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Leibniz-Preisträger : Der Autobiograph des Ostens

  • -Aktualisiert am

Der Soziologe Steffen Mau ist Leibniz-Preisträger der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bild: juergen-bauer.com

Seine Arbeit über den Rostocker Stadtteil „Lütten Klein“, in der er die Seelenlage Ostdeutschlands auslotet, war ein Bestseller. Der Leibniz-Preisträger Steffen Mau versteht es, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.

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          Für einen Soziologen ist es ein Glücksfall, wenn er die eigene Biographie als beispielhaft darstellen kann. Selbstverständlich erfordert dieser glückliche Umstand auch ein besonderes Fingerspitzengefühl, für das es eigentlich keine methodologische Anleitung gibt. Wenn die Inspektion eines Forschungsfeldes zugleich auch zur Introspektion gerät, wenn man Gefühlslagen erforscht und dabei auch die eigene Seelenlage erkennen muss, erfordert das einen ständigen Balanceakt zwischen Distanz und Einfühlung, zwischen Kritik und Anerkennung.

          Misslingt das, kommen meist Bücher heraus, die zu viel Literatur sind und zu wenig Wissenschaft. Steffen Mau ist es gelungen. Seine soziologische Studie über den Rostocker Stadtteil Lütten Klein, in dem der 1968 geborene Soziologe auch aufgewachsen ist, kann man als Beispiel für ein wissenschaftliches Interesse lesen, das seine biographische Begründung nicht verbirgt, sondern daraus das Beste macht: Einsichten gewinnt, die anderen so nicht gelungen wären. Darum ist es verdient, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Mau jetzt mit dem Leibniz-Preis belohnt hat. Damit verbunden sind Forschungsgelder in Höhe von 2,5 Millionen Euro.

          Dichte Beschreibungen

          Mau, der an der Berliner Humboldt Universität eine Professur für Makrosoziologe innehat, erfüllt eine Forderung, die in der zersplitterten Soziologie meist nur Appell bleibt. Er verbindet tatsächlich seine makrosoziologischen Strukturanalysen mit „dichten Beschreibungen des individuellen und sozialen Lebens auf einer Mikroebene“, so die DFG in ihrer Würdigung des Preisträgers. Geforscht hat Mau an europäischen Vergesellschaftungsprozessen, zu den Abstiegsängsten der Mittelschicht ebenso wie zur Arbeitsmigration deutscher Facharbeiter in Europa. Nach akademischen Stationen in Florenz, Paris und Harvard war er zunächst Professor für politische Soziologie in Bremen, 2015 folgte er schließlich einem Ruf nach Berlin.

          Nach Andreas Reckwitz, der seit diesem Jahr ebenfalls in Berlin lehrt, hat damit der zweite Soziologe der Humboldt- Universität den Leibniz-Preis bekommen. Von einer Serie würden Soziologen zwar erst nach drei Preisträgern sprechen, aber eine Gemeinsamkeit der beiden Ausgezeichneten lässt sich nicht übersehen: Sie sind beide Vertreter einer Soziologie, die mit ihren Publikationen ein großes Publikum jenseits der eigenen Fachöffentlichkeit erreicht haben.

          Das mag nicht der ausschlaggebende Grund für ihre Auszeichnung gewesen sein, aber hilfreich war es bestimmt. Öffentliche Wirksamkeit der eigenen Publikationen wird man von anderen Leibniz-Preisträgern etwa aus der Epigenetik oder der Erdsystemmodellierung nicht erwarten können, von Sozialwissenschaftlern schon.

          Ausgewogenheit der Darstellung

          Reckwitz’ 2017 erschienene „Gesellschaft der Singularitäten“ ist ebenso wie Maus „Lütten Klein: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ von 2019 ein Bestseller. Sie entsprechen dem Desiderat einer „Public Sociology“ (DGS), wie sie sich die „Deutsche Gesellschaft für Soziologie“ ausdrücklich wünscht. Das Fach sollte nämlich nicht darauf warten, dass seine Expertise von Medien oder politischen Institutionen „abgefragt und angefordert“ werde. Eine „öffentliche Soziologie“ erschöpfe sich auch nicht darin, „Feuilletons zu bestücken“. Sie soll vielmehr in den „lokalen Dialog mit einem interessierten Publikum“ treten. Man solle tatsächlich ein „nichtakademisches Publikum“ erreichen!

          Steffen Mau jedenfalls hat sein Publikum erreicht. Der Verdacht, in Büchern wie „Lütten Klein“ werde die Wissenschaftlichkeit der Verständlichkeit und der politischen Gefälligkeit geopfert, trifft auf sein Werk trotzdem nicht zu. In Rostock, wo er einmal zu Hause war, hat er sich seinen sicher nicht nur akademischen Lesern in zahlreichen Begegnungen gestellt. Bei einem Buch, das auch schonungslos den Rechtsextremismus in der DDR-Gesellschaft beschreibt, war das durchaus mutig.

          Dem Vorwurf, er verteidige diese DDR bis zur Verklärung, ist Mau trotzdem nicht entkommen. Die Ausgewogenheit der Darstellung, die er mit seinem Buch eigentlich erreichen wollte, sei eher in Reaktionen aus dem Ausland anerkannt worden, sagt Mau zur Rezeption von „Lütten Klein“. Aber wer sich mit soziologischer Forschung aus seiner fachspezifischen Leserschaft herauswagt, muss eben darauf gefasst sein, dass die Gesellschaft selektiv liest.

          Die Erwartung der Wissenschaft ist natürlich, dass das Publikum den Wahrheitsgehalt ihrer Fakten anerkennt, selbst bei so affektbesetzten Gebilden wie der DDR-Gesellschaft. Das Publikum aber hat Interessen und Motive, es pickt sich aus den Fakten heraus, was den eigenen Erwartungen eher entspricht. Die meisten Wissenschaftler haben auf diesen sogenannten „Dialog mit der Öffentlichkeit“ keine Lust. Steffen Mau hat sich darauf eingelassen.

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