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Methoden-Debatte : Literaturwissenschaftler lesen ungenau? Krisengerede!

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Der Poststrukturalismus zeichnet sich aus durch Neubewertungen von Subjektivität – oft empfunden als narzisstische Kränkung –, und den Blick auf Macht- und Gewaltverhältnisse, die institutionell-strukturelle Aspekte ebenso wie Sprache oder Leiblichkeit betreffen. Die Überzeugung, dass sich die formal-ästhetische Gestaltung des Textes über ein Interesse für sozial-kulturelle Dynamiken erschließt, ist mit einer grundsätzlich machtsensiblen und -kritischen Perspektive verbunden.

Eine historische Tiefendimension erhält die proklamierte Renaissance, wenn man bedenkt, dass die kulturwissenschaftliche Öffnung folgerichtig am Ende einer kritischen Auseinandersetzung mit werkimmanenten Lektüren stand, die im Kontext von 1968 begann. Anstatt in kulturkritisches Polemisieren einzustimmen und die Errungenschaften der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft gemeinsam mit der Postmoderne vom Tisch zu fegen, ist es für Fachdebatten produktiver, die Leistungen der jeweils eigenen Interpretationskunst herauszustellen.

Hier kann eine praxeologische Sicht helfen. Begreift man Lektüre als Praktik, nicht als Methode, die jeweils von einer Theorie exklusiv für sich reklamiert wird, lösen sich manche Gegensätze von selbst auf. Close Reading etwa wird je nach Literaturverständnis in hermeneutischen Ansätzen ebenso wie in textimmanenten und dekonstruktivistischen Herangehensweisen praktiziert. Auch der von Möller herangezogene Band „Lektüren. Positionen zeitgenössischer Philologie“ von Luisa Banki und Michael Scheffel spricht von „Lektüre als Praxis“. Nimmt man diesen Begriff der Praxis ernst, geht damit, wie ein Blick auf andere Rezensionen zeigt, nicht zwingend ein normativer Anspruch der Philologie einher.

Der Bedeutungsverlust von Literatur in der Gegenwart und damit der Relevanzverlust des Gegenstandes ist die echte Krise, mit der sich die Philologie befassen muss. Sie betrifft Fragen des Kanons ebenso wie Fragen ästhetischer Erfahrung im Rahmen des Medienwandels. Dies ist eine Diskussion, die ohne interdisziplinäre Anschlüsse nicht geführt werden kann. Eine praxeologische Perspektive könnte die soziale Dimension jeglicher Praxis in den Blick rücken: Individuelle Leistungen schreiben sich immer in ein diskursives Feld ein, basieren auf geteilten Konventionen und Werten und profitieren von konstruktiven Methodendebatten und gemeinschaftlicher Textarbeit. Die Kooperation sollte auch in den Geisteswissenschaften – wo das gemeinschaftliche Publizieren weiterhin am wenigsten verbreitet ist – einen höheren Stellenwert einnehmen. Das könnte dabei helfen, sich von fachinternen Grabenkämpfen und krisenhaften Polemiken zu verabschieden.

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