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Göttinger Machtkonflikt : Bildungspflichten eines Universitätspräsidenten

  • -Aktualisiert am

Die Aula der Universität Göttingen Bild: Picture-Alliance

In Göttingen protestieren Professoren erfolgreich gegen den Amtsantritt eines Präsidenten, der für die manageriale Universität steht. Die Studenten lässt der Konflikt erstaunlich kalt.

          4 Min.

          Die gescheiterte Präsidentenwahl an der Universität Göttingen ist weit mehr als eine südniedersächsische Campus-Posse. In ihr sind Konflikte um universitäre Identität und Machtverteilung zum Ausbruch gekommen, die latent auch an anderen Hochschulen existieren. Im Juni hatte der Senat der Göttinger Universität den Präsidenten der Universität Lüneburg, Sascha Spoun, zum neuen Leiter der Georgia Augusta gewählt. Er sollte Ulrike Beisiegel nachfolgen, die sich wegen des Scheiterns ihrer Universität im Exzellenzwettbewerb vom Amt zurückzieht.

          Spoun hatte auch die nachdrückliche Unterstützung des Stiftungsrates, des Aufsichtsgremiums der Universität. Dessen Vorsitzender, der Generalsekretär der Volkswagenstiftung Wilhelm Krull, leitete zugleich die Findungskommission und hatte maßgeblichen Einfluss darauf, dass Spoun sich – als einziger Kandidat – zur Wahl stellte. Doch nach dessen Kür zum Präsidenten bat ein Verwaltungsgericht aufgrund einer Konkurrentenklage die Göttinger Universität, Spoun vorerst nicht zum Präsidenten zu ernennen. Wilhelm Krull trat daraufhin von seinen Göttinger Ämtern zurück. Sascha Spoun hatte schon vorher seinen Amtsverzicht bekanntgegeben.

          Schon vor der Wahl hatte es massive Proteste vieler Professoren gegeben. Ihre Aufrufe richteten sich dagegen, dass mit Sascha Spoun ein reiner Hochschulmanager ausgewählt worden war und nicht, wie in der Ausschreibung verlangt, eine profilierte Forscherpersönlichkeit. Jemand ohne wissenschaftliche Reputation, so der Tenor, könne die Forschungsuniversität Göttingen nicht angemessen repräsentieren. Dass Spoun zudem als Lüneburger Universitätspräsident verschiedentlich wegen intransparenter Aktionen in der Kritik gestanden hatte, trug nicht zur Glättung der Wogen bei.

          Protest gegen vollendete Tatsachen

          Besonderen Unmut erregte, dass Senat und Stiftungsrat sich weigerten, ihren Kandidaten vor der Wahl der universitären Öffentlichkeit zu präsentieren und den Mitgliedern der Hochschule Gelegenheit zu geben, ihn zu befragen. Stattdessen versuchten die Gremien unter Federführung der Findungskommission, vollendete Tatsachen zu schaffen. Insgesamt beteiligte sich etwa ein Viertel der Göttinger Professorenschaft an den Protesten. Dass es den Initiatoren gelungen war, aus dem Stand heraus in kurzer Zeit so viele Unterstützer zu mobilisieren, legt nahe, dass hier die Mehrheitsmeinung der Hochschullehrer zum Ausdruck kam.

          Eine universitätsweite Debatte vor der Wahl wäre dringend notwendig gewesen, meint Andreas Busch, Professor für Politikwissenschaft in Göttingen. Schließlich hätte die Wahl eines Managers wie Spoun einen „Paradigmenwechsel“ bedeutet an einer Universität, deren Präsidentenamt bislang immer von Personen bekleidet worden war, die auch über wissenschaftliches Renommee verfügten: „Wer einen solchen Wechsel will, muss das öffentlich machen und zur Diskussion stellen.“ Tatsächlich spiegeln sich in den Querelen um die Präsidentenwahl tiefer gehende Auseinandersetzungen um das Selbstverständnis einer traditionsreichen Universität, die nach wie vor zu den führenden in Deutschland gehört, deren Selbstbewusstsein aber durch das Scheitern im Exzellenzwettbewerb beträchtlich gelitten hat. In dieser Situation der Orientierungslosigkeit sahen Spouns Unterstützer in dem Macher aus Lüneburg einen Hoffnungsträger. Für seine Gegner hingegen war seine Wahl kein Schritt aus der Krise, sondern tiefer in sie hinein.

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