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Macht der Großverlage : Spekulationen im Indikativ

Das Deal-Projekt will für die Wissenschaft bessere Preiskonditionen aushandeln. Wird es seinem Auftrag gerecht? Bild: dpa

Der Präsident und der Generalsekretär der HRK verwahren sich gegen Kritik am Deal-Projekt, das die Macht der Großverlage brechen soll. Dabei versteigen sie sich zu Unfehlbarkeitsdogmen. Eine Replik.

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          Peter-André Alt und Jens-Peter Gaul, Präsident und Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), sind nicht einverstanden mit der Kritik, die vor zwei Wochen an dem Deal-Projekt geübt wurde. Sie halten sie für irreführend und „komplett falsch“. Der kritisierte Text vertrat die These, dass das von der HRK geleitete Deal-Projekt die Macht der drei Oligopolverlage, die sie eigentlich beschränken will, in Wirklichkeit stärke – zum Nutzen der Verhandlungsführer und zum Schaden der Wissenschaftler.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Alt und Gaul reklamieren den Fortschritt für sich und unterstellen der Kritik Status-quo-Denken. Am unvollkommenen Zustand des heutigen Publikationsystems lässt der beanstandete Artikel allerdings keinen Zweifel, er sieht aber keine Wende zum Besseren, wenn man durch exklusive Verhandlungen die Macht derer stärkt, die der Wissenschaft, auch nach Ansicht der Deal-Akteure selbst, am meisten schaden: Wiley, Springer Nature und Elsevier.

          Dafür genügt ein kurzer Vergleich. Die drei Großverlage, die den wissenschaftlichen Publikationsmarkt beherrschen und die Bibliotheken mit Preisdiktaten erpressen, erwirtschaften Renditen von dreißig bis vierzig Prozent. Kleine und mittelständische Verlage sind demgegenüber schon mit Renditen von fünf und zehn Prozent hochzufrieden, womit nicht behauptet sein soll, dass sie nie auf dem Rücken der Wissenschaft wirtschaften. Es rächt sich jedoch, dass die Deal-Gruppe zu der Unterscheidung verschiedener Verlagstypen nie bereit war und stattdessen ein Drohbild schuf, dessen Opfer nun die Wissenschaft wird, die dem Oligopol in Zukunft noch mehr als zuvor ausgeliefert sein wird.

          Wer spricht für die Wissenschaft?

          Alt und Gaul nehmen für sich in Anspruch, für die Wissenschaftler zu sprechen, und halten die Kritik an einer Funktionärsbürokratie, die gegen die Interessen der Wissenschaft entscheidet, für irreführend. Der Vertrag mit Wiley ist allerdings selbst ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Interessen von Wissenschaftlern und Funktionären nicht zwangsläufig decken. Wiley werden darin unter anderem fünfzig Workshops pro Jahr und den Deal-Mitgliedern Horst Hippler und Gerard Meijer die Führungsrolle beim Aufbau eines neuen Flagship-Journals zugesichert. Reagieren diese Gründungen auf ein Interesse aus der forschenden Wissenschaft?

          Und wer spricht hier überhaupt für die Wissenschaft? Die Deal-Projektgruppe bilden: sieben Bibliothekare. Über die Zusammensetzung der Deal-Verhandlungsgruppe verweigert die HRK trotz aller „Open Science“-Appelle die Auskunft. Der eigentliche Verhandlungsführer ist die MPDL Services GmbH, eine hundertprozentige Tochter der Max Planck Digital Library (MPDL). Der zur „Operating Entity“ aufgestiegenen Max-Planck-Digital-Library sichert der Vertrag nicht nur eine zentrale Machtposition, sondern auch die üppige Einkunftsquelle von 150 Euro Servicegebühr pro Artikel. Ralf Schimmer und Frank Sander von der MPDL dürfen sich zudem über die Leitungsposition für einen neuen Publikationsservice freuen und HRK-Altpräsident Horst Hippler über den Vorsitz eines Nachwuchssymposions, das selbstverständlich gemeinsam mit Wiley gestaltet wird. Auch in den Beiräten zur „Überwachung“ der Vertragsumsetzung, die von Wiley finanziert werden, sind Deal-Mitglieder vertreten, die sich auch noch die Reisekosten von Wiley spendieren lassen.

          Zur Erinnerung: Das Deal-Projekt wurde zur Aushandlung besserer Preiskonditionen gegründet, nicht dazu, einem Unternehmen, dessen Einfluss man beschränken wollte, auch noch den Zugriff auf Fachgemeinschaften zu sichern und es, wie sich selbst, zum Gestalter von Wissenschaft zu machen.

          Spekulation als vollendete Tatsache

          Alt und Gaul verbitten sich die ökonomisch begründete Annahme, dass sich künftige Verhandlungen mit Wiley nach Ausschluss der Wettbewerber schwieriger gestalten werden. Auf eigene Spekulationen wollen sie indessen nicht verzichten, setzen sie aber in den Indikativ: „Nach Ende der Transformationsphase reduzieren sich die Kosten, und die Gebühren werden im international anerkannten Rahmen festgelegt. Alle anderen Vermutungen über die künftige Preisentwicklung sind Spekulation.“ Wollen Alt und Gaul das Ergebnis künftiger Verhandlungen im Ernst ohne den Verhandlungspartner festlegen? Hat die Wissenschaft nicht seriöse Verhandlungsführung verdient? Später attestieren sie dem Deal-Projekt gar Unfehlbarkeitsanspruch: „Dass auf diese Weise für das Wissenschaftssystem schädliche Entscheidungen fallen, ist ausgeschlossen.“ Ihre Majestäten haben gesprochen.

          Zu Recht kritisieren Alt und Gaul den unscharfen Gebrauch des Begriffs Wissenschaftsfreiheit. Tatsächlich sichert der Vertrag Wiley qualitativ gesehen kein erweitertes Zugriffsrecht auf persönliche Daten von Wissenschaftlern, trotzdem weitet er den Zugriff aus, indem er die missbräuchliche Datenpraxis von Wiley bestätigt und finanziell fördert. Dass Gerard Meijer die Zweckentfremdung persönlicher Daten durch Großverlage kritisiert, ist respektabel, aber was verbot es ihm, in den Verhandlungen daran etwas zu ändern?

          Natürlich steht es einem Wissenschaftler weiter frei, auf Publikationen bei Wiley zu verzichten. Aber er wird, wie Michael Knoche auf dem Blog Hypotheses schreibt, den subtilen Druck seiner Institutionen zu spüren bekommen, doch bitte schön bei dem Verlag zu publizieren, an den man durch den Deal-Vertrag schon knapp achtzig Millionen Euro Vorauszahlungen geleistet hat. Über den Schutz der Autoren vor Piraterie und Datenmissbrauch, der bei den digitalen Modellen mit der CCC-Lizenz, die Wiley nutzt, besonders wichtig wäre, verliert der Vertrag indessen kein Wort.

          Verbaute Zukunft

          Kurioserweise wiederholen Alt und Gaul die von der Deal-Gruppe weit gestreute Behauptung, die öffentliche Hand würde im neuen Modell von doppelter Honorierung entlastet. Das ist falsch. Selbstverständlich wird weiter zweimal zur Kasse gebeten. Statt der Lizenzgebühren sind es jetzt die Publikationsgebühren, die sich auf die steuerlich finanzierte Arbeitszeit des Wissenschaftlers addieren. Dass Alt und Gaul behaupten, die kleinen und mittleren Verlage konnten vom bisherigen System „ebenso gut leben“ wie die großen, lässt sich nur durch die wohlwollende Unterstellung von Unwissenheit vor dem Vorwurf des Zynismus in Schutz nehmen und lässt nicht darauf schließen, dass „die vereinzelten Gespräche mit Kleinverlagen“ sehr intensiv ausgefallen sind. Es ist schön, dass die Deal-Gruppe die Gelder für kleine und mittlere Verlage aufstocken „will“, wie Alt und Gaul schreiben. Dafür will sie Mittel verwenden, die angeblich durch den nicht gerade kostengünstigen Wiley-Deal eingespart wurden, die sie aber nicht einmal beziffern kann, weil sie die Reading- gegenüber der Publishing-Gebühr nicht eigens ausweist.

          Der Einbezug der kleinen und mittleren Verlage in die Verhandlungen würde der Willensbekundung sicher mehr Substanz verleihen. Sie sind ja vom Deal-Projekt zum Status quo verdammt, und es fehlt ihnen die Investitionssicherheit, um jene digitalen Systeme aufzubauen, die man von ihnen erwartet. So verpflichtet man sie auf eine Zukunft, die man ihnen zugleich verbaut. Und legt die Wissenschaft zum eigenen Vorteil in die Hand eines Oligopols. Womit Peter-André Alt und Jens-Peter Gaul anscheinend ganz einverstanden sind.

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