auf die Gumbel-Forschungsstelle in Potsdam hin, die sich mit Rechtsextremismus und Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart beschäftigt.

          Die Universität Heidelberg wollte Gumbel nach 1945 nicht wieder einstellen – nicht trotz, sondern wegen seines politischen Engagements in der Weimarer Republik. Dass in diesem Zusammenhang auf der Tagung von einem „Trauma“ der Universität Heidelberg die Rede war, zeigt die Notwendigkeit weiterer Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im und unmittelbar vor dem Nationalsozialismus. An ihr wichtiges Mitglied Emil Julius Gumbel zu erinnern bleibt auch künftig ihre Aufgabe.

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