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Lehrevaluationen : Misstrauen mit Methode

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Lehrveranstaltung in den Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Universität Halle/Wittenberg Bild: ZB

Lehrevaluationen sind ein Instrument der Fremdsteuerung an den Universitäten. Sie machen Bildung zum technokratischen Akt. Bessere Lehre bringt nur der direkte Dialog. Ein Gastbeitrag.

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          Zur pädagogischen Arbeit des Unterrichtens gehört der Dialog über Inhalte, Methoden und Ziele von Lehrveranstaltungen. Zu Beginn des Semesters werden die Themen und deren Einbindung in den fachlichen und historischen Kontext, besonders relevante Einzelaspekte, begleitende Literatur und Leistungsnachweise besprochen. Am Ende des Semesters steht die Nachbesprechung, oft verbunden mit einer Rückmeldung vonseiten der Studenten per Fragebogen.

          Üblich war, dass die Dozenten diese Fragebögen im Seminar ausgeben, am Ende der Stunde einsammeln und die Rückmeldungen in der Folgewoche mit den Studenten besprechen. Die Basis waren das Seminar, wechselseitiges Vertrauen durch direkte Beziehung und gemeinsame Ziele: der erfolgreiche Abschluss der Veranstaltung, auch Diskussionen über mögliche thematische Ergänzungen oder Verbesserungsvorschläge für die Lehrveranstaltung selbst.

          Das ist mit den Evaluationsverordnungen im Rahmen des Bologna-Prozesses ins Gegenteil gekippt. Statt einer Dialogkultur existiert ein generelles Misstrauen gegenüber allen Beteiligten. Beiden Seiten wird Unaufrichtigkeit unterstellt. Dozenten dürfen die Evaluationsbögen nicht mehr einsammeln und auswerten. Sie könnten ja handschriftlich ausgefüllte Evaluationsbögen mit ebenfalls handschriftlich geschriebenen Klausuren vergleichen. Für Kritiker des Seminars könne das, so die Logik, zu schlechten Noten in Klausuren führen. Das unterstellt die Verletzung einer zentralen Amtspflicht, der möglichst objektiven und personenunabhängigen Beurteilung von Leistungsnachweisen, und wäre sowohl beamten- wie verwaltungsrechtlich zu ahnden.

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          Studenten dagegen könnten aus Angst vor schlechten Noten vor Kritik zurückschrecken, selbst wenn der Semestersprecher oder die Semestersprecherin die Evaluationsbögen einsammelt und die ausgewerteten Ergebnisse ohne Namensnennung im Seminar vorträgt. Letzteres wäre allerdings rechtlich mehr als fragwürdig, da die Evaluationsbögen personenbezogene Daten erheben. Sind Bologna-Hochschulen (als Sammelbegriff für tertiäre Bildungseinrichtungen) mittlerweile Orte der Angst, Anpassung und Unterordnung, in denen ein Diskurs nicht mehr möglich ist? Wo sonst sollen Studenten lernen, Kritik zu äußern oder vorgegebene Strukturen infrage zu stellen?

          Geradezu widersinnig ist die Praxis einiger Einrichtungen: Dozenten dürfen Evaluationsbögen hier nur austeilen. Studenten sammeln die Bögen ein und übergeben sie in einem verschlossenen Umschlag der oder dem Evaluationsbeauftragten der Fakultät. Die Bögen werden anschließend gescannt, Ankreuz-Antworten automatisiert statistisch ausgewertet, die Ergebnisse den Dozenten zugemailt – mitsamt den handschriftlichen Anmerkungen der Freitextfelder. Dozenten, die Schriftproben vergleichen und Klausurnoten danach vergeben wollten, könnten das auch in der digitalisierten Variante.

          Was den Raum eigentlich nicht verlassen dürfte

          Wer auf rein digital realisierte Evaluationen setzt (mit aufwendigen Anonymisierungsmethoden zumindest für die Studenten), unterschlägt die Folgen einer technisierten Feedback-Kultur. Fehlende soziale Einbindung und Kontrolle bei kommunikativen Prozessen, auch und gerade im Fall von berechtigter, konstruktiver Kritik, führt ohne soziales Gegenüber schnell zum Entgleisen der Sprache. Wer allein an Bildschirm und Tastatur sitzt, neigt zu Polemik, wie man es aus den sozialen Medien kennt. Konstruktives Feedback bleibt dann aus. Immerhin sind die Daten (samt Zuordnung zu Person und Veranstaltung) jetzt im Hochschul-IT-System hinterlegt und für die weitere „Personalführung“ nützlich. Wer beispielsweise nach der W-Besoldung alimentiert wird, muss bei seinen regelmäßigen Selbstberichten unter anderem die Evaluationsergebnisse beilegen. Sie gelten als ein Kriterium für mögliche Zulagen.

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