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Wissenschaft und Politik : Lieferdienst für Innovationen

  • -Aktualisiert am

Das Wissenschaftszentrum in Berlin Bild: Andreas Pein

Die Politik drängt die Wissenschaft, kurzfristig gesellschaftliche Probleme zu lösen. Reicht sie damit ihre eigenen Aufgaben an die Wissenschaft weiter?

          4 Min.

          Niemand wird von der Politik erwarten, zweckfreie Wissenschaftspolitik zu betreiben. Aber man sollte nicht den Fehler machen, den Wert und die Legitimität der Wissenschaft nur noch an ihren Antworten auf jene Fragen zu messen, die ihr aus der Politik gestellt werden. Oder aus der Gesellschaft und Wirtschaft. Vertrauen in die Wissenschaft meint schließlich nicht nur die Überzeugung, dass früher oder später das gewünschte Nützliche herauskommt, wenn man nur genug Geld investiert. Also noch wirksamere Medikamente und noch schadstoffärmere Motoren, sprich das, was gemeinhin als Innovation gilt. Wirkliches Vertrauen in die Wissenschaft bedeutet, von ihr zunächst einmal gar nichts zu erwarten, außer dass sie sich selbst um ihre Angelegenheiten kümmert. Es bedeutet, sich einen gesellschaftlichen Raum der Reflexion zu leisten, dessen Funde, von außen betrachtet, dem Laien manchmal höchst merkwürdig erscheinen müssen oder auch völlig nutzlos, und aus dem man sich trotzdem heraushält.

          Aber das scheint nicht mehr zu gelten. Jetzt gibt es angeblich einen neuen Gesellschaftsvertrag, der von der Wissenschaft die „kontinuierliche und umfassende Berücksichtigung externer Ansprüche von Partizipation“ fordert. Dürfen und sollen jetzt alle mitreden bei der Wissensproduktion, nur weil sie sich als Betroffene dazu berufen sehen?

          Die Idee eines neuen Gesellschaftsvertrags mit der Wissenschaft stammt von der Münchener Soziologin Sabine Maasen. Zur Diskussion gestellt hat sie ihn unter dem Titel „Hybridisierung der Wissenserzeugung“ auf einer Konferenz des Berliner Wissenschaftszentrums (WZB) zu der Frage, wer „zu welchem Zweck Wissenschaftspolitik betreibt“. Stefan Kuhlmann von der Universität Twente präzisierte Maasen dahin gehend, dass die Wissenschaft heute von einer sozialen Öffnung, aber zugleich von einer epistemischen Schließung geprägt sei. Man müsse nicht nur an den Klimawandel denken, um zu erkennen, wie massiv Wissenschaft heute in Anspruch genommen werde, gesellschaftliche Probleme in Form von Innovationen zu lösen. Ohne wissenschaftliche Expertise sei demokratische Politik unmöglich geworden, sagte Kuhlmann, gleichzeitig aber wachse die Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Wahrheitsansprüchen und der Legitimität staatlicher Wissenschaftsförderung.

          Fragen aus der Gesellschaft

          Wilhelm Krull von der Volkswagen-Stiftung sprach ergänzend von einem „massiven Vertrauensverlust“ gegenüber der Wissenschaft. Edda Müller von Transparency International nahm die angebliche Krise zum Anlass, mal eben so die Autonomie der Wissenschaft in zu Frage stellen. Wir brauchten mehr Lösungen, und diese von der Wissenschaft einzufordern sei die Aufgabe der Politik, so Müller wuchtig. Für Andreas Knie vom WZB gab es nichts Konservativeres als die Wissenschaft. Gar nichts habe sich hier geändert, überall herrschten die alten Hierarchien. Da müsse man mal ran, polterte Knie, verriet allerdings nicht, wie.

          Nicht jeder auf dem Podium konnte oder wollte sich diesem düsteren Szenario anschließen. Andreas Stucke vom Wissenschaftsrat wertete die jährlichen Überweisungen an die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max- Planck-Gesellschaft als Beweis des tiefen Vertrauens der Politik in die Selbstregulierungsfähigkeiten der deutschen Forschung. Ulrich Schüller vom BMBF verwies eher unbeeindruckt darauf, dass die Wissenschaft die Gesellschaft heute in nie dagewesenem Ausmaß durchdringe, insofern sei es völlig legitim, dass der Wissenschaft auch immer mehr Fragen aus der Gesellschaft gestellt würden.

          Natürlich kann man sich auch mit solchen Normalitätsunterstellungen den professionsbedingten Krisendiagnosen einer alarmistischen Wissenschaftsforschung entziehen, die ihre Berechtigung ja auch irgendwie legitimieren muss. Man sollte darin nur keinen Anlass sehen, gar nicht erst über die Probleme der Wissenschaftspolitik diesseits der großen Krise zu reden. Zugestanden: Wenn etwa das Bundeswissenschaftsministerium die Forschung an neuen Antibiotika fördert oder mit dem Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten die nationale Forschungsdateninfrastruktur unterstützt, also letztlich Forschung finanziert, die tatsächlich Lösungen für vorher exakt definierte Probleme liefern kann, dann ist das völlig unstrittig und zur Gänze unpolitisch.

          Gefahr des Postfaktischen

          Politisch wird es erst, wenn man, wie Krull zu Recht kritisierte, über das ständige Anwachsen der Drittmittelforschung bei gleichzeitigem Rückgang der universitären Grundfinanzierung die Autonomie der Forschung schleichend aushöhlt. Auch Maasen sprach ja von der Innovationsfähigkeit als dem neuen „Goldstandard“ der Wissenschaft, der die Erkenntnisgewinne der Grundlagenforschung längst abgelöst habe.

          Politisch wird es auch, wenn man richtig viel Geld nur noch in die Exzellenzförderung steckt und die Verlierer dieses Wettbewerbs gänzlich leer ausgehen. Und besonders politisch wird es, wenn man gesellschaftliche Lösungen von Neugründungen wie dem Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt oder dem Deutschen Zentrum für Migrations- und Integrationsforschung fordert. Was erwartet sich die Politik von solchen ressortnahen Einrichtungen? Ist es mehr als der Nachweis, dass man sich jetzt endlich um die wirklich „drängenden Probleme“ der Gesellschaft kümmert? Etwa indem man Migrationsforscher in ein neues Institut beruft, die zwar alle schon seit Jahrzehnten Migrationsforschung betrieben haben, es jetzt aber politiknah und damit wohl irgendwie problembewusster tun sollen?

          Dass Migrationsforschung genauso wenig wie Ungleichheitsforschung oder Bildungsforschung innovative „Lösungen“ liefern könnte, dürfte auch den für die Gründung solcher Institute politisch Verantwortlichen klar sein. Sie „liefern“ bestenfalls genaue Beschreibungen von bestimmten Ausschnitten der sozialen Wirklichkeit. Schon die Frage, ob man darin dann Probleme oder „gesellschaftliche Herausforderungen“ erkennen will, ist keine wissenschaftliche mehr, sondern eine politische. Und auch die Entscheidung, welche Maßnahmen man dann zur Beseitigung dieses Problems ergreifen will, ist eine politische, womit man den Raum des Forschens und Fragens endgültig hinter sich lassen muss.

          Allerdings werden gerade bei Themen wie Migration und sozialer Zusammenhalt besonders viele Akteure aus der Zivilgesellschaft den Anspruch erheben, mit zu entscheiden. Darum dürfte hier jede Entscheidung besonders strittig ausfallen, also politisch sein. Hier wäre die vornehmste Aufgabe der Wissenschaftspolitik, in der Konkurrenz der Wahrheitsansprüche, mit denen die beteiligten Akteure auftreten, unmissverständlich Partei für die Wissenschaft zu ergreifen als der Stimme im gesellschaftlichen Konzert, die über das Privileg methodisch gewonnener Erkenntnis verfügt. Wer dieses Privileg nicht mehr anerkennen will, kann sich im Postfaktischen einrichten, wo es nicht mehr um Hypothesen, Methoden und Beweise geht, sondern nur noch um Macht.

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