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Konjunktur eines Tagungsthemas : Unvernunft der reinen Kritik

  • -Aktualisiert am

Bücher, Bücher, aber nichts zu lesen: Kritiker unter sich. – Illustration zu „The Battle of the Books“ von Jonathan Swift. Bild: Wikimedia

Wer etwas über Kritik zu sagen hat, kann derzeit von einer Tagung zur anderen reisen. Denn Kritik ist an allem möglich und nirgendwo fehl am Platz.

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          Eine schöne Idee ist, dass „Poesie eben so wenig auf die Theorie wartet, als die Tugend auf die Moral“. Diese Äußerung Friedrich Schlegels mag zur Zeit ihrer Erstveröffentlichung 1798 vor allem deshalb besonders überzeugend geklungen haben, weil es noch keine modernen Forschungsuniversitäten gab, in denen Theorie heckenschützenartig auf Poesie und alle möglichen anderen Kunstwerke wartet.

          Muss das (so) sein? Die Frage danach, wie sich Theorie und andere Formen akademischer Kritik Kunstwerken nähern können oder sollten, grundierte die Tagung „Poetic Critique“, veranstaltet von der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule der Freien Universität Berlin in Kooperation mit der Indiana University.

          Dass eine kritische Auseinandersetzung auch ein Akt der Komplizenschaft sein könnte, schlug der Anglist Stephen Best vor. Jeff Dolven, ebenfalls aus der englischen Literaturwissenschaft, stellte den Begriff der wechselseitigen Imitation ins Zentrum seines Beitrags zu John Donne und William Carlos Williams. Der Philosoph Alexander Garcia Düttmann meditierte über den Begriff des Echos.

          Antiquarische Veranstaltungen

          Andere Angebote, das Verhältnis zwischen Theoretikerinnen und Kunstwerken aller Genres zu bestimmen, bezogen sich auf Begriffe wie Spiel oder Ironie, die dazu dienten, poetische Kritik nicht vor allem als eine Form der Distanzierung von Kunstwerk und Theorie zu betrachten. Vielmehr werde erst durch deren beider Nahverhältnis sowohl die Rede von der Kunst als auch der Kritik möglich und sinnvoll.

          Aufgefahren wurde eine große Breite an Materialien, von Erasmus Darwins Langgedicht „The Botanic Garden“ (1791) über die Theorie der Übergangsobjekte von Donald Winnicott bis zu zeitgenössischen Romanen von J. M. Coetzee. Letzteres blieb jedoch die Ausnahme, das Temperament der Veranstaltung war antiquarisch. Die anwesenden Graduierten blieben stumm, Professorinnen und Professoren lasen Texte vor. Schlegel wurde oft zitiert.

          In der Abschlussdiskussion meldete sich der Literaturwissenschaftler Simon During zu Wort, der zwar mit keinem Vortrag, aber vielen Ko-Referaten zur Tagung beigetragen hatte, für deren Länge er sich zunächst sympathisch entschuldigte, um dann ausführlich darauf hinzuweisen, dass eine mögliche Perspektive auf das Tagungsthema auch eine historische sein könne, in der die Entstehung moderner Politik mit der von Kritik, wie wir sie kennen, parallelisiert werde. Schön wäre es gewesen, mehr darüber zu erfahren oder nachzudenken. Es könne sein, so der Veranstalter Michel Chaouli, dass irgendwo auf der Welt just in diesem Moment eine Tagung zu dieser Frage abgehalten werde, aber vor Ort gehe es um anderes.

          Eine Querschnittsaufgabe der Geisteswissenschaften

          Chaouli wies damit auf einen auffälligen Punkt des geisteswissenschaftlichen Tagungsbetriebs hin. Mit Kritik kann man nichts falsch machen. Zumindest nicht als Tagungsthema, das wie kein anderes geeignet scheint, eine Querschnittsaufgabe der Geisteswissenschaften im Modus hoch ausgefahrener Selbstreflexion zu behandeln.

          Hier einige wenige Beispiele der letzten drei Jahre: „Theater als Kritik“ (Gesellschaft für Theaterwissenschaft, Frankfurt und Gießen), „Wert der Kritik“ (Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt), „Kritik des Digitalen“ (Villa Garibaldi, Castasegna), nicht zu verwechseln mit „Kritik der digitalen Vernunft“ (Kölner Datenzentrum für die Geisteswissenschaften), „Critical Stances“ (Jahrestagung des Graduiertenkollegs „Kulturen der Kritik“ an der Leuphana Universität Lüneburg), „Between Passion and Profession: Idioms, Performances and Institutions of Critique“ (wieder Universität Frankfurt).

          Bei den meisten dieser Veranstaltungen handelte es sich um internationale Konferenzen, also um solche, bei der Reisekosten für Gäste aus den Vereinigten Staaten übernommen werden konnten. Da Kritik international vorkommt, internationalisiert sie heimische Standorte.

          Der Blick aus dem All

          Im Januar 2017 hielt der eigens nach Frankfurt angereiste Bruno Latour einen DIN-A4-Zettel in die Höhe, auf dem ein selbstgemalter Kreis die Stellung der Erde im Weltraum anzeigte. Damit war einerseits Anlass gegeben, auf sein Gaia-Konzept zu sprechen zu kommen, andererseits stellte er ideal den großzügig aufgezogenen Referenzrahmen vor, der für Kritik-Tagungen zur Verfügung zu stehen scheint: Kritik ist möglich an und in allen Aspekten des Universums.

          Den Verdacht, Kritik als Unschärfejoker einzusetzen, wenn es darum geht, dass man gern mal wieder mit einigen Kollegen ins Gespräch kommen möchte, wird bei diesen Tagungen regelmäßig frontal angegangen. Ohne den Verweis darauf, wie vielschichtig der Begriff Kritik selbst ist und dass seine englischen Pendants „criticism“ oder „critique“ sowohl argumentative Auseinandersetzung mit Kunstwerken, Rezensionswesen, Literaturwissenschaft als eben auch, nun ja, Kritik meinen können, kam auch die jüngste Berliner Tagung nicht aus. Dabei brachte sie viele Einsichten hervor, allerdings nicht notwendigerweise solche, die den Begriff schärften.

          Mit Wohlwollen ist das als ein Widerstand gegen Forderungen zu verstehen, Geisteswissenschaft zu einer Kommentarfunktion der Nachrichtenlage umbauen zu wollen. Auch daran gilt es Kritik zu üben. Oh, Moment.

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