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Leben und Arbeiten in Istanbul : Aufbruchstimmung am Bosporus

Nach Asien sind es nur 600 Meter Bild: H. W. Rodrian/SRT

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der EU-Perspektive ist Istanbul, das einst das "zweite Rom" war, wieder zu dem aufgestiegen, was die Stadt eigentlich immer war: ein Zentrum für Wirtschaft und Kultur.

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          Die Ereignisse im Juni hatten Istanbul treffend charakterisiert: Zunächst richtete die Stadt das Außenministertreffen der "Organisation der Islamischen Konferenz" (OIC) aus, zwei Wochen später folgte das Gipfeltreffen der Nato. Zwar stoßen am Bosporus geographisch die Kontinente aufeinander, entlang der Wasserstraße treffen sich aber die Kulturen. Immer mehr findet die imperiale Stadt zu ihrer alten Rolle zurück - als ein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum, das weit über die Türkei hinausreicht, auf den Balkan und Zentralasien, nach Nordafrika und in den Nahen Osten. Endlich streift sie ein Intermezzo ab, in der sie die neue Hauptstadt Ankara fast ein Dreivierteljahrhundert in die zweite Reihe abgeschoben hat.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Dort drohte Istanbul in Vergessenheit zu geraten. Denn nach dem Ersten Weltkrieg war der Regierungsapparat nach Anatolien gezogen, und die Privatwirtschaft hatte in der neuen Republik wenig zu sagen. Nicht zu nehmen war Istanbul jedoch die Lage am Wasser: Im Bosporus und im Goldenen Horn spiegelt sich die Silhouette seiner Moscheen, auch seiner bebauten und bewaldeten Hügel. Erhalten blieb ihr ebenfalls die Geschichte: als Hauptstadt des Byzantinischen Reichs mit dem Namen Konstantinopel und dann des Osmanischen Reiches, des lange mächtigsten Imperiums der Alten Welt.

          Attraktiv für unterschiedlichste Menschen

          Seit wenigen Jahren zieht Istanbul wieder Menschen unterschiedlichster Interessen an. In der jungen Republik war das kosmopolitische Istanbul seines Hinterlandes beraubt gewesen, eingeklemmt zwischen der Herrschaftssphäre der Sowjets und der arabischen Diktaturen. Ein weiteres hatte der sture türkische Nationalismus getan, der die kulturelle Vielfalt Istanbuls weiter dezimierte. Der Fall des Eisernen Vorhangs hat Istanbul aber endlich wieder ein Hinterland eröffnet, und die EU-Perspektive der Türkei hatte den Freiraum geschaffen, der für eine dynamische Entwicklung Voraussetzung ist.

          Istanbul ist mit seinen geschätzten 16 Millionen Einwohnern groß genug, um eine kritische Masse zu bilden, und die Stadt ist vielfältig genug, um Interesse weit über die Türkei hinaus zu wecken. Sie ist wieder für Menschen aus vielen Ländern attraktiv geworden: ob für Banker und Textilingenieure, Jazzmusiker und Graphiker, Kunsthistoriker und Fußballprofis, selbst für Konsumenten und Urlauber aus der ehemaligen Sowjetunion. Istanbul hat gegen das ungeliebte Ankara aufbegehrt und dabei die Oberhand behalten. Ankara steht für die Politik, lange hat die Hauptstadt ein autokratisch-zentralistisches Regieren verkörpert und ein nationalistisches Denken. Istanbul aber hat seine polyglotte Vergangenheit wieder zu seiner Zukunft gemacht, hat Anreize geschaffen, damit wieder bunte Vielfalt entstand.

          Wieder in der alten Rolle

          Mit der Öffnung und Demokratisierung der Türkei ist Istanbul wieder in seine alte Rolle geschlüpft. Nahezu alle großen türkischen Unternehmen haben hier ihren Sitz, auch die meisten der 1200 deutschen Niederlassungen in der Türkei. Istanbul trägt fast ein Viertel zur türkischen Wirtschaftsleistung bei, knapp die Hälfte des Außenhandels wird über die Stadt am Bosporus abgewickelt. Der Flughafen ist der geschäftigste zwischen Dubai und Frankfurt. Die Wirtschaftsbosse schwärmen von einer Aufbruchstimmung, die Kulturschaffenden von einer kreativen Dynamik.

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