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Leben und arbeiten : Wenn um drei Uhr morgens der Abend gerade beginnt

Zwar zählt Madrid zu den drei teuersten Städten Spaniens, doch mit ihrer hohen Lebensqualität lockt die Metropole immer mehr Zuwanderer an.

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          Von Madrid sagen die Leute, jeder Zugereiste könne sich hier wohl fühlen, weil die Stadt kaum eigenen Charakter habe und nicht einmal genau wisse, was sie sei: Da sie schon immer eine Einwandererstadt war, drängt sie sich niemandem auf, kennt keinen Dünkel und zwingt die Ahnungslosen nicht in starre Regeln. Das alles trifft zu. Wenn jemand sagt, er stamme "aus Madrid", dann mag das bedeuten, daß seine Eltern in den fünfziger Jahren aus Asturien oder Murcia hierhergezogen sind. Deutsche gewinnen deshalb schon bald das Gefühl, sie könnten mitspielen und mitgenießen, und dieses Gefühl muß nicht trügen. Madrid, die Dreieinhalb-Millionen-Stadt mit ihren scharfen Kontrasten zwischen modern und traditionell, einem attraktiven Umland und einem lebensgefährlichen Autoverkehr, gehört tatsächlich allen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Das Mitspielen erfordert aber Neigung, Offenheit und eine gewisse Ausdauer, sei es bei der Arbeit oder in der Freizeit. Die äußeren Bedingungen der spanischen Hauptstadt sind beneidenswert: Madrid ist eine schnelle, lebenslustige Metropole mit zahlreichen strahlend blauen Sonnentagen im Jahr. Die Sommer sind backofenheiß, die Winter kühl, was ein beißender Wind zu einem eher unangenehmen Gesamteindruck verschärfen kann. Das Sonnenlicht ist scharf, fast weiß: für Nordländer eine Offenbarung. Der Frühling dagegen dauert nur wenige Tage, wenn er sich überhaupt blicken läßt.

          Ort für Nachtschwärmer

          Das durchweg trockene Klima mit seinen raschen Temperaturwechseln hat schon manchen Atemwegsprobleme bereitet. Andere aber preisen es, weil es die Lebensgeister wachhält und Mücken in Madrid nicht Fuß fassen können. Und weil Madrid so privilegiert ist, gespickt mit Bars, Cafés und vorzüglichen Restaurants, voller Sehenswürdigkeiten und grüner Parks, die zum Flanieren einladen, wird viel Wert auf Ausgehen und Unterhaltung gelegt. Zu besonders heftigen Staus kommt es bezeichnenderweise am Wochenende um drei Uhr morgens, wenn die Vergnügungssüchtigen ins historische Stadtzentrum drängen, als hätte der Abend gerade erst begonnen. Madrid ist ein Ort für Nachtschwärmer.

          Die spanischen Essensgewohnheiten allerdings - kaum Frühstück, ein zweiter Kaffee im Stehen, ein ausgedehntes Mittagsmahl um 14.30 Uhr sowie das Abendessen von 21.30 Uhr an - verlangen dem Ungeübten eine ziemliche Umstellung ab. Dieser Zeitplan hat auch Folgen für das Arbeitsleben. Morgens um 8.30 Uhr ins Büro zu kommen und es zwischen 20 und 21 Uhr zu verlassen ist nicht ungewöhnlich. Denn natürlich dauert die Mittagspause nicht eine, sondern zwei bis zweieinhalb Stunden. Um 17 Uhr, wenn in Deutschland schon viele die Mappe packen, werden in Spanien noch einmal die Ärmel hochgekrempelt.

          „Sozio-ökonomisches Haifischbecken“

          Das hat Vor- und Nachteile. "Uhrzeiten werden selten eingehalten", berichtet Fernando Carro, der Direktor des traditionsreichen Bertelsmann-Buchklubs "Círculo de Lectores". Carro hat eine vergleichende Studie über deutsche und spanische Arbeitsmentalität geschrieben. "Meetings beginnen immer mit Verspätung, und deutsche Verläßlichkeit bei Zusagen darf man in Spanien nicht erwarten. Dafür sind die Menschen improvisationswilliger und können unter Druck sogar effizienter sein." Auf die Frage, was einen Deutschen an der Madrider Arbeitswelt begeistern könnte, antwortet Carro: "Das Klima. Das Essen. Die Flexibilität."

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