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Wie steht’s mit der Wahrheit, Kollege?

Von TIM FARIN

Schummeln beim Lebenslauf, Ausreden nach eigenem Versagen, kleine Flunkereien für den sozialen Frieden – drei Fachleute klären auf, wann Lügen im Büro erlaubt sind.

© privat Von links nach rechts: Stafan Koop, Karsten Kaie, Johannes Wallacher

Unser Expertenteam für kniffelige Situationen: Stefan Koop ist Personalvermittler. Sein Credo: „Immer die Wahrheit sagen, aber die Wahrheit nicht immer sagen!“ Karsten Kaie ist Kabarettist und hat seine Erkenntnisse in dem Buch „Lügen, aber ehrlich“ niedergeschrieben. Johannes Wallacher lehrt als Wirtschaftsethiker an der Hochschule für Philosophie in München.

Begrüßung im Büro

Frage: „Wie geht es?“ Die Wahrheit: „Schlecht.“ Die Antwort: „Super!“ Lügen erlaubt?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Man muss nicht lügen, kann aber Positives in den Vordergrund stellen. Nach einer Operation etwa sagt man: „Wieder gut.“ Geht es mir gar nicht gut, sage ich: „Nicht so richtig gut.“ So kann die andere Seite entscheiden, ob sie nachfragt oder damit zufrieden ist. Lügen muss man nicht, aber auch nicht die ganze Lebensgeschichte darlegen. Das wäre unprofessionell.
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Man sollte sogar lügen, denn im Beruf geht es um positiven Spirit. Keiner will das Leid des anderen hören. Für Fortgeschrittene gibt es aber einen Trick: Man kann „mit der Wahrheit lügen“, indem man sich scheinbar in die Karten gucken lässt. „Es geht schon wieder, ich hatte ja letzte Woche diese OP.“ So denkt der Gesprächspartner vielleicht, man sei besonders offen. So gewinnt man Vertrauen, was sich beruflich gut nutzen lässt.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Hier kann man kaum von einer Lüge sprechen, denn die Begrüßung ist oft eine Floskel. Niemand ist verpflichtet, auf diese Frage persönliche Dinge preiszugeben – es sei denn, Sie sprechen mit einem engen Vertrauten. Übertreiben mag unklug sein, aber moralisch ist es nicht zu verurteilen

Der Vorgesetzte kommt am Nachmittag mit einem neuen Projekt

„Können Sie das bitte übernehmen?“ Der Gedanke: „Keine Lust.“ Die Antwort: „Prinzipiell gern, aber im Moment habe ich den Tisch voll eiliger Sachen.“ Erlaubt?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Warum sollte man nicht lieber ehrlich sein und sagen: „Ich schaffe das momentan nicht.“ Diese Botschaft ist emotionaler, und Emotionen sind heute im Geschäftsleben zum Glück erlaubt. Wenn der andere nachfragt, kann man die eigenen Beweggründe erläutern. Gute Chefs haben Antennen für so etwas.
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Es gilt hier das Prinzip: „Belüge deinen Nächsten wie dich selbst!“ Man redet sich ja auch selbst ständig ein, warum man gerade so beschäftigt ist, dass man zu nichts kommt. Entscheidend ist der Wissensvorsprung: Wenn der andere mir die Ausrede abnimmt, ist es erlaubt, stärkt vielleicht sogar meine Position. Schließlich kann ich es mir dann leisten, Arbeit abzulehnen. Man macht sich also mit dem Bluff interessanter.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Grundsätzlich ist es eine Lüge und auch eine Art Betrug am Arbeitgeber. Aber sie mag im Einzelfall lässlich sein. Allerdings wirkt so etwas auf Dauer wenig glaubwürdig. Es droht auch der Stempel des Arbeitsverweigerers.

Eine Firma blendet einen potentiellen Kunden, um einen Auftrag zu erlangen

Doch die Voraussetzungen für den Auftrag fehlen komplett: Es gibt weder Personal noch Fertigungsanlage noch Geld noch Erfahrung. Ist das legitim?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Wenn man nach bestem Wissen und Gewissen sagen kann, dass man es hinbekommt, ist dies eine Wette auf die Zukunft wie an der Börse und keine Unehrlichkeit. Das ist legitim. Allerdings sollte man nichts in Dokumente schreiben, was nicht existiert. Man muss vor allem ehrlich zu sich sein, das Risiko realistisch einschätzen. Sonst gefährdet man sich selbst und den Auftraggeber.
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Unproblematisch, wenn man die Zeitachse verändert. Zum Erfolg im Beruf gehört das ausgeprägte Selbstbewusstsein und dazu der Selbstbetrug. Die erfundene Realität wird zu einer neuen Wirklichkeit, wenn man nur richtig an sie glaubt. Es gibt dazu einen ganz besonderen Marketingtrick: „Ich lüge, also bin ich.“ Man verkauft etwas, das man noch gar nicht besitzt, um es mit dem Geld, das man dafür bekommt, überhaupt erst zu kaufen. So wird aus dem ursprünglichen Wunsch Realität.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Das ist philosophisch aus dreierlei Sichtweisen problematisch. Nehme ich die strenge kantische Sicht, darf ich niemals die Unwahrheit sagen. Utilitaristisch betrachtet ist dies ebenfalls ein gefährlicher Weg, weil das Blenden scheitern kann. Natürlich wäre das vom Ergebnis abhängig. Am wichtigsten scheint mir aber die aristotelische Sicht: Will ich am Ende ein Blender sein, das heißt: einer, der Vorgesetzte und Kollegen und am Ende des Tages auch sich selbst blendet? Was ist das Bild meines Selbst?

Man meldet sich kurzfristig ab, um sich zu erholen

Doch in Wahrheit geht es zum Wettbewerber ins Vorstellungsgespräch. Eine vertretbare Handlung?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Ich muss keinen Urlaubstag begründen. Aber auch, wenn ich es so verkaufe, als müsse ich mich erholen, ist das eine akzeptable Notlüge. Wie soll man denn sonst ein Bewerbungsgespräch machen? Man darf sich nur nicht erwischen lassen.
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Man muss hier gar nicht lügen. Es gibt einen schönen Spruch: „Never complain, never explain.“ Ich muss nicht erklären, warum ich mir freinehme. So steige ich sogar in der Wahrnehmung durch andere. Aber man dürfte natürlich auch lügen, weil man damit dem Arbeitgeber nicht schaden würde.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Grundsätzlich ist das eine Lüge. Wie verwerflich diese ist, hängt vom näheren Kontext ab. Sollte ich an diesem Tag etwas Dringendes auf meiner aktuellen Arbeitsstelle erledigen müssen, so könnte meinem Arbeitgeber Schaden entstehen. Das wäre moralisch nicht vertretbar.

Das Mittagessen mit Kollegen steht an

„Kommen Sie mit zum Chinesen?“ Der Gedanke: „Auf die Leute habe ich keinen Bock.“ Die Antwort: „Leider muss ich noch einen Call machen – ich esse was Schnelles im Büro.“ Lügen erlaubt?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Das ist akzeptabel, weil diese Lüge niemanden schädigt. Aber ich muss es gar nicht mit einer Lüge machen. Es ist doch legitim, diplomatisch zu sagen, dass es mir gerade nicht passt.
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Weiße Lügen, also kleine Unwahrheiten im sozialen Umgang, sind beim Partner und im Job immer erlaubt. Es kommt nicht gut an, hier die Wahrheit zu sagen. Vielmehr sollte man möglichst schmeichelnd eine Ausrede formulieren. Solche Lügen sind das Schmiermittel im Getriebe unserer Gesellschaft.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Diese Lüge ist völlig unnötig, denn ich habe keine rechtliche oder moralische Verpflichtung, mich von jemandem vereinnahmen zu lassen. Möchte man seine Ruhe haben, kann man das klar und plausibel begründen.

Im Gehaltsgespräch hätte man gern mehr Geld

Um das zu erreichen, baut man seine Position mit einer Lüge auf: „Der Wettbewerber hat mir schon ein sehr attraktives Angebot gemacht.“ Akzeptable Strategie?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Viele Chefs durchschauen das schnell und sagen dann so etwas wie: „Ich bedauere sehr, dass wir nicht mehr zusammenarbeiten können – aber dieses Angebot müssen Sie annehmen.“ So entsteht eine Notlage. Senden Sie hier lieber die mutige Ich-Botschaft: „Ich glaube, meine Arbeit ist mehr wert.“
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Das kann funktionieren. Man muss aber auf der Hut sein und eher einen Wissensvorsprung anstreben. Oft lügen auch die Vorgesetzten, wenn sie etwa von einer schwierigen Situation im Unternehmen sprechen, die das Gehaltsgefüge präge. Wenn ich die Lüge des anderen durchschaue, kann ich besser beurteilen, wie weit er gehen kann. Noch dazu kann man den Chef mittels Kommunikation subtil verunsichern, etwa, indem man nur schweigend seinen Worten lauscht und dann um Bedenkzeit bittet. Das Schweigen definiere ich in meinem Buch als „die Schwester der Lüge“.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Das lässt sich in keiner moralischen Sichtweise rechtfertigen, selbst utilitaristisch nicht, und es ist unklug. Denn Lügen können bekanntlich sehr kurze Beine haben. Die Konsequenz einer durchschauten Lüge wäre ein doppelter Schaden: Einerseits ein Vertrauensbruch und andererseits wüsste der Arbeitgeber, dass der Arbeitnehmer mit ihm spielt – und das noch nicht einmal clever.

Eine Führungskraft hat einen guten Bewerber zu Gast

Um die Person zu locken, wird die Stelle schöngeredet. Die „Leichen im Keller“ sind kein Thema. Dabei werden sie für den möglichen Neueinsteiger ein relevantes Thema sein. Erlaubtes Verschweigen?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Das fällt einem Chef auf die Füße. Man sollte mit Kandidaten offen reden. Wenn die Bewerber sich darauf einlassen, werden sie die Situation tragen. Krisen oder Altlasten sind oft sogar Argumente, um gute Bewerber zu erreichen. Verschweigen dagegen ist letztlich bösartig, weil man damit ins Leben des Bewerbers grob fahrlässig eingreift und möglicherweise Schaden anrichtet.
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Das ist eine schwierige Frage im Grenzbereich. Aber ich finde, jeder ist seines Glückes Schmied. Wenn man zu früh mit der ganzen Wahrheit herauskommt, bekommt man vielleicht nicht den kompetentesten Angestellten. Der Bewerber kann ja wieder gehen oder kündigen, wenn es zu wild wird.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Die Authentizität und das Selbstbild einer Führungskraft spielen eine große Rolle. Wichtig ist der Grundsatz: „Das Sollen setzt das Können voraus.“ Die Führungskraft hat einen größeren Handlungsspielraum und darf ihn nicht nutzen, um etwas Falsches vorzutäuschen oder etwas Wichtiges zu verschweigen. Hier droht in jedem Fall ein großer Schaden, wenn der Bewerber später auf die verschwiegenen Probleme stößt.

Der Bereichsleiter fragt nach dem anstehenden Projektbericht

Doch der Abteilungsleiter hat es verpennt. Er schiebt es auf einen Studenten, der heute nicht da ist. „Der hat die Excel-Dateien nicht geliefert.“ Notlüge erlaubt?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
So etwas kann auffliegen. Die Botschaft heißt doch eher: „Ich habe etwas nicht geschafft.“ Warum kann man nicht mutig genug sein, einen Fehler zuzugeben? Jeder gute Chef muss das können. Wer in der Lage ist, Fehler zuzugeben, steht in der Wertigkeit einer sozial intelligenten Mannschaft weit oben.
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Das ist nicht in Ordnung, weil man jemand anders Schaden zufügen kann und die eigene Verantwortlichkeit wegschiebt. Wenn mir der andere allerdings auch selbst schon Schaden zugefügt hat, fände ich es vertretbar, dieser Person eins auszuwischen.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Hier würde ich mit Kant argumentieren: Das ist unter keinen Umständen zu rechtfertigen. Es ist eine vollkommene Pflicht zu unterlassen, was andere schädigt. Wenn wir noch dazu jemanden mit geringerem Einfluss schädigen, wiegt das doppelt schwer.

Die Vita frisieren?

Im Lebenslauf verschwindet die sechs Monate währende Arbeitslosigkeit, in einem Karrierenetzwerk macht eine junge Frau aus einer wissenschaftlichen Mitarbeit kurzerhand eine Professur. Ist dieses Schauspiel erlaubt?

Stafan Koop: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Profis merken den Schwindel sofort. Man braucht ihn heute aber auch nicht mehr. Vor 20 Jahren war jemand, der seinen Job verloren hatte, kaum vermittelbar. Das hat sich seit dem Zusammenbruch des neuen Marktes geändert. Man kann heute in den Lebenslauf offen schreiben: „Ohne Beschäftigung“. Wer pfuscht, gerät dicht an die Urkundenfälschung. Deswegen lassen wir auch keine Kandidaten an unsere Klienten, bei denen wir nicht alle Angaben verifizieren.
Karsten Kaie: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Ich hätte vor zwei Jahrzehnten davon abgeraten, weil ich gedacht hätte, dass so etwas auffliegt. Aber in unserer Berufswelt gibt es kaum eine Bewerbung mehr, die nicht durchtränkt ist von der Lüge. Ich zitiere hier Heinrich Zille: „Jeder schließt von sich auf andere und berücksichtigt nicht, dass es auch anständige Menschen gibt.“ Wer sich als ehrliche Haut präsentiert, erscheint blasser und verliert seine Chancen. In einer Wirtschaft, in der Hausmeister „Facility Manager“ sind und Verkäufer „Sales Advisor“, muss man nach der Maxime „Mehr Schein als Sein“ agieren, nach meinem Motto „Lieber Hochstapler als Gabelstapler“.
Johannes Wallacher: „Ja“ „Nein“ „Jein“ ` ^
Ein bestimmtes Maß an positiver Präsentation ist akzeptabel, solch bewusste Unwahrheiten dagegen nicht. Auch hier würde ich nach Aristoteles fragen: „Entspricht das vermittelte Bild meinem Selbstbild?“ Schwächen darf man doch heute offen benennen, schließlich will man ja zu einem Unternehmen, das solche Ehrlichkeit wertschätzt.

Titelbild: Getty; Multimedia: Bernd Helfert

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 17.12.2015 07:21 Uhr