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Methoden-Debatte : Literaturwissenschaftler lesen ungenau? Krisengerede!

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Für diese Aushandlungsprozesse ist es nicht hilfreich, wenn längst überwundene Dichotomien wieder belebt werden. Melanie Möller erklärt Philologie und Literaturwissenschaft zu Gegensätzen: Philologie betreibe das „Kerngeschäft“ der Textinterpretation und sei einem genauen Lesen verpflichtet, während sich Literaturwissenschaft ausschließlich für thematische und kulturhistorische Kontexte interessiere. Um zu erkennen, wie undifferenziert dies ist, kann man etwa den New Historicism betrachten, der vor mehr als dreißig Jahren das Close Reading aus dem textimmanent arbeitenden „New Criticism“ entliehen und um die Text/Kontext-Dimension erweitert hat. Gerade aus präzisen Analysen literarischer Texte zieht die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft ihre wesentliche Inspiration, ohne dabei aber den historischen Kontext aus den Augen zu verlieren.

Ebenfalls problematisch ist, dass Möller kulturwissenschaftliche Lektürepraktiken auf Distant Reading reduziert. Dabei verkennt sie zum einen die Zielsetzung dieser für große Datenmengen produktiven und sich explizit vom Close Reading absetzenden Richtung der Digital Humanities. Zum anderen suggeriert sie, die von ihr als vorherrschend präsentierte kulturwissenschaftliche Praxis, Literatur an ihrem gesellschaftlichen Beitrag zu messen, basiere auf „flüchtiger Lektüre“. Solche gänzlich schiefen Zuschreibungen fallen hinter alle um Differenziertheit und Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven bemühten fachwissenschaftlichen Diskussionen zurück.

Die politische Sprengkraft kulturwissenschaftlichen Arbeitens

In Teilen der Literaturwissenschaft mag es den Wunsch geben, das ,genaue Lesen“ als „Kerngeschäft“ zu definieren. Dieser Wunsch wurzelt in einer Abwehrhaltung. Verräterisch ist Möllers Begriff „prekäre Verhältnisse“, mit dem sie Methodenimport und interdisziplinäre Arbeitsweisen kritisiert. In Frage gestellt wird, dass die kulturwissenschaftliche Öffnung der Literaturwissenschaft eine forschungspolitisch kluge Reaktion auf Fragen nach Fächergrenzen und interdisziplinären Gesprächen war. Sie fand in fächerübergreifend kulturwissenschaftlich orientierten Studiengängen Ausdruck, die zahlreichen kleineren Philologien das Überleben in einer hochschulpolitisch angespannten Situation gesichert haben. Und wie steht diese einsame Textinterpretation eigentlich zur herrschenden Praxis von Verbundprojekten, in denen interdisziplinäres Arbeiten gefordert wird?

Gibt es überhaupt ein Argument dafür, dass der Methodenpluralismus dem philologischen Kerngeschäft schade? Wer kulturwissenschaftliches Arbeiten auf thematische Zugriffe verkürzt, gibt dem Gegenmodell der „athematischen Lektüre“ eine polemische Note, die skeptisch stimmt. Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft entwickelt Deutungen für die Ästhetik literarischer Texte, indem sie strukturelle und formale Elemente im Zusammenspiel mit – statt: vor dem Hintergrund von – kulturell-sozialen Bedeutungszuweisungen betrachtet.

Der falsche Gegensatz von Philologie und Literaturwissenschaft lässt sich als Versuch verstehen, eine durch den Methodenpluralismus ausgelöste Irritation zu bekämpfen. Die Ausrufung der philologischen Renaissance fällt zusammen mit einer Hochkonjunktur antiakademischer Kritik an der Postmoderne. Der wieder vermehrt vertretene Rückschritt zu textimmanenter Arbeit ist ganz sicher auch eine Antwort auf die politische Sprengkraft kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Als provokativ erfahren und abgewehrt wird vor allem die Thematisierung von Machtfragen in Interpretationen.

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