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Lebenslanges Lernen : Doktorarbeit mit neunzig

Bild: Patrick Slesiona

Was bringt jemanden im hohen Alter dazu, ein Philosophiestudium durchzuziehen und anschließend auch noch zu promovieren? Ein Hausbesuch bei Rosemarie Achenbach.

          6 Min.

          Noch bevor der Besucher auf die abgeriebene Messingklingel drücken kann, öffnet Rosemarie Achenbach die Tür. Sie trägt ein eierschalenfarbenes Kleid und eierschalenfarbene Stöckelschuhe, ihr Haar ist ergraut, sieht aber immer noch widerspenstig aus. Ihr Alter ließe sich auf sechzig Jahre beziffern, vielleicht auf siebzig, jedenfalls nicht auf die neunzig, die sie Anfang dieser Woche erreichte. Dabei tut Frau Achenbach Dinge, die zu einer Dreißigjährigen passen: Vor sechs Jahren schloss sie ihr Studium der Philosophie an der Universität Siegen in Regelstudienzeit mit dem Magister ab, seitdem schreibt sie an einer Doktorarbeit.

          Dass sie dazu in der Lage ist, zeigt sich, als Frau Achenbach in ihren Garten führt. Er liegt, leicht abschüssig, vor einer naturbelassenen Wiese. Frau Achenbach zieht ihre Schuhe aus und stapft barfuß voran; ein Apfelbaum ragt in den Himmel, in der Ferne hört man das Rauschen von Autos, es klingt fast wie ein Bachlauf. Frau Achenbach lässt sich am Arm über den Rasen geleiten. Ihr Körper mag zerbrechlich wirken, ihre geistige Frische ist ungebrochen. Früher habe sie die Arbeiten im Garten selbst erledigt, sagt Frau Achenbach, „heute lasse ich machen. Ich lasse arbeiten, ich lasse putzen, ich lasse mähen.“ Hier sollen Fotos von Frau Achenbach entstehen, und Frau Achenbach versteht eine Menge von Fotografie. Sie lässt sich vom Fotografen in Pose bringen, kommentiert die Lichtverhältnisse unter dem Apfelbaum und sagt: „Wenn Sie noch näher dran gehen, wird die Nase nur noch größer. Ich weiß doch auch, was man machen kann.“

          Ein Haus voller Fotos

          Seit den fünfziger Jahren knipste sich Frau Achenbach mit ihrem Mann durch die Weltgeschichte. Davon zeugen zahlreiche, leicht verblasste Aufnahmen in ihrem Wohnzimmer und an den Kellerwänden; Bilder von indischen Tempeln oder tibetischen Kindern. Wenn ihre eigenen drei Kinder mit Frau Achenbach spielen wollten, sagte ihnen der Vater manchmal, das sei gerade leider nicht möglich, sie müsse jetzt die Dias rahmen. Das Haus quoll über vor Fotos, bis sie ihre Diasammlung im vorigen Jahr dem Heimatmuseum spendete. Seitdem ist wieder Platz in ihren Schränken und für ein neues Kapitel in ihrem Leben: das Studium.

          Vom untypischen Ambiente ihrer Studentenbude sollte man sich nicht täuschen lassen: nicht von dem schweren Wandschrank im Wohnzimmer etwa oder den Korbsesseln mit rosa Bezug; nicht von dem davor stehenden Tisch, der in einem Retro-Möbelgeschäft in Berlin als hipp verkauft werden könnte, hier aber alt wirkt, oder dem Porzellanbesteck, das Frau Achenbach später zum Kaffeekränzchen auftischen wird. Frau Achenbach hängt nicht in der Vergangenheit fest, sie setzt sich hartnäckig der Gegenwart aus.

          Bibliothekarin im besetzten Polen

          Was bringt jemanden mit achtzig Jahren noch dazu, ein Studium aufzunehmen und anschließend eine Doktorarbeit zu schreiben? Zunächst eine lange Zeit des Verzichts. Rosemarie Achenbach wurde 1924 in Dortmund geboren. Ihren Mann Friedrich, einen evangelischen Vikar, lernte sie im Alter von zwölf Jahren kennen. Kurz darauf begann der Zweite Weltkrieg, Friedrich musste an die Front und Frau Achenbach heimlich um ihn bangen, da außer ihrer Klassenlehrerin niemand von der Verlobung wusste. 1941 bekam Friedrich bei der Schlacht um Kiew einen Kopfschuss und wurde in einem Lazarett bei Dresden behandelt; Achenbach nahm zur gleichen Zeit mit Mitschülerinnen ihres Mädchengymnasiums an den Festspielen der deutschen Jugend in Weimar teil und stattete Friedrich nachts Besuche ab. Nach der Verletzung wurde Friedrich in Frankreich stationiert, Achenbach machte ihr Abitur und begann etwas später Psychologie, Philosophie und Psychiatrie in München zu studieren. Den Arbeitsdienst in den Semesterferien wollte Achenbach in Frankreich ableisten, wurde stattdessen aber ins besetzte Polen geschickt, wo sie eine Volksbibliothek leitete. Hier erreichte sie die Nachricht, dass für alle Studenten ab sofort ein Studienverbot gelte, die sich nicht in der Examensvorbereitung befänden.

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