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Künstliche Intelligenz : Wer nicht träumt, treibt Datenverarbeitung

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Bisher gibt es sie nur im Film: die Allgemeine Künstliche Intelligenz HAL in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968) Bild: Allstar/Mgm

Künstliche Intelligenzen schießen wie Pilze aus dem Boden, sind aber Spezialisten. Die Forschung lässt der Gedanke nicht los, sie in einer allgemeinen KI zusammenzuführen.

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          Maschinen dazu bringen, Sprache zu benutzen, Begriffe zu bilden, Probleme zu lösen, die zu lösen bislang dem Menschen vorbehalten sind, und sich selbst zu verbessern: So formulierte der 28 Jahre alte Mathematiker John McCarthy 1955 die Agenda für ein Forschungsprojekt, das er gemeinsam mit neun Kollegen in sechs Wochen zu bearbeiten gedachte. Er nannte es „Künstliche Intelligenz“. Gut sechzig Jahre später gibt es nun tatsächlich Maschinen, die von all dem ein wenig können. Doch bislang sind sie alle Spezialisten, keine erreicht die Flexibilität, die für die menschliche Intelligenz typisch ist. Die diversen elektronischen Schach- und Go-Meister können Äpfel nicht von Birnen unterscheiden und unter dem Namen des Jeopardy!-Siegers Watson, der auch Kochrezepte erfinden und Krankenakten auswerten kann, tummeln sich tatsächlich ganz unterschiedliche Systeme, die aus einem Baukasten verschiedener Module zusammengesetzt werden.

          Seit den fünfziger Jahren haben KI-Forscher immer wieder neue Ansätze probiert, um von Spezialisten, die sich in einer Bauklötzchenwelt oder auf einem Spielplan zurechtfanden, zu einer flexiblen, allgemeinen künstlichen Intelligenz zu kommen. Eine Zeit lang konzentrierte sich die Zunft auf bescheidenere Produkte, Datenbanken, Experten- und Dialogsysteme. Im Zuge des aktuellen Hypes um das maschinelle Lernen ist nun wieder häufiger von der allgemeinen Intelligenz die Rede, von Intelligence on a Human Scale, Human Level Intelligence oder, besonders prominent: Artificial General Intelligence (AGI). „In den frühen Neunzigern gab es eine Phase des Pragmatismus, in der der Staubsauger wünschenswerter erschien als Commander Data. Aber irgendwann mit den Fortschritten des maschinellen Lernens kam die alte Vision zurück, dass man vielleicht doch allgemeine Intelligenz realisieren könnte“, sagt Tarek Besold, KI-Forscher an der City University of London.

          Eine künstliche Superintelligenz ist noch nicht in Sicht

          Der Terminus AGI wurde 2006 von dem schillernden KI-Forscher und Unternehmer Ben Goertzel geprägt, seit 2008 führt eine Konferenzreihe die drei Buchstaben im Namen, seit 2013 auch ein Open-Access-Journal. Goertzel will die Entwicklung einer künstlichen allgemeinen Intelligenz mit Hilfe der Blockchain-Technologie beschleunigen. Auf seiner Plattform Singularity.net sollen Entwickler ihre Ergebnisse online stellen und verkaufen können.

          Doch ob die lernenden Systeme die allgemeine künstliche Intelligenz wirklich in Reichweite rücken, ist umstritten. Der Informatiker und Kognitionsforscher Rodney Brooks beschreibt die AGI-Szene in seinem Blog sehr kritisch: Große Begriffe würden verwendet, um Laien zu verwirren, die „tiefen neuronalen Netze“ mit „tiefer Erkenntnis“ in Verbindung gebracht, wo es doch nur um die Anzahl ihrer Rechenschichten geht. Tatsächlich drehten sich die meisten Arbeiten der selbst ernannten AGI-Forscher entweder um die Risiken einer hypothetischen Superintelligenz oder befassten sich mit sehr speziellen theoretischen und bisweilen obskuren Fragestellungen. Eine künstliche Intelligenz mit menschenähnlicher Flexibilität sei noch lange nicht in Sicht.

          Der Physiker David Deutsch macht die Philosophie dafür verantwortlich, dass es noch immer keine allgemeine KI gibt. Bis heute seien die Philosophen nicht in der Lage, aufzuklären, wie menschliche Gehirne es zuwege bringen, sich einen Reim auf die Welt zu machen. McCarthy und seine Mitstreiter hatten in den Fünfzigern einfach vorausgesetzt, man könne das menschliche Denken genau genug beschreiben, um es nachbauen zu können. Auch darin waren sie, rückblickend, zu optimistisch.

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