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Lego-Weiterbildungen : Ein paar Bausteine für den Unternehmenserfolg

Kopflos, per Antenne auf Sendung oder voll am Rotieren - die Legoschöpfung eines Workshopteilnehmers lässt viel Raum für Interpretation. Bild: Ina Lockhart

Dass Erwachsene mit Lego spielen, klingt seltsam. Dahinter verbergen sich aber ernsthafte Fortbildungen, die Mitarbeiter und Chefs animieren sollen, Gedanken und Gefühle auszudrücken. Ein Besuch.

          3 Min.

          „The lonely guy“ – er steht da ganz allein, projiziert an die Wand, mit dem Rücken zu den rund 60 Workshop-Teilnehmern. Der Blick des Logomännchens mit der roten Baseballkappe geht in die leere Ferne. Keiner interessiert sich für ihn, keiner will hören, was er zu sagen hat. So fangen Robert und Jette Ramussen ihren Workshop über „Lego Serious Play“ in Frankfurt an. 

          Ina Lockhart

          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Ach ja, da ist er wieder – der Mann oder die Frau an der Spitze, um den oder die es einsam wird, denken einige der Teilnehmer. Bestimmt geht es jetzt gleich darum, wie Vorgesetzte mit Lego spielend lernen sollen, besser mit ihren Mitarbeitern zu kommunizieren. Schließlich trägt der Workshop den Titel „Humble Leadership“. „Führen mit Bedacht“ würde man wohl auf Deutsch sagen.

          Doch was sollen diese Tütchen voller Lego-Bausteine, vor denen die Teilnehmer an ihren Tischen sitzen? Auf den ersten Blick scheinen sie zufällig ausgewählt. Auf den zweiten Blick wird klar, dass jeder Teilnehmer mit demselben Rüstzeug an den Start geht. Robert Rasmussen, der heute – zusammen mit seiner Frau Jette - sein Geld als überzeugter Lego-Serious-Play-Coach verdient, hat zwei Jahre unermüdlicher Praxisversuche gebraucht, bis er die optimale Zusammensetzung der Starter Kits ausgeklügelt hat.

          Trial and Error mit Lego-Bau-Sets

          Jette Rasmussen erinnert sich zurück an die Jahre 2000 bis 2002. An die Zeit in Amerika, als Robert global verantwortlich für die Leitung des Entwicklungsteams von Lego Education war – für den Bereich, der Produkte für Schulen konzipiert: „Robert gab mir immer wieder neue Listen von Legosteinen, die ich in den Ziplock-Gefrierbeuteln zusammenpacken sollte. Manchmal kam er nach Hause und bat mich, die nächsten Sets ohne die braunen Bausteine zusammenzustellen.“ Robert brauchte diese Tüten, um neue Lego-Mischungen in Testgruppen auszuprobieren. Die Herausforderung bestand darin, diese Bausets so zu gestalten, dass die Menschen ihre Gedanken und Gefühle gut ausdrücken konnten.“ Unzählige Versuchsrunden später ist Robert mit dem Basic Brick Set zufrieden. 

          Im Lego-Serious-Play-Workshop geht es um den „lonely guy“. Er wird nicht gefragt, nicht gehört, nicht besonders beachtet. Das Bauen mit Lego soll verstummten Mitarbeitern wieder das Gefühl geben, dass ihre Meinung wichtig ist. Bilderstrecke

          Noch heute produziert die Lego Stiftung diese Sets, die das Werkzeug für eine Methode sind, mit denen Unternehmen Probleme lösen, Kommunikation verbessern und neue Strategien entwickeln sollen. „Teambuilding kann ein Nebeneffekt der Workshops sein, ist aber nicht das Ziel“, sagt Jette. Es sei auch kein Spiel oder eine Werkstatt für Prototypen. „Wir bauen in den Workshops keine Fertigungsstraßen nach. Es geht um Modelle und Sinnbilder.“

          Das im Workshop thematisierte Prinzip „Humble Leadership“ geht laut Robert von drei Prämissen aus: Erstens wollen Menschen per se gerne Verantwortung übernehmen. Zweitens wissen sie, dass ihre Vorgesetzten nicht auf alles eine Antwort haben. Drittens kann ein Unternehmen nur dann erfolgreich sein, wenn jede einzelne Stimme gehört wird. Doch oft kann nicht jeder gehört werden, weil er verstummt ist.

          Innerlich verabschiedet

          „Im Schnitt nehmen in Besprechungen nur 30 Prozent der Anwesenden aktiv teil, der Rest hat abgeschaltet und sehnt das Ende des Treffens herbei“, sagt Robert. „20 Prozent der Anwesenden beanspruchen 80 Prozent der Redezeit.“ Die Mehrheit der Mitarbeiter fühle sich nicht angesprochen, nicht involviert. Lego Serious Play könne aus diesen Besprechungen, in denen sich die Mehrheit zurücklehnt, „Lean-Forward-Meetings“ machen. Denn am Ende jeder Bau-Aufgabe muss sich jeder kurz zu seinem Werk äußern.

          Oberste Regel ist dabei, dass man nicht abschweifen darf. „Erzählt über Euer Modell, schaut es dabei an und zeigt auf die Dinge, die Ihr beschreibt“, ruft Robert den Teilnehmern ermunternd zu.  Die Ersten fangen in den Kleingruppen an, ihre Legoschöpfung vorzustellen und sich dabei auf zwei wesentliche Merkmale zu beschränken. Roberts Bauauftrag lautete: „Findet die schwarze Platte und die rosa Blume. Baut einen Turm, nutzt dafür nur die gelben und grünen Steine und schließt mit der Blume ab.“ Eine beschreibt ihr Werk als eine Mischung aus Schloss und Leuchtturm. Der nächste spricht von einem Turm, der wechselnde Perspektiven biete. Eine weitere bezeichnet ihre Kreation als „Big-brother-is-watching-you-tower“.

          Später sollen die Teilnehmer noch ein Modell bauen, das eine Geschichte über ihren Alptraum-Vorgesetzten oder verhassten Kollegen erzählt. Interessante Gebilde mit eingemauerten Legomännchen, Figuren ohne Kopf und Menschen auf verschiedenen Ebenen entstehen binnen weniger Minuten. „Und was ist damit, warum hast Du das hier so gebaut?“, haken die anderen am Tisch nach. Das seien die Fragen, die oft die größte Wirkung und die besten Erkenntnisse entfalteten, berichtet Robert aus seinem Beratungsalltag in Unternehmen. Jette und er trainieren Mitarbeiter aller Hierarchieebenen. 

          Ungenutztes Potenzial

          Das Ernsthafte an dem Spielerischen sei, dass das Bauen verschiedene Wissensarten im Gehirn verbinde, erklärt Robert. „Wenn man real baut, baut man auch im Kopf. Verbindungen werden gemacht zwischen dem, was ein Mensch wissentlich weiß und dem, was er unbewusst weiß.“ Ungenutztes Potenzial werde entfaltet.

          Für Robert hat dieses ungenutzte Potenzial einen Namen: Shannon. Sie war damals Sekretariatsassistentin in seinem Team in Amerika, als er den ersten Prototypen der Lego Serious Play Methode in seinem Entwicklungsteam ausprobierte. „Die besten Beiträge kamen von Shannon. Ich fragte sie damals, warum sie nie vorher etwas gesagt habe. Ihre Antwort: Nun ja, von mir wurde nie erwartet, inhaltlich zur Arbeit des Teams beizutragen.“ 

          Dieses Schlüsselerlebnis hat Robert den Begriff des „lonely guys“ prägen lassen. Menschen, die nach der Teilnahme an einem Lego-Serious-Play-Workshop sagen: „Das war das erste Mal in 30 Jahren, dass ich nach meiner Meinung gefragt wurde.“ Genau das Gegenteil von dem Mann oder der Frau, der oder die einsam an der Spitze steht.

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