https://www.faz.net/-gyl-9spwe

Wissenschaft und Politik : Lieferdienst für Innovationen

  • -Aktualisiert am

Natürlich kann man sich auch mit solchen Normalitätsunterstellungen den professionsbedingten Krisendiagnosen einer alarmistischen Wissenschaftsforschung entziehen, die ihre Berechtigung ja auch irgendwie legitimieren muss. Man sollte darin nur keinen Anlass sehen, gar nicht erst über die Probleme der Wissenschaftspolitik diesseits der großen Krise zu reden. Zugestanden: Wenn etwa das Bundeswissenschaftsministerium die Forschung an neuen Antibiotika fördert oder mit dem Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten die nationale Forschungsdateninfrastruktur unterstützt, also letztlich Forschung finanziert, die tatsächlich Lösungen für vorher exakt definierte Probleme liefern kann, dann ist das völlig unstrittig und zur Gänze unpolitisch.

Gefahr des Postfaktischen

Politisch wird es erst, wenn man, wie Krull zu Recht kritisierte, über das ständige Anwachsen der Drittmittelforschung bei gleichzeitigem Rückgang der universitären Grundfinanzierung die Autonomie der Forschung schleichend aushöhlt. Auch Maasen sprach ja von der Innovationsfähigkeit als dem neuen „Goldstandard“ der Wissenschaft, der die Erkenntnisgewinne der Grundlagenforschung längst abgelöst habe.

Politisch wird es auch, wenn man richtig viel Geld nur noch in die Exzellenzförderung steckt und die Verlierer dieses Wettbewerbs gänzlich leer ausgehen. Und besonders politisch wird es, wenn man gesellschaftliche Lösungen von Neugründungen wie dem Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt oder dem Deutschen Zentrum für Migrations- und Integrationsforschung fordert. Was erwartet sich die Politik von solchen ressortnahen Einrichtungen? Ist es mehr als der Nachweis, dass man sich jetzt endlich um die wirklich „drängenden Probleme“ der Gesellschaft kümmert? Etwa indem man Migrationsforscher in ein neues Institut beruft, die zwar alle schon seit Jahrzehnten Migrationsforschung betrieben haben, es jetzt aber politiknah und damit wohl irgendwie problembewusster tun sollen?

Dass Migrationsforschung genauso wenig wie Ungleichheitsforschung oder Bildungsforschung innovative „Lösungen“ liefern könnte, dürfte auch den für die Gründung solcher Institute politisch Verantwortlichen klar sein. Sie „liefern“ bestenfalls genaue Beschreibungen von bestimmten Ausschnitten der sozialen Wirklichkeit. Schon die Frage, ob man darin dann Probleme oder „gesellschaftliche Herausforderungen“ erkennen will, ist keine wissenschaftliche mehr, sondern eine politische. Und auch die Entscheidung, welche Maßnahmen man dann zur Beseitigung dieses Problems ergreifen will, ist eine politische, womit man den Raum des Forschens und Fragens endgültig hinter sich lassen muss.

Allerdings werden gerade bei Themen wie Migration und sozialer Zusammenhalt besonders viele Akteure aus der Zivilgesellschaft den Anspruch erheben, mit zu entscheiden. Darum dürfte hier jede Entscheidung besonders strittig ausfallen, also politisch sein. Hier wäre die vornehmste Aufgabe der Wissenschaftspolitik, in der Konkurrenz der Wahrheitsansprüche, mit denen die beteiligten Akteure auftreten, unmissverständlich Partei für die Wissenschaft zu ergreifen als der Stimme im gesellschaftlichen Konzert, die über das Privileg methodisch gewonnener Erkenntnis verfügt. Wer dieses Privileg nicht mehr anerkennen will, kann sich im Postfaktischen einrichten, wo es nicht mehr um Hypothesen, Methoden und Beweise geht, sondern nur noch um Macht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Freie Fahrt? Auf Deutschlands Autobahnen wartet die „größte Verwaltungsreform seit Jahrzehnten“.

Autobahnen : Besser als Google Maps

Bald übernimmt der Bund Planung, Bau und Betrieb der Autobahnen. Anfang 2020 beginnt ein erster Härtetest: Eine Verwaltung, die sich Jahrzehnte eingespielt hat, wird durcheinandergewirbelt. Wird alles klappen?
Die Dividenden ersetzen die Zinsen nicht.

Die Vermögensfrage : Die Dividende ist nicht der neue Zins

In Zeiten abgeschaffter Zinsen werden neue Anlagemöglichkeiten gesucht und gefunden: die Dividende. Ein guter Tausch? Dividendentitel können ein attraktiver Bestandteil der eigenen Aktienanlagestrategie sein, den Zins aber ersetzen sie nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.