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Zum Tod von Stanley Cavell : Leben am See

Stanley Cavell, 1926 bis 2018 Bild: Fritz Hoffmann/Redux/laif

Seine Erkenntnistheorie war eine Anleitung zur entspannten Hochstapelei. Seine Beschäftigung mit Literatur, Film und Theater verwandelte er in höchst eigensinnige Studien. Zum Tod des Philosophen Stanley Cavell.

          2 Min.

          Ja, ja, ja – man kann vor Stanley Cavell wie vor einem siebten Weltwunder erstarren. Man kann meinen, dass sein Kultstatus, den er im Angelsächsischen genießt, sich doch im Wesentlichen diesem unverständlich Schillernden verdankt, mit dem Cavell Theoretisches betreibt, und eben oft verblüffend abseits von den Höhen theoretischer Entwicklung. Was der Mann sich alles einverleibt hat an Literatur, Film und Theater, um diese Sachen dann in höchst eigensinnigen Studien philosophiefähig zu machen, dabei die unterschiedlichsten Protagonisten zusammenbringend, Shakespeare mit Nietzsche mit Dewey mit Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, Wittgenstein und J. L. Austin stets im Auge behaltend!

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Cavell pflegte diesen überlagernden Stil mit ungeheurer Produktivität, als Professor für Ästhetik und allgemeine Werttheorie an der Harvard University. Klar, solch ein barock-mäandernder, unbekümmert wildernde Habitus, der Abschweifung an Abschweifung reiht, kann einem über die Hutschnur gehen. Um es mit den Worten von Martin Seel zu sagen: „Wer herausfinden will, wie das alles zusammenpasst, braucht erhebliches Stehvermögen.“

          Finden wir es also heraus! Auf die Sprünge hilft uns dabei Cavells tiefes Fasziniertsein vom robusten Weltvertrauen, das der Mensch mit seinem Maloche-Ethos ausbildet, bei durchgängigem Fehlen letzter Gewissheiten. Cavell fragt: Wie hält man sich in dieser Schwebe, ohne entweder ins Bornierte oder ins Lebensuntüchtige abzustürzen? Es ist das tägliche Leben im Vorgriff, zu dem er sich selbst und seine Leser auffordert, ein Vorgriff auf Bestimmtheit trotz bleibender konstitutiver Unbestimmtheit – wie es der Fall ist bei den eigenen Gedanken, bei der Wahrnehmung von anderen, bei der Vorstellung davon, was mit einem Leben anzufangen ist, dem das Ende ins Gesicht geschrieben steht. Mit Cavell im Gepäck denkt man: Passt schon.

          Man pfeift auf die Stringenzen

          Anders gesagt: Cavells Erkenntnistheorie ist eine Anleitung zur entspannten Hochstapelei. Meint man doch versehentlich, in Stringenzen zu leben, welche sich dann aber doch bloß als höchst präsentische Hervorbringungen aus Zusammenhängen entpuppen, in denen man sich gerade aufhält. Standvermögen stellt sich immer nur „unterm Eindruck von“ her. Alles andere ist für Cavell ein Trugbild falscher Perfektion. Das ist der skeptische, die Kognition ebenso gelehrt wie passioniert unterlaufende Grundzug im OEuvre Cavells. Der „Anspruch der Vernunft“ – so der Titel von Cavells bekanntestem Buch – bewährt sich wider den Methodenzwang, lässt sich nicht auf Grundrisse bringen.

          Und auf einmal ist das Hin und Her von einem System der Künste in ein anderes, vom Film zur Literatur zur Philosophie und wieder zurück, auf einmal ist diese programmatische Grenzgängerei der allein sachgerechte, der poetische Ausdruck des Lebens am See – jene in Cavells schönem Buch „Die Sinne von Walden“ geprägte Metapher der menschlichen Existenz. Über die Runden kommen heißt demnach: Man pfeift auf die Stringenzen, lässt ab von der Maloche am Sein und gibt sich stattdessen dem Baldovern überm Abgrund hin, dabei das große Wort von der „Wahrheit des Skeptizismus“ vernehmend, mit dem Cavell aber doch nur sagen möchte, „dass die Grundlage des Menschen in der Welttotalität, seine Beziehung zur Welt als solcher, nicht kognitiver Art ist oder jedenfalls nicht von der Art, was wir uns darunter vorstellen“. Stanley Louis Cavell starb am 19. Juni mit einundneunzig Jahren in Boston.

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